1. Dezember 2020

AUF EIN WORT MIT:

Greta Ullrich, Leitende Ärztin der Notaufnahme in der Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg

Die zweite Corona-Welle hat Deutschland fest im Griff. Alle Paracelsus-Kliniken geben ihr Bestes, um Infizierte zu behandeln und um weitere Infektionen zu vermeiden. Wie läuft es unter Pandemie-Bedingungen in der Notaufnahme? 

Wo liegt die Herausforderung in der Notaufnahme unter Corona-Bedingungen? 

Wir arbeiten im Prinzip seit Beginn der Corona-Krise unter verschärften Sicherheitsbedingungen und müssen extrem aufmerksam sein, weil die Notaufnahme das Einfallstor des Virus in die Klinik ist. Unsere Funktion ist quasi die eines Filters: Wir dürfen nach innen nichts durchlassen. Es reicht ja schon ein unbemerkt infizierter Patient und wir können in der Klinik ein Riesenproblem bekommen. Darum betreiben wir einen hohen Aufwand. Der fängt bei Testungen an, geht über die persönliche Schutzausrüstung bis zum Isolieren von Verdachtsfällen mit den entsprechend umfangreichen Maßnahmen.

Was hat sich im Vergleich zu früher verändert? 

Die Pandemie hat das Arbeiten in unserer Abteilung gewaltig verändert. In jeder Notaufnahme gibt es ein hohes Arbeitsaufkommen, aber jetzt muss jeder einzelne Patient noch einmal viel aufwändiger behandelt werden. Das beginnt bei uns mit der Vor-Triage, der Ersteinschätzung nach einer Checkliste für Symptome und Risiken gemäß Vorgaben des Robert-Koch-Instituts (Anm.: ist im Mitarbeiterportal verfügbar, ggf. Link). Wenn da irgendetwas positiv ist, also Husten oder Fieber zum Beispiel, werden die Patienten sofort isoliert und bekommen einen PCR-Test. Alle anderen erhalten standardmäßig einen Antigen-Test. Den haben wir bei uns seit vergangener Woche in die Aufnahmeprozedur integriert und wissen nach 15 Minuten mit hoher Sicherheit, ob ein Patient infiziert ist.

Was bedeutet eigentlich Isolation in der Notaufnahme konkret für Sie?

Isolation bedeutet für uns in der Notaufnahme einen enorm hohen Zeitaufwand, allein schon durch das Anlegen der Schutzkleidung. Wir sind dann an den Aufenthalt im Zimmer gebunden und alles, was gebraucht wird, muss gebracht werden, weil wir ja sonst jedes Mal die Schutzkleidung aus- und wieder anziehen müssten. Dadurch verlängern sich alle Abläufe erheblich. Darüber hinaus haben wir nur begrenzte Kapazitäten bei den Isolierzimmern, können sie nicht kurzfristig freimachen. Wir müssen immer erst warten, bis eine Verlegung oder Entlassung der Patienten erfolgt und der Raum dann wieder ordnungsgemäß gereinigt ist.

Wie passt das denn zeitlich in einer Notsituation? 

Wir haben strenge Zeit- und Qualitätsvorgaben und müssen da die Quadratur des Kreises schaffen. In möglichst kurzer Zeit nach dem Eintreffen in der Notaufnahme müssen wir eine medizinische Ersteinschätzung (Triage) durchführen. Diese legt anhand von validierten Kriterien, die unter anderem die Beschwerden und Vitalparameter der Patienten erfassen, die Behandlungsdringlichkeit fest. Um möglichst früh, also kurz nach dem Eintreffen der Patienten in der ZNA eine Sicherheit zu haben, haben wir die Antigentestung und die Triage integriert und streichen den Patienten sofort ab. Sollte ein Test dann positiv sein, wird der Patient isoliert und mittels PCR getestet.

Wie reagieren Patienten auf Ihre Tests und Vorsichtsmaßnahmen? 

Die allermeisten Patienten haben Verständnis für unsere Maßnahmen. Patienten, die sich Tests verweigern, müssten wir ansonsten in Isolation nehmen. Aber wir können ja niemanden zu einem Test zwingen. Natürlich gibt es manchmal Ärger, wenn Angehörige oder Begleiter von Patienten nicht zu uns in die Klinik kommen dürfen und draußen warten müssen. Aber da achten wir auf die strikte Einhaltung der Besucherregeln.

Wie ist denn die Situation im Moment in Ihrer Klinik? 

Zu Beginn der Pandemie hatten wir Glück und nur sehr wenige Fälle. Das hat sich jedoch im Oktober schlagartig geändert. Von einem auf den anderen Tag hatten wir rasant zunehmende Fallzahlen. Neben vielen hochbetagten Patienten aus den umliegenden Pflegeheimen, in den es vermehrte Fälle gab, stellten sich auch immer wieder jüngere schwerkranke Patienten bei uns vor, die auch intensivmedizinisch behandelt werden mussten.

Aber es sind nicht nur die Kapazitäten der Intensivstation entscheidend in dieser Pandemie. Gerade bei den hochbetagten Patienten ist es wichtig zu klären, ob diese überhaupt auf einer Intensivstation versorgt werden möchten. Darüber hinaus gibt es viele Patienten, die im Krankenhaus betreut werden müssen, da sie z.B. Sauerstoff benötigen, aber nicht auf die Intensivstation müssen. Auch diese Patienten müssen unter den entsprechenden Schutzmaßnahmen betreut werden, was eine hohe Belastung für die Normalstationen bedeutet.

Viele Entscheidungen über die weitere Behandlung müssen häufig unter Zeitdruck bereits in der Notaufnahme getroffen werden. Außerdem müssen wir weiterhin die Versorgung von allen Notfallpatienten sicherstellen. Corona ist nur ein Teil unserer Arbeit. Wir haben uns aber gut vorbereitet und das bisher mit Erfolg gemeistert.

Was erwarten Sie zu Weihnachten und Silvester? 

Ich hoffe darauf, dass die Menschen vernünftig sind und keine Risiken eingehen. Ich persönlich habe meine Besuche zu Weihnachten abgesagt. Und ich bin eine klare Befürworterin des Böllerverbots. Man muss ja nicht ohne Not zusätzliche Risiken eingehen und damit die Situation in unseren Kliniken weiter belasten. Wir sind immer für Notfallpatienten da! Es ist nur wichtig, dass die Menschen vernünftig sind und uns in diesen angespannten Zeiten auch eine Chance geben, die Notfälle optimal zu verzogen.