Anästhesie schadet nie

Dr. med. Anna Tolle, Anästhesistin

Ist die Anästhesiologie ein einschläferndes Fach? Zweifellos. Aber nur für die Patienten! Ob Notfallmedizin, Schmerztherapie oder Intensivmedizin - diese Fachrichtung bietet viele spannende Wege, sich selbst zu verwirklichen. Wir sprachen mit Dr. Anna Tolle, ehemalige Ärztliche Leiterin der Paracelsus-Klinik Bremen, über ihr Leben als Anästhesistin.

Während der Patient tief und fest „schläft“, ist Dr. Anna Tolle hellwach. Sie steuert die Narkose, wacht über die Vitalparameter und schreibt das Narkose-Protokoll. Darin hält sie neben zahlreichen Verlaufsparametern fest, welche Medikamente der Patient später auf Station bekommen soll.

Frau Dr. Tolle, Sie wollten nach dem Medizinstudium eigentlich Kinderärztin werden. Wie sind Sie dann in die Anästhesie gerutscht?
Daran ist unter anderem die Wassersportbegeisterung meines Mannes schuld. Wegen seiner Leidenschaft zogen wir nach meinem Studienabschluss an der Uni Marburg nach Bremen. Dort wollte ich meine Medizinalassistentenzeit abschließen und dann Kinderärztin werden. Doch ich bekam damals in der Kinderklinik keinen Platz - sicher auch deshalb, weil man zu dieser Zeit als Frau noch mehr als heutzutage unter dem Generalverdacht stand, bald schwanger zu werden. Weil ich bei Kinder-Notfällen ohnehin etwas unsicher war, dachte ich mir, dass es nicht schaden kann, stattdessen in der Kinder-Anästhesie zu beginnen. In einer öffentlichen Klinik bekam ich dann einen Platz und habe mich in das Fach ver­liebt. Für die Erwachsenen­Anästhesie wechselte ich später in eine andere Klinik aus einem Klinikverbund, weil es dort einen Rettungshubschrauber, eine Intensivstation und eine Anästhesie gab. Dort habe ich meinen Facharzt in Anästhesie zu Ende gemacht und wurde später Oberärztin.

Empfehlen Sie Medizinstudenten die Anästhesie?
Auf jeden Fall! In der Anästhesie bekommt man einen guten Einblick in alle Disziplinen. Außerdem ist man sowohl im OP als auch auf Station bei den Patienten. Besonders Spaß macht die Kinder­Anästhesie, weil jedes Kind anders reagiert. Das Vertrauen der Kleinen zu gewinnen, ist immer eine tolle Herausforderung. Wenn Sie neben der Anästhesie eine Intensivstation dazu haben, im Notarztwagen mitfahren oder im Rettungshubschrauber mitfliegen und Notdienste machen, dann wird es sowieso nie langweilig. Anästhesisten, die gerne das Abenteuer suchen, werden dann ja auch oft Notärzte oder spezialisieren sich auf die Schmerztherapie. Außerdem kann es nie schaden, die Anästhesie und Notfälle zu beherrschen, egal ob man nachher doch noch in die Chirurgie oder in ein anderes Fach gehen will. Zudem lernt man, gut zu organisieren und im Team zu arbeiten. Deshalb sind Anästhesisten auch häufig Ärztliche Direktoren oder haben eine andere Position in der Verwaltung. Oft gehen Anästhesisten auch in die Unternehmensberatung und beraten dann andere Kliniken. Man hat also alle Möglichkeiten, sich selbst zu verwirklichen.

Sie sind 1980 an die Paracelsus-Klinik Bremen gegangen. 1998 haben Sie dort die Ärztliche Leitung übernommen. Haben Sie auf diesen Posten schon immer hingearbeitet?
Nein, ich wollte nie Karriere machen. Bereits meine Arbeit als Anästhesistin war so abwechslungsreich und interessant, dass sie mich ausfüllte. Doch als mein Vorgänger durch eine schwere Erkrankung ganz plötzlich ausschied, meinten meine ärztlichen Kollegen, die Ärztliche Leitung könne nur ich machen. Als Anästhesistin bin ich eben immer vor Ort und kenne alle Operateure und Pflegende mit ihren Belangen. Das prädestinierte mich natürlich für diesen Job, und ich nahm die angebotene Stelle gerne an.

