Seele heilt Seele

Dr. med. Peter Subkowski

Jeder gute Arzt weiß, dass Seelenleid krank machen kann. Dr. med. Peter Subkowski ist Ärztlicher Direktor des Paracelsus-Therapiezentrums in Bad Essen für psychosomatische Medizin und Suchtkrankheiten. Er erklärt, wie man Krankheiten an ihrer "psychischen Wurzel" packt.

Sie sind Psychosomatiker und Psychoanalytiker. Was für Handwerkszeug brauchen Sie im Therapiealltag? Eine Couch?

Dr. Subkowski: Eine offene Seele! Einen guten Psychotherapeuten zeichnet aus, dass er zuhören und sich seelisch einlassen kann. Nur so kann er verstehen, was in einem Patienten vorgeht. Im Prinzip ist man also sein eigenes Handwerkszeug. Die Couch gehört zwar noch zum Standardsetting der Psychoanalyse im ambulanten Be­reich. In der Klinik findet sie aber keine Verwendung.

Gibt es Patienten, auf die Sie sich besonders schwer ein­lassen können?

Dr. Subkowski: Das ist sicher so. Es gibt Studien, die zeigen, dass auch Laien, zum Beispiel Hausfrauen, Psychotherapie machen können - allerdings nur bei einer sehr spezifischen eingegrenzten Gruppe von Patienten. Professionelle Psychotherapeuten können dagegen auch mit sehr unterschiedlichen Menschen umgehen. Trotzdem wäre es vermessen, zu sagen, man könne allen Patienten helfen. Ich hatte durchaus Fälle, bei denen ich an Grenzen stieß.

Wie kamen Sie auf die Idee, in Ihrem Beruf zu arbeiten?

Dr. Subkowski: Das war in der Schule. Damals habe ich mich stark für Psychoanalyse interessiert. Ich wollte mich und mein Umfeld besser verstehen und lernen, wie die Psyche der Menschen funktio­niert. Da spielte sicher der Versuch eine Rolle, besser mit adoles­zenztypischen Konflikten klarzukommen. Aber auch meine Leiden­schaft für Literatur war nicht ganz unschuldig: Ich las viel Edgar Allan Poe. Viele seiner Geschichten spielen im Irrenhaus ...

Welchen Weg sind Sie seither gegangen?

Dr. Subkowski: Ein erfahrener Arzt und Psychoanalytiker hat mir da­mals geraten, Medizin zu studieren, weil die Ausbildung fundierter ist als das Psychologiestudium. Das habe ich beherzigt. Nach dem Studium habe ich zuerst meinen Facharzt für Psychiatrie und dann für Neurologie gemacht. Einige Jahre habe ich dann als neurologischer Oberarzt gearbeitet. Später bin ich dann an eine psychosomatische Uniklinik gegangen und habe nebenher meine analytische Weiter­bildung absolviert. Dazu gehörte auch eine Lehranalyse. Dabei legt man sich selbst bei einem besonders qualifizierten Lehranalytiker auf die Couch - vier Mal die Woche über etwa sechs bis zwölf Jahre. Diese Erfahrung hat mir viel gebracht. So habe ich gelernt, mich selbst besser zu verstehen, was für einen Psychotherapeuten sehr wichtig ist.

Heute leiten Sie eine Klinik für psychosomatische Medizin und eine Suchtklinik. Welche Krankheiten behandeln Sie?

Dr. Subkowski: In die Suchtklinik unseres Paracelsus-Therapiezentrums kommen Patienten mit Alkohol- und anderen Abhängigkeitserkrankungen. In der Psychosomatik kümmern wir uns - übergeordnet - um die Zusammenhänge zwischen Psyche und Körper. Im spezifischen Sinn beschäftigen wir uns mit psychischen Fehlhaltungen und neuro­tischen Fehlentwicklungen.

