Mit Gespür, Gespräch und Sachkunde

Am Anfang steht bei Sektionsleiterin Dr. Sarah Nolte immer das Wort. Oder besser gesagt, ein ausführliches Gespräch mit ihren jungen Patienten und deren Eltern. Die Fachärztin für Urologie und Kinderurologie ist seit vielen Jahren auf die Behandlung von Kindern spezialisiert, ist im Raum Leverkusen bei Patienten, Eltern und Kollegen für ihren guten Draht zu Kindern und Jugendlichen bekannt.

Sie sind als Kinderurologin ja eher ein seltener Fall, oder?
Wenn Sie darauf anspielen, dass ich seit 9 Jahren überwiegend Kinder und Jugendliche behandele, dann gebe ich Ihnen Recht. Natürlich werden urologische Erkrankungen bei Kindern wie Hodenhochstand, Harnwegsinfekte, Vorhautverengung oder Fehlbildungen des Harn- und Genitaltraktes in urologischen Fachpraxen oder in der urologischen Abteilung eines Krankenhauses umfassend behandelt. Aber spezialisierte kinderurologische Sektionen sind insbesondere an kleineren Häusern eher selten. Kinder sind aber keine kleinen Erwachsenen und die letzten Jahre haben mir gezeigt, dass meine Konzentration auf Kinder und Jugendliche wirklich wichtig für einen Behandlungserfolg ist.

Was ist denn das Besondere, wenn Sie Ihre jungen Patienten behandeln?
Sie müssen viel Zeit mitbringen, sowohl für die Kinder als auch für die Eltern. „Leg dich mal auf die Liege, ich taste dich jetzt ab“, so eine Ansprache ist bei einem Kind vollkommen unmöglich. Im Gegenteil, ich erkläre genau, was ich mache. Oder ich zeige erst einmal an der Hand der Mutter, was bei einem Ultraschall passiert, wie ich das Gel auftrage und wie ich dann ins Innere des Körpers schauen kann. Wichtigstes Versprechen, das ich gebe: „Alles was wir hier besprechen, bleibt in diesem Raum.“ Die Kinder und Jugendlichen müssen Vertrauen fassen und das geht nur mit Zeit und Gespräch.

Und was besprechen Sie dann so genau? Ohne Untersuchung geht es ja nun nicht.
Erstens schafft ein Gespräch Vertrauen. Zweitens ist es sehr wichtig, sich die Krankengeschichte und die Beschwerden schildern zu lassen. Wenn ich mir so ein erstes Bild gemacht habe, dann überlege ich anschließend sehr genau, welche Untersuchungen überhaupt notwendig sind. Nicht alles, was medizinisch möglich ist, ist auch nötig. Blasenentleerungsstörungen sind zum Beispiel ein großes Thema. In vielen Fällen erreicht man schon durch eine Optimierung des Trinkverhaltens eine Beseitigung der Symptomatik. Also besteht die Behandlung im ersten Schritt darin,

ein Protokoll zu Trinkverhalten und Toilettengängen zu führen. Auf keinen Fall untersuche ich diese Kinder sofort per Katheter.

So wenig wie möglich, so viel wie nötig?
Ganz genau. Ich bin seit Jahren auf die Behandlung urologischer Erkrankungen bei Kindern spezialisiert und in diesem Fachgebiet hat sich in den letzten Jahren einfach sehr viel getan. So sind zum Beispiel beim Reflux, bei dem der Urin ungewollt von der Blase in den Harnleiter zurückfließt, unterschiedliche Behandlungen möglich. Die Unterspritzung der Harnleitermündung mit Hyaluronsäure beispielsweise ist ein endoskopisches Verfahren, das ich, je nach Schweregrad, gerne als Alternative zur offenen OP am Harