Chirurgie im Blut

Dr. med. Manfred Georg Krukemeyer, Chirurg und Publizist

Wie viel Medizin passt in ein Medizinerleben? Die "Dosis" im Alltag des Chirurgen Dr. med. Manfred Georg Krukemeyer dürfte für drei Leben reichen. Wir sprachen mit dem Vorsitzenden der Gesellschafterversammlung der Paracelsus-Kliniken über seine Faszination für den Arztberuf.

Herr Dr. Krukemeyer, womit beschäftigen Sie sich lieber: einen entzündeten Blinddarm operieren oder ein Krankenhaus wirtschaftlich auf Vordermann bringen?

Mit dem Blinddarm, ganz klar! Ich bin mit Leib und Seele Chirurg.

Aber warum sind Sie dann Leiter einer Klinikkette geworden?

Ich wollte das zunächst nur ein Jahr lang machen - bin dann aber doch in dieser Position geblieben. Denn man kann auch als Klinikmanager viel erreichen und gestalten. Aber es ist eine ganz andere Welt als die kurative Medizin. Als Arzt bietet man dem Patienten eine Therapiemethode - und diese wird in ihrer Notwendigkeit zumeist nicht bestritten. Im Klinikmanagement ist das anders. Da haben Sie Zielkonflikte. Auf der einen Seite versucht man das Krankenhaus so zu führen, dass die Patienten zufrieden sind und sich die Mitarbeiter entfalten können. Auf der anderen Seite sind die finanziellen Ressourcen oft begrenzt. Also muss man priorisieren und überzeugen - und das ist teilweise schwierig ...

Sie sind ja in einem sehr medizinischen Elternhaus aufgewachsen. Was hat in Ihnen die Leidenschaft für die Medizin geweckt?

Mir war schon als ganz kleines Kind klar, dass ich später in einem Krankenhaus arbeiten möchte. Ich konnte damals in viele Bereiche hineinschnuppern und habe so von klein auf den Klinikbetrieb eingeatmet. Dass es dort mitunter auch Streit und Nörgeleien gibt, habe ich erst später erfahren. Trotzdem: Ein anderes Studium als Medizin wäre für mich schlicht undenkbar gewesen.

Wie haben Sie dann den Klinikeinstieg als junger Arzt erlebt?

Ich habe diese Wochen genossen! Zum ersten Mal über die Station zu gehen, in dem Bewusstsein, Patienten zu haben, die mit ihren Problemen zu einem kommen und die einen zum Beispiel danach fragen, wann Fäden gezogen werden oder wie ihre Tumor-erkrankung nach der anstehen-den OP weiterbehandelt wird - das war einfach sehr erfüllend.

Hatten Sie als junger Chirurg im OP niemals Angst vor schwierigen Situationen?

Angst? Nein. Ich würde eher von Respekt sprechen - vor dem Patienten und seiner Krankheit. Außerdem operieren Sie als chirurgischer Weiterbildungsassistent ja immer mit einem erfahrenen Oberarzt. Und für die Narkose ist der Anästhesist zuständig. Später, wenn man dann als junger Facharzt eigenverantwortlich eigene OPs durchführt, kann es mal knifflig werden - besonders wenn dann gegenüber ein junger Assistent steht, der Fragen stellt. Aber ich bin mir sicher: Wer gut ausgebildet ist, kann auch schwierige Situationen erfolgreich meistern.

Sie gehen regelmäßig ins Ausland, um in ärmeren Ländern zu helfen. Was lernen Sie bei solchen Aufenthalten?

Ich war als Chirurg unter anderem in Marokko, im Sudan, in Ghana, im Jemen und in Nordkorea. Ich lerne dort, dankbar dafür zu sein, in Deutschland leben und arbeiten zu dürfen. Sehen Sie: Im Jemen oder in Nordkorea können Sie von Glück sagen, wenn Sie nach einer OP ein Schmerzmittel bekommen - und hierzulande werden die Leute hysterisch, wenn nicht alle 30 km ein CT-Gerät steht.