Wie reagieren Männer auf Sie in diesem Posten?
Dass mal einer schief guckt, gibt es immer. Man muss ständig Neuerungen durchsetzen, und mancher hält eben an seinen alten Methoden fest. Da hat es dann schon mal Machtkämpfe gegeben.
In einer solchen Position gilt es, alle Kollegen, auch die männlichen, argumentativ von medizinisch sinnvollen Veränderungen zu überzeugen. Letztendlich müssen alle Entscheidungen zum Wohl der Patienten und der Klinik getroffen werden.

Was macht eigentlich ein Ärztlicher Leiter?
Ich bespreche mich einmal im Monat mit der Klinikleitung über die aktuellen Geschehnisse im Krankenhaus. Zudem führe ich die Medical­Board­Besprechung. Daran nimmt aus jedem Fachbereich ein Arzt teil, der stellvertretend für seine Kollegen spricht. Wir diskutieren über die hausinterne Politik sowie medizinisch-fachliche Themen. Etwas häufiger treffe ich mich mit den Assistenzärzten. Dann gibt es verschiedene Kommissionssitzungen, in denen es um Themen wie Hygiene, Arzneimittel oder Qualitätsmanagement geht. Aus jeder Kommission entsteht dann wieder Arbeit, weil die Beschlüsse ja umgesetzt werden müssen. Oft kommen Mitarbeiter auch außerhalb der Besprechungen auf mich zu, weil sie einen Rat möchten. Wenn was mit den Pflegenden nicht gut läuft, muss ich mich mit der Pflegeleitung kurzschließen. Mit dem Verwaltungsdirektor arbeite ich natürlich auch eng zusammen. Zudem kommen alle Patientenbeschwerden zu mir, die ich dann so schnell wie möglich versuche zu klären. Mein aktuelles Projekt heißt derzeit Schmerzfreies Krankenhaus. Wir wurden schon vorauditiert, und ich hoffe, dass wir ab September die Zertifizierung bekommen.

Was sind Ihre Aufgaben als Anästhesistin?
Im Prinzip dieselben, die meine anästhesiologischen Kollegen auch haben. Ich schaue mir den Patienten, der zur OP kommt, vorab an und führe mit ihm das Prämedikationsgespräch für die Narkose. Zudem untersuche ich den Patienten und sage, wenn ich noch ein ärztliches Konsil z. B. zur Herz­Kreislauf­-Funktion brauche. Dann fülle ich die entsprechenden Papiere aus, die der Patient auf Station mitbekommt. Abwechselnd mit den anderen Anästhesisten mache ich den OP-Plan. Im OP mache ich dann die Narkosen und schreibe ein Narkoseprotokoll, in dem das weitere Vorgehen mit dem Patienten auf Station schriftlich festgelegt ist. Da steht dann z. B. drin, welche Medikamente er bekommen soll. Auch auf Station werde ich öfter gerufen, wenn irgendwelche Notfälle, wie etwa Nachblutungen, auftreten. Und dann mache ich natürlich Nacht­ und Bereitschaftsdienste.

Wie teilen Sie sich die Arbeit als Anästhesistin und Ärztliche Leiterin auf?
Ich habe ja überall Zugang zum Telefon und Internet, sodass ich bei Pausen zwischen den OPs immer mal wieder Dinge abarbeiten kann. Die Besprechungen finden an festen Tagen statt und liegen bevorzugt nach OP­Schluss. Die Sekretärin des Verwaltungsdirektors und die Personalabteilung schicken mir zudem alle wichtigen Sachen per E-Mail an meine Privatadresse. So kann ich einiges auch von zu Hause aus erledigen.

Welcher Bereich in der Anästhesie macht Ihnen besonders Spaß?
Nach wie vor die Kinder-Anästhesie. Ich war während der Ausbildung in der Kinder-Anästhesie ein paar Monate in einem Kinderkrankenhaus im schwedischen Göteborg.
Dort hat mich beeindruckt, dass die Ärzte alles mit den Eltern und Kindern zusammen besprochen haben. Niemand von den Angehörigen musste während der Visite raus. Seither war es mein Traum, dass Kinder in der Klinik möglichst wenig von ihren Eltern getrennt werden sollen. Und das konnte ich hier verwirklichen, indem die Mutter oder der Vater im OP so lange dabei sein dürfen, bis das Kind eingeschlafen ist. Auch in den Aufwachraum dürfen die Eltern, sobald nichts mehr passieren kann.

