Die Wirbelsäule: Zentral für die menschliche Bewegungsfähigkeit

Timo Besant, Orthopäde, Unfallchirurg und Wirbelsäulenspezialist

Dass er beim sonntäglichen Spaziergang erkannt und angesprochen wird, wundert den Wirbelsäulenspezialisten Timo Besant nicht, schließlich betreut er als ein Teil des Praxisteams der größten orthopädischen Praxis im Rhein-Lahn-Kreis täglich viele Menschen und das tut er mit hohem persönlichen Engagement. Die Anonymität eines Uniklinikums entspräche seinem Selbstverständnis als Arzt überhaupt nicht. Im Gegenteil, der persönliche Kontakt mit Patienten, Angehörigen und Kollegen hat für ihn zentrale Bedeutung, um wirklich gute Heilungserfolge erzielen zu können.

Die Wirbelsäule ist ihr Wirkungsfeld, was fasziniert Sie besonders?

Dieses filigrane und zentrale Gebilde Wirbelsäule mit ihren 24 Wirbeln hat zentrale Bedeutung für unsere Bewegungsfähigkeit. Demzufolge ist eine Erkrankung fast immer folgenschwer, die therapeutische Bandbreite entsprechend komplex. Als Arzt stehen mir vielfältige operative und manuelle Therapieverfahren zur Verfügung, das ist natürlich reizvoll. Außerdem kann ich mit den heutigen, meist sehr schonenden Eingriffen den Patienten wirklich weiterhelfen und das ist natürlich äußerst befriedigend.

Welche Therapieoptionen stehen Ihnen denn zur Verfügung?

Ganz ausdrücklich: Wir sind überhaupt nicht "OP-wütig", im Gegenteil. Konservative Therapien stehen zunächst immer im Vordergrund. Das fängt an bei der manuellen Therapie/Chirotherapie, die ich in einer dreijährigen Weiterbildung erlernen konnte und die eine besondere therapeutische Leidenschaft von mir ist. In der Praxis vergeht eigentlich kein Tag, an dem ich nicht mehrmals manualtherapeutisch aktiv werde. Der direkte Griff zur Spritze ist in vielen Fällen nicht erste Wahl, bei blockierten Gelenken beispielsweise können wir sehr gut manuell therapieren. Aber natürlich sind gezielte Injektionen eine weitere und sehr wirksame Intervention, um Schmerzen akut zu lindern und so den Patienten zu entlasten. Für einen operativen Eingriff an der Wirbelsäule gibt es ganz klar definierte Kriterien: Gefühlsstörungen, Ausfallerscheinungen oder keinerlei Verbesserung auch nach langer schmerztherapeutischer medikamentöser Behandlung. Ist das der Fall, steht uns je nach Erkrankung der Wirbelsäule ein sehr breites operatives Spektrum zur Verfügung. Einen Wirbelkörperbruch beispielsweise, den ein Patient aufgrund der Grunderkrankung Osteoporose ohne adäquates Trauma erleidet, geht oft mit einer deutlichen Knickbildung der Wirbelsäule einher. Hier ist dann häufig eine frühzeitige minimalinvasive Operation sinnvoll, da konservativen Therapien hier kein befriedigendes Ergebnis erbringen.

Ein Wirbelbruch, das klingt verheerend.

Ein Wirbel ist kein Röhrenknochen, der gerade durchbricht wie ein Stock. Sie müssen sich das bei einem Wirbel in etwa wie bei einer zertretenen Getränkedose vorstellen, bei der die obere oder untere Fläche einknickt. Beim Patienten hat ein so eingeknickter Wirbelkörper zur Folge, dass sich die Achsenverhältnisse der Wirbelsäule verändern, es kommt an dieser Stelle zu einem Knick in der Wirbelsäule.

Es reicht manchmal ein heftiges Niesen, um einen Wirbelkörper, der durch die Osteoporose bereits porös geworden ist, einknicken zu lassen und das bewirkt einen heftigen Schmerz mit Immobilität des Patienten.

Wie helfen Sie diesen Patienten?

