25. Mai 2020

Chronisch-komplexer Tinnitus – ein behandelbares Leid

Ohrgeräusche, Ohrensausen oder Ohrenklingeln – dieses Phänomen heißt in der medizinischen Fachsprache Tinnitus. Viele Menschen kennen dies aus eigener Erfahrung, bei den allermeisten handelt es sich aber um ein vorübergehendes Phänomen. Bei rund 1,5 Millionen Deutschen hören die Geräusche bzw. Töne im Ohr jedoch nicht auf. Betroffene leiden mittelgradig bis unerträglich unter einem chronisch-komplexen Tinnitus. Nicht selten ist das dauerhafte Rauschen im Ohr eine Folge von Stress. Ab einer Dauer des Tinnitus von mindestens drei Monaten spricht man von chronischem Tinnitus und grenzt diesen vom akuten Tinnitus ab, der zunächst eine HNO-ärztliche Behandlung erfordert. Chronischer Tinnitus ist bis heute nicht heilbar. An unserem Standort in Bad Gandersheim in der Paracelsus-Roswitha-Klinik konzentrieren wir uns mit unserer speziellen Tinnitus-Therapie daher auf das Umgehen mit dem Ohrrauschen.

Einfluss auf das Befinden des Betroffenen

Viele Betroffene nehmen ihr eingeschränktes Hörvermögen in Kauf und riskieren dadurch berufliche Schwierigkeiten, soziale Isolation oder schwere Folgeerkrankungen. Die andauernden Ohrgeräusche können im Laufe ihres Bestehens einen immer größeren Einfluss auf das körperliche und psychische Befinden des Betroffenen ausüben. Hoher Leidensdruck und eine Beeinträchtigung in Gesundheit und Lebensgestaltung kann aufgrund der ständigen Wahrnehmung des Tinnitus entstehen. Betroffene lassen den Tinnitus immer mehr zu einem zentralen, das Leben bestimmenden Geschehen werden.

Spezialisiertes Behandlungskonzept

In der Paracelsus-Roswitha-Klinik steht nicht der Tinnitus, sondern der Tinnitus-Patient im Mittelpunkt der Behandlung. „Das Therapiekonzept vereint Elemente der Tinnitusretrainingstherapie und des Tinnitusbewältigungstrainings mit kognitiven Ansätzen und dem Aufmerksamkeitslenkungstraining, wir nennen das Genusstraining“, betont Klaus Herrmann, leitender Dipl. Psychologe der Klinik. „Das Hauptziel der Behandlung liegt nicht darin, den Tinnitus vollständig zu heilen, sondern den Umgang mit ihm zu verbessern. Bei den meisten Betroffenen verliert der Tinnitus, nach Abbau der Angst vor dem Tinnitus und einer gezielten Aufmerksamkeitsverschiebung an Bedeutung“, erläutert Herrmann weiter. Hieraus entwickle sich ein positiver Kreislauf. Denn, wenn dem Tinnitus weniger Aufmerksamkeit geschenkt wird, sinkt die Tinnitusbeeinträchtigung, welches zu einer Reduzierung des Stressniveaus führt und am Ende zu einer zunehmend geringeren Ausprägung der Ohrgeräusche.

Manchmal stehen weitere Krankheitsbilder im Vordergrund und verhindern die Tinnitusbewältigung. In der Paracelsus-Roswitha-Klinik werden die häufig infolge des chronischen Tinnitus auftretenden psychischen Begleiterscheinungen, wie Angststörungen, Depressionen oder „Burn out Syndrom“, als gleichwertige Problembereiche berücksichtigt und behandelt. Der Psychologe erklärt: „Wir schaffen mit unserer kognitiven Verhaltenstherapie eine Art Hilfe zur Selbsthilfe. Die Betroffenen lernen systematische Selbstbeobachtung und eine aktive Gestaltung des Wahrnehmungsprozesses.“ Zusätzlich wird das Stresserleben mit körperorientierten Methoden behandelt. Die Rehabilitationsklinik stellt verschiedene therapeutische Angebote zur Verfügung. Hierzu gehören gezielte Entspannungsverfahren, wie progressive Muskelentspannung, autogenes Training oder Yoga, sowie die Ergo- und Kunsttherapie, bei der einzelne Aufmerksamkeitslenkungen angeregt werden. Auch Sport- und Bewegungstherapie gehören zum Behandlungskonzept. Denn beim Joggen, Walken oder Schwimmen verbessert sich die Muskulatur und Verspannungen können gelockert werden. „Unsere Behandlung erfordert eine enge Zusammenarbeit unseres Teams. Denn nur so können wir individuelle Betreuung eines jeden Patienten sicherstellen“, so Dipl. Psychologe Herrmann. 

Die Paracelsus-Roswitha-Klinik kooperiert mit der Deutschen Tinnitus-Liga und arbeitet an einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Behandlungsformen, um diese dem jeweils aktuellen wissenschaftlichen Stand anzupassen.