5 Sinne für ein gelungenes Alter

Prof. Dr. med. Jörg Schulz

Professor Dr. med. Schulz ist viel unterwegs. Eigentlich ist er ja schon im Rentenalter, aber es gibt so viel zu tun für den 67-jährigen Mediziner: Die geriatrische Abteilung in Adorf leiten, Doktorarbeiten betreuen, Aufbauhilfe für die medizinische Versorgung in Lettland und Russland leisten. Nachdenken und Konzepte entwickeln erledigt der leidenschaftliche Autofahrer dann auf der Strecke zwischen Berlin und dem Vogtland.

Sie sind Spezialist für die Behandlung älterer Menschen. Das ist ja eine recht neue Fachrichtung innerhalb der Medizin, oder?

Es gibt relativ wenige Ärzte, die sich auf ältere Patienten spezialisieren und entsprechend gibt es wenig spezialisierte Angebote für alte Menschen, das stimmt. Zu DDR-Zeiten allerdings gab es eine flächendeckende geriatrische Versorgung. Ich selbst war 30 Jahre lang Chefarzt des Geriatrie-Zentrums in Berlin-Buch mit mehr als 300 Betten.

Wie kam es denn zu dieser Spezialisierung?

Mein Vater, selbst Mediziner und langjähriger Chef der Charité, hat mich sehr bestärkt, als das Angebot aus Buch kam. Und da habe ich die Medizin erst in ihrer ganzen Bandbreite gelernt. Vorher war ich ja hoch spezialisiert als Kardiologe der Charité tätig. In Buch hatte ich es dann plötzlich mit Schlaganfällen, Thrombosen oder ähnlichen Erkrankungen des Alters zu tun.

Was ist die besondere Herausforderung bei der Behandlung von älteren Menschen?

Die meisten meiner Patienten sind gleich mehrfach krank. Bluthochdruck, Gelenkarthrose, Diabetes, vielleicht eine beginnende Demenz oder Parkinson - da müssen sie als Arzt ein sehr breit gefächertes Wissen haben. Die Basis meiner ärztlichen Tätigkeit sind dabei meine fünf Sinne. Ich schaue genau hin und hinterfrage.

Was meinen Sie mit hinterfragen?

Ein Beispiel, wenn ein Patient über Atemnot klagt, dann lasse ich ihn ausprobieren, ob die Beschwerden im Sitzen oder im Liegen schlimmer sind. Aufgrund der Antwort weiß ich ziemlich sicher, ob ich es mit einem Herzproblem oder einem Problem der Lunge zu tun habe.

Neben der Patientenversorgung war die Lehre ja ihr zweites Steckenpferd. Was reizt sie so daran?

Ich war mit Leib und Seele Hochschulprofessor an der Berliner Humboldt - Universität. Schließlich habe ich eine jahrzehntelange Erfahrung als Arzt und es macht große Freude, dieses Wissen an die junge Generation weiter zu geben. Außerdem möchte ich die geriatrische Medizin stärken. Viele junge Ärzte interessieren sich zunächst nicht so sehr für dieses Fachgebiet. Wenn die jungen Kollegen dann die ersten Male mit mir auf Visite waren, dann merken sie allerdings schnell, was es noch alles zu lernen gibt.

Was zum Beispiel?

Also, da ist zunächst mal das oben geschilderte Vertrauen auf die eigene Wahrnehmung, statt sofort zum Ultraschall zu greifen. Hinzu kommt auch das menschliche Miteinander. Ein freundlicher Gruß beim Betreten des Zimmers samt Augenkontakt ist das Mindeste. Ich gebe jedem Patienten die Hand und lasse sie gerne auch eine Weile auf der Schulter oder am Arm liegen. Das schafft nicht nur Kontakt sondern hilft mir, den Patienten und seine momentane Verfassung einzuschätzen. Weicht er der Berührung aus, ist sein Händedruck kräftig, wie erwidert er meinen Blick, sind die Hände kalt oder feucht? Aus einem einfachen Begrüßungsritual kann ich also sehr viele Rückschlüsse ziehen, die mir als Arzt helfen.

Sie haben neben der Akutgeriatrie auch eine Tagesklinik für ältere Patienten eingerichtet. Was ist der Vorteil?

Für mobile kranke ältere Patienten ist es von Vorteil nicht aus ihrem gewohnten sozialen Umfeld heraus zu müssen und 1 bis 3 Wochen in eine vollstationäre Behandlung zu gehen. Hier ist die medizinische Betreuung durch eine Tagesklinik ideal geeignet. Kurz gesagt: Die enge Verzahnung zwischen akuter und teilstationärer Versorgung ist für mich das Modell der Zukunft, wenn wir eine gleichbleibend gute Versorgung bei zunehmend leeren Kassen erhalten wollen. Ganz wichtig zu wissen: Wir sind kein Pflegeheim für Senioren. Unser Verständnis von Altersmedizin zielt vielmehr darauf ab, dass ältere Patienten durch eine sachgerechte Behandlung wieder selbst zurechtkommen. Wir sind ressourcenorientiert.

In einem Alter, in dem andere die Rente genießen, sind Sie noch aktiv als Hochschulprofessor in Berlin, praktizierender Arzt und Leiter der geriatrischen Medizin in Adorf.

Und ich unterstütze den Aufbau medizinischer Versorgungsstrukturen in Russland und Lettland und bin außerdem als Gutachter tätig. Ja, das ist meine Art, die Rente zu genießen. Die Fahrt zwischen Berlin und Adorf zum Beispiel genieße ich sehr, da kann ich in Ruhe denken oder englische Vokabeln lernen.

Wieso denn das?

Meine Tochter lebt mit ihrer Familie in England und da bin ich häufig. Am Haus gibt es immer etwas zu werkeln und die Enkelkinder freuen sich auf Grandpa.