Es gibt ein sehr komfortables Verfahren, mit dem wir den Betroffenen erstaunlich gut und schnell helfen können, die so genannte Kyphoplastie. Ich biete ein spezielles Verfahren mit entfaltbaren, so genannten Osseofix-Implantaten aus Titan an. Eine Methode, die ich an der Klinik in Bad Ems neu eingeführt habe. Hierbei gehe ich mit zwei sehr kleinen Instrumenten über kleinste Schnitte vom Rücken aus in den gebrochenen Wirbelkörper hinein, platziere und entfalte einen äußerst tragfähigen Titanstent wie einen Stützkäfig in dem gebrochenen Wirbelkörper. Dieses Implantat richtet den gebrochenen Wirbelkörper zunächst auf. Indem man dann in den entstandenen Hohlraum eine kleine Menge Knochenzement einfüllt, stabilisiert man den betroffenen Wirbel nachhaltig und fixiert gleichzeitig den Titankorb. Ein äußerst komfortables Verfahren mit einer 30-minütigen OP und einer Entlassung aus der Klinik nach drei Tagen. Voraussetzung ist allerdings eine spezielle Kernspintomographie welche zeigt, wie lange der Bruch zurückliegt. Bei sehr alten Verletzungen ist eine solche OP nicht mehr hilfreich, ebenso bei komplexen Brüchen mit Einengung des Wirbelkanals. Hier stößt dieses minimalinvasive Verfahren an seine Grenzen, so dass dann eine offene stabilisierende OP mit Schraubenimplantation erforderlich werden kann.

Was tun Sie denn bei Patienten, die schon länger in ambulanter Behandlung bei Ihnen sind und bei denen sich der gewünschte Heilungserfolg nicht einstellt?

Für diese Patienten zeigt sich der enorme Vorteil, der sich aus der Zusammenarbeit mit der Paracelsus-Klinik ergibt. Um zu einem dauerhaften Heilungserfolg zu kommen, schlage ich den Patienten zunächst eine konservative stationäre Behandlung vor. So können wir den Patienten intensiv untersuchen und die genaue Ursache der Beschwerden herausfinden. Zunächst steht eine vernünftige Schmerztherapie an, um den Patienten von seinen meist heftigen Schmerzen zu entlasten. Goldstandard bei der Diagnostik ist in vielen Fällen eine Kernspintomographie, die uns exakt den Befund der Weichteilstrukturen zeigt, also Bandscheiben, Nerven und Rückenmark, aber auch Veränderungen der Wirbelkörper. Bei Verengungen im Wirbelkanal, so genannten Spinalkanalstenosen, sehen wir mit Hilfe einer Computertomographie die krankhaften Veränderungen der knöchernen Strukturen, meistens ausgehend von den Wirbelgelenken.

Wenn wir uns ein genaues Bild gemacht haben, entscheiden wir, ob eine Operation notwendig ist. Und das ist oft gar nicht der Fall. Stattdessen durchlaufen die Patienten während ihres zirka einwöchigen Klinikaufenthaltes eine individuelle konservative Therapie mit physikalischen und krankengymnastischen Anwendungen in Kombination mit schmerztherapeutischer Behandlung. Die Paracelsus-Klinik verfügt über eine sehr gut aufgestellte krankengymnastische Abteilung.

Können Sie denn das gesamte Erkrankungsspektrum der Wirbelsäule operativ versorgen, wenn eine OP notwendig ist?

Die Beschädigungen und Verschleißerscheinungen der Wirbelsäule sind vielfältig, ebenso breit aufgestellt ist das Operationsspektrum. In vielen Fällen sind minimalinvasive Operationen mit winzigen Operationsschnitten möglich. Zu meinem operativen Angebot gehören mikrochirurgische Bandscheibenoperationen, Wirbelkanalerweiterungen der gesamten Wirbelsäule, komplexere Wirbelsäulenstabilisierungen, die bereits genannte Zementauffüllung bei Wirbelkörperbrüchen mit Titancage oder die Rekonstruktion bei Instabilität oder Verkrümmungen. All diese Eingriffe führe ich an der Paracelsus-Klinik durch. Nach der Operation sehen wir die Patienten während ihres stationären Aufenthaltes täglich, wir wollen schließlich den Heilungsverlauf genau beobachten, so dass unsere Patienten schnellstmöglich in ein bewegungsreiches und vor allen Dingen schmerzgelindertes Leben zurückfinden.

Wie kam es, dass Sie Ihren Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie gemacht haben?

Dass ich Medizin studieren wollte, wusste ich schon als Jugendlicher. In Kontakt mit der Orthopädie bin ich dann durch den Sport gekommen. Ich habe zu der Zeit relativ ambitioniert Handball gespielt. Damit war allerdings aufgrund einer Knieverletzung mit insgesamt drei Operationen Schluss. Das hat mich der Orthopädie in die Arme getrieben, da ich am eigenen Leib erfahren habe, was die Orthopädie vermag. Ich habe meinen Facharzt am Brüder-Krankenhaus in Koblenz gemacht und dort auch lange als Facharzt weitergearbeitet. Der Chefarzt der Wirbelsäulenchirurgie, Dr. Francis Kilian, gehört zu den besten Wirbelsäulenchirurgen Deutschlands. Er hat meine Leidenschaft für dieses Fachgebiet geweckt, mit ihm hatte ich einen exzellenten Ausbilder.