Dr. Krukemeyer bei einer OP in Ghana. Der Chirurg nimmt sich jedes Jahr eine Auszeit, um einige Wochen in einem ärmeren Land zu helfen und zu arbeiten.

Auf der Welt gibt es eine kaum vorstellbare Schieflage in der medizinischen Versorgung. Besonders aufgefallen ist mir dies bei meinem letzten Besuch auf der arabischen Halbinsel. Da gibt es im Emirat Dubai eine perfekt ausgestattete Klinik - für Falken. Ich bin da hingefahren und hab mir ein Bild davon gemacht. Das ist eine tolle Anlage, klimatisiert, mit Cafeteria, mit Sonografie, Röntgenabteilung und OP ... alles nur für die Falken, die die Scheichs als eine Art Statussymbol halten. Am nächsten Tag bin ich in den Jemen gefahren. Und dort fehlt es an allem - nicht nur an medizinischer Versorgung. Das Leid der Menschen ist dort sehr groß.

Wie schwer trifft Sie der Nachwuchsmangel?

Sehr schwer. Man muss aber differenzieren. Konzernweit hatten wir letztes Jahr nur 17 unbesetzte Stellen. Das ist eher wenig. Aber wir tun uns zum Beispiel schwer, Onkologen zu finden. Zudem kommt es auf den Standort an. In großen Städten werden die Stellen recht rasch besetzt. Schwieriger ist es in kleineren Städten und auf dem Land.

Wie lösen Sie das Problem?

Zum Teil, indem wir verstärkt Ärzte aus anderen Ländern einstellen. Wir haben Kooperationen mit ausländischen Ärztekammern - unter anderem mit Nordkorea. Ich wurde dort vom Gesundheitsminister und vom Präsidenten der nordkoreanischen Ärztekammer gebeten, eine Kooperation aufzubauen, bei der nordkoreanische Ärzte eine Zeit lang in den Paracelsus-Kliniken lernen und arbeiten. Letztes Jahr hatten wir sieben nordkoreanische Ärzte für ein Jahr in Deutschland. Das hat sehr gut funktioniert, und wir wollen das noch weiter ausbauen, weil es allen Seiten hilft.

Wie kamen diese Ärzte hier zurecht?

Die Lebensumstände dort sind doch komplett anders als hierzulande ...Sicherlich ist die politische Situation dort kompliziert. Aber die Ärzte kommen ja nicht aus der Steinzeit! Korea ist ein Land mit einer viertausendjährigen Kultur. Das sind fleißige, sehr intelligente, wissbegierige Menschen. Was viele außerdem nicht wissen: Die nordkoreanische Elite hat zum Teil in der DDR studiert. Viele Funktionäre und Minister sprechen deutsch und haben eine positive emotionale Bindung zu unserem Land. Die größte Botschaft in Nordkorea ist die deutsche Botschaft. An der Kim-Il-Sung-Uni ist die am zweithäufigsten erlernte Fremd sprache Deutsch. Auch die Ärzte, die bei uns waren, haben fließend Deutsch gesprochen. Deshalb war die Kommunikation weitgehend unproblematisch. Und die deutschen Kollegen haben recht rasch die freundliche Art und das Fachwissen der nordkoreanischen Kollegen schätzen gelernt.

Wie könnte man das Fachkräfteproblem noch lösen?

Die ärztlichen Weiterbildungskataloge müssen dringend überarbeitet werden, sodass die Ärzte leichter und schneller ihre Ziele erreichen. Ein Beispiel: Wenn ich Gefäßchirurg werden möchte, ist es doch Unsinn, wenn ich einen Katalog von 50 unfallchirurgischen Eingriffen nachweisen muss. In Amerika dauert der Facharzt für Innere Medizin drei Jahre! Und danach können Sie sich als Internist spezialisieren. Ich glaube in diesem Bereich können wir noch viel von den USA lernen.

Was würden Sie sagen: Warum lohnt es sich heute, trotz Bürokratisierung und "Fließbandmedizin" Medizin zu studieren?