Gibt es in der Anästhesie Komplikationen, die besonders häufig sind?
Die Patienten haben häufig Blutdruckabfälle. In den allermeisten Fällen lassen diese sich aber sehr gut behandeln. Wenn die Patienten nachbluten und der Kreislauf runtergeht, dann müssen wir auffüllen und wieder für Volumen sorgen, damit der Kreislauf in Takt bleibt und wiederkommt. Wenn das Intubieren schwierig ist, setzen wir das Glide-Skope ein. Das ist ein Fibermikroskop, mit dem wir die Intubation fiberoptisch über einen Bildschirm steuern können. Manchmal kommt es vor, dass Patienten nach der Narkose nicht wieder richtig mit der Atmung einsetzen. Manche Patienten reagieren auf Medikamente allergisch - bis hin zum allergischen Schock. Eine gewissenhafte Überwachung tut also not.

Wenn Sie Ihr Berufsleben Revue passieren lassen: Welche fachlichen Innovationen haben Sie in Ihrer Arbeit am meisten geprägt?
Es gibt heute natürlich viel bessere technische Geräte für die Narkosemittelzufuhr, die Beatmung und das Patienten­Monitoring. Zudem sind die Apparate bedienerfreundlicher. Früher konnte man leicht den Sauerstoff mit dem Lachgasschlauch verwechseln. Das kann heute nicht mehr passieren. Es sind aber nicht nur die technischen Innovationen, die einem das Leben leichter machen. Auch die Verfahren, wie etwa das Qualitätsmanagement, sind besser geworden. Die Medikamente sind zum Teil wirksamer und haben geringere Nebenwirkungen als früher.

Sie engagieren sich auch für die Weiterbildung Ihrer Assistenzärzte. Suchen Sie die Weiterbildungsassistenten selber aus?
Ja, wobei auch wir hier den Ärztemangel spüren. Deswegen müssen wir ständig nach begabten jungen Medizinern Ausschau halten. Die Assistenzärzte, die dann bei uns beginnen, müssen alle in der Notfallmedizin und der Neurochirurgie für jeweils drei Wochen mitgehen, damit sie wissen, was sie hier erwartet und wie was operiert wird. Dann gehen sie auf Station und zu den Orthopäden. Wir haben hier ein sogenanntes Duales System, das heißt, die Assistenzärzte werden hier in der Klinik ausgebildet und gleichzeitig in einer Praxis. So sehen sie die Patienten vorher und nachher.

Sie haben selbst drei erwachsene Kinder. Hatten Sie früher Schwierigkeiten, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen?
Mein Mann ist ja Lehrer und hat damit immer viel Ferien. Zudem hatten wir eine Kinderfrau, und wir waren immer sehr gut organisiert. Trotzdem musste ich meine Kinder schon ab und zu mal mit in die Klinik nehmen, weil ich notfallmäßig hin musste. Rückblickend habe ich die Arbeit und die Kinder aber gut unter einen Hut bekommen.

Zur Person

Dr. med. Anna Tolle...
ist 1947 in Melle/Osnabrück geboren. Ihr Medizinstudium absolvierte sie in Frankfurt, Heidelberg und Marburg. Im Anschluss zog sie nach Bremen und begann mit der Kinder-Anästhesie in einer öffentlichen Klinik. Anschließend wechselte sie das Krankenhaus, um die Erwachsenen-Anästhesie kennenzulernen und ihren Facharzt zu beenden. Für eine kurze Zeit schaute sie sich im selben Klinikum die Innere Medizin an. Doch die vielen Visiten waren nichts für sie. Im Jahr 1980 wechselte sie dann als Fachärztin für Anästhesie in die Paracelsus-Klinik in Bremen. 1997 wurde sie dort Ärztliche Leiterin, arbeitete aber trotzdem weiterhin auch als Anästhesistin. Zudem ist sie Hygienebeauftragte der Klinik. Dieses Jahr gibt Frau Dr. Tolle die Ärztliche Leitung ab, weil sie ein bisschen kürzertreten möchte. Dem OP bleibt sie aber weiterhin für zweimal die Woche erhalten. Frau Dr. Tolle ist verheiratet und hat drei erwachsene Kinder. Zur Klinik fährt sie gerne mit dem Rad, um den Kopf freizubekommen.

ViaMedici Ausgabe 5.12