Sehr viele unserer Patienten leiden an affektiven Erkrankungen, also reaktiven und endogenen Depressionen, zudem Angsterkrankungen und Zwangserkrankungen. Hinzu kommen die Persönlichkeitsstörungen. Es gibt zum Beispiel narzisstische, zwanghafte, histrionische und Borderline-Persönlichkeiten. Und dann gibt es noch die psychosomatischen Erkrankungen im engeren Sinne wie die Colitis ulcerosa oder auch die essenzielle Hypertonie.

Wie sieht der Alltag eines Chefarztes in der Psychosomatik aus?


Dr. Subkowski: Wir arbeiten viel in multiprofessionellen Teams - be­stehend aus Psychotherapeuten, Gruppentherapeut, Pflegekraft, Sozial­arbeiter und bei Bedarf Kinder- und Jugendlichentherapeuten. Der Arzt leistet die somatische Basisversorgung. Die Teams werden von mir oder einem Oberarzt supervidiert. In Teambesprechungen versuchen wir ein gemeinsames Bild vom Therapieverlauf zu entwickeln. Hier kann man zum Beispiel aufdecken, ob ein Patient "spaltet". Manche idealisieren die Krankenschwester als die gute Mutter, die immer da ist, und projizieren auf den Therapeuten alle negativen Anteile, weil er sie an den bösen Vater erinnert. Gemeinsame Besprechungen können da enorm entlasten. Hinzu kommen für mich Einzelpatientenbehandlungen und Visiten von Problempatienten. Zudem führe ich Auf­nahmevisiten, in denen entschieden wird, in welche Therapiegruppe und in welches Setting ein Patient kommt. Die Patienten bleiben meistens zwischen 4 und 16 Wochen. Wenn man in dieser Zeit auf zentrale Beziehungskonfliktfelder und einige Therapieverfahren fokussiert, kann man entscheidende Weichen stellen.

Setzen Sie in Ihrer Klinik spezielle Behandlungsschwerpunkte?

Dr. Subkowski: Wir haben eine analytisch orientierte Familien­therapie entwickelt, zu der Eltern mit ihren Kindern kommen können. In Deutschland gibt es nur wenige Kliniken, die so etwas machen. Ein weiterer Schwerpunkt ist die Behandlung von Patienten zwischen 14 und 19 Jahren. Hier geht es oft um typische Adoleszenzprobleme. Ein dritter Schwerpunkt ist die Behandlung von Essstörungen.

Arbeiten Sie auch mit Medikamenten?

Dr. Subkowski: Neben Entspannungsverfahren, aufdeckenden oder übenden anderer Psychotherapieverfahren können in der Psychosomatik auch Medikamente eingesetzt werden. Manchmal muss man es sogar! Wer zum Beispiel schwere Zwangsstörungen ohne die Gabe von Clomipramin oder Antidepressiva  behandelt, begeht eigentlich einen Kunstfehler, denn diese Medikamente machen die Psychotherapie häufig erst möglich.

Hat man als Psychosomatiker eindeutige Heilerfolge?

Dr. Subkowski: Mir fällt spontan ein Patient ein, den ich in ambu­lanter analytischer Psychotherapie betreut habe. Der Patient wurde dreimal an einer schweren Ösophagitis operiert und arbeitete als Wachmann in einer Justizvollzugsanstalt. Er nahm sich als sensibel wahr, war aggressionsgehemmt und versuchte, es allen recht zu machen. Bildlich gesprochen: Er schluckte den Ärger runter, bis ihm manchmal die Säure hochkam. Nach zwei Jahren ambulanter Psycho­therapie war diese Erkrankung komplett geheilt.

Das ist ein schönes Beispiel dafür, wie analytische Psychotherapie Menschen durch einen Zugewinn an Selbsterkenntnis helfen kann. Der Patient gab dann seinen alten Beruf auf und übernahm einen Kleingartengestaltungsbetrieb, in dem er kreativ sein konnte. Er lernte, Ärger zu spüren und ihn angemessen auszudrücken. Zudem trennte er sich von seiner Frau. Ihm war bewusst geworden, dass er mit ihr eine Beziehung führte, in der sie ihn, ähnlich wie seine Kollegen, sehr benutzte. So konnte er zum ersten Mal in seinem Leben einen eigenen Weg gehen.