Ach, wissen Sie: Diese Probleme gab es auch schon, als ich Medizin studiert habe. Und ich bin mir sicher: Schon bei den alten Römern und Griechen haben die Ärzte über die mangelnde Finanzierung des Gesundheitswesens geklagt ...

Sie würden also wieder Medizin studieren?

Ja! Denn dieses Studium ist einfach etwas ganz Besonderes. In den meisten Berufen wird man gut, wenn man Expertenwissen in sich vereint. Aber ob ich es als Arzt schaffe, einen Patienten zu therapieren, das hängt nicht nur davon ab, ob ich Strukturen, Formeln oder Syndrome gut gelernt habe. Es hängt vor allem von meinem Willen ab, dem Patienten zu helfen. Natürlich: Man kann nicht immer alles heilen, man kann nicht alles behandeln. Man muss sich darauf einstellen, auch mit fürchterlichen Niederlagen zurechtzukommen. Aber letztlich ist doch wesentlich, dass man als Arzt - egal in welcher Position - etwas Positives für Menschen macht.

Skandinavische Kliniken screenen alle Neuaufnahmen auf multiresistente Keime. Warum wird dies hierzulande nicht so gehandhabt?

In unserer Klinik machen wir ein risikostratifizierendes Screening: Wir stellen Neuankömmlingen eine Reihe von Fragen und beurteilen daran ihr Risiko, MRSA zu tragen: Wann war der letzte Klinikaufenthalt? Sind Sie Diabetiker? Besteht Kontakt zur Schweinezucht? Erst wenn der Patient einmal mit "ja" antwortet, untersuchen wir ihn auf eine Besiedelung mit multiresistenten Erregern. Dies ist viel effektiver - und billiger.

Reichenbach ist ein kleines Städtchen. Sehen Sie in der ländlichen Gegend eher Vor- oder Nachteile?

Natürlich sind Großstädte für junge Menschen reizvoller. Es mangelt uns deshalb tatsächlich an Fachkräften. Doch unsere Klinik ist zwar klein, aber fein! Alles ist viel persönlicher. Dadurch klappt auch die Kontrolle besser. Ob die Hygiene in großen Häusern besser ist, wage ich zu bezweifeln. Dort kann eines auf den anderen geschoben werden, weil man sich untereinander nicht kennt.

Können Sie daheim noch Dreck sehen, oder wird man durch den Beruf zum Hygienefanatiker?

Oh nein! Haushalt zählte noch nie zu meinen Stärken. Wohnungen müssen nicht immer perfekt aufgeräumt sein, man lebt ja darin! Nur Bad und Küche müssen bei mir blitzen - aber das war schon immer so.

Zur Person

Dr. Manfred Georg Krukemeyer stammt aus Münster in Westfalen. Er studierte Humanmedizin in Wien, Kiel und Bonn. 1989 promovierte er an der Universität Bonn. Anschließend absolvierte er eine Weiterbildung zum Facharzt für Chirurgie. Seit 1994 ist er Gesellschafter der Paracelsus-Kliniken. Dr. Krukemeyer engagiert sich in Forschungsprojekten, zum Beispiel im Bereich der Nanomedizin oder in der Stammzelltherapie. Zudem ist er Autor und Herausgeber zahlreicher Publikationen. Sein letztes Buch "Kultur in der Medizin" ist ein Manifest für eine an ethischen Grundsätzen orientierte Heilkunde - und gleichzeitig ein Aufruf an ärztliche Leser, trotz mancher Widrigkeiten Freude an ihrem Beruf zu haben. Dr. Krukemeyer reist jedes Jahr in ein Entwicklungsland, operiert und behandelt dort Patienten. Außerdem engagiert er sich vor Ort in humanitären Projekten.

Dr. Krukemeyer bei einem Einsatz im Jemen, einem der ärmsten Staaten der Erde. Etwa 8 Millionen Jemeniten leiden unter Mangelernährung. Die Versorgung mit Gesundheitsdienstleistungen ist in den ländlichen Regionen äußerst schlecht.

ViaMedici Ausgabe 3.13