Wie verarbeiten Sie die Schicksale, mit denen Sie tagtäglich zu tun haben?


Dr. Subkowski: (Pause) Das ist eine Frage, die nicht so leicht zu be­antworten ist. Man muss beim analytischen psychotherapeutischen Arbeiten lernen, sich zum einen auf die Patienten einzulassen, zum anderen aber auch so abzugrenzen, dass man von den negativen Affekten des Patienten nicht überflutet wird. Gerade in ihrer frühen Entwicklung gestörte Patienten projizieren eigene belastende Ich-Anteile häufig in den anderen. Wie man damit umgeht, lernt man in der Weiterbildung.

Wo ziehen Sie für sich die Grenze?

Dr. Subkowski: Ich hatte einmal einen jungen Patienten, den Zwänge, Borderlinesymptome und Ängste quälten, die aus der Bergpredigt her­rührten. Seine Gedanken kreisten ständig um die Botschaft: "Wenn dich einer auf die linke Wange schlägt, dann halte ihm auch die rechte hin." In der ambulanten psychoanalytischen Behandlung stellte ich fest, dass mich der Patient immer verzerrter wahrnahm. Er glaubte, dass ich ihn, sein Leiden und seine Zwangsgedanken, eine Freundin zu bekommen, überhaupt nicht nachvollziehen könne, weil ich angeblich einer völlig anderen Generation angehörte. Er machte mir heftige Vorwürfe, warum ich ihm nicht helfen würde und warum ich ihn quälen würde. Seine auf mich projizierten aggressiven Impulse brachten mich zunehmend in Schwierigkeiten. Nach reiflicher Überlegung erklärte ich ihm, dass ich die Therapie abbrechen müsse, wenn er sein Verhalten nicht ändert. Meine ehrliche Rückmeldung führte dann aber dazu, dass die Behandlung dann doch erfolgreich weiter ging.

Was motiviert Sie an Ihrer Arbeit?

Dr. Subkowski: In meinem Fachgebiet ist mir nie langweilig. Ich lerne jeden Tag dazu. Die Gefahr, die in manchen Fächern lauert, dass man in der Routine erstickt und erstarrt, gibt es in der Psycho­somatik kaum. Die Psyche hat einen entscheidenden Einfluss auf den Körper. Das weiß zwar jeder Arzt, aber nur wenige berücksichtigen dies - oft aus Zeitmangel oder weil die Apparatemedizin im Fokus steht. Sprechende Medizin findet weniger denn je statt. In der Psychoso­matik kann man einen Beitrag leisten, diesen Missstand zu beheben.

Dr. Subkowski: Was muss man mitbringen, um bei Ihnen in der Psychosomatik anfangen zu können?

Den Wunsch zu helfen und die Bereitschaft zur Selbsterkenntnis!

 



* DPV/IPA: Deutsche Psychoanalytische Vereinigung/International Psychoanalytical Association

Zur Person

Dr. med Peter Subkowski

Dr. med. Peter Subkowski hat in Düsseldorf Medizin studiert. 1985 erlangte er den Facharzt in Psychiatrie, 1987 setzte er den neurologischen Facharzttitel darauf und arbeitete als Oberarzt in einer neurologischen Klinik. Schließlich wechselte er zur Psychosomatik und erwarb auch dort die Facharztanerkennung. Zudem schloss er seine psychoanalytische Ausbildung ab. Er ist Lehr- und Kontrollanalytiker der DPV/IPA*. Erfahrung in der Suchtmedizin sammelte er als Bereichsleiter an der Westfälischen Klinik für Psychiatrie in Dortmund Aplerbeck. Seit 1995 leitet er ein Paracelsus Therapiezentrum in Bad Essen bei Osnabrück mit der psychosomatischen Wittekindklinik und der Berghofklinik, einer Klinik zur Behandlung von Abhängigkeitserkrankungen. In seinen wissenschaftlichen Arbeiten beschäftigt er sich mit psychoanalytischen Themen wie "Harry Potter - das Trauma als Motor der psychischen Entwicklung".

Via medici Ausgabe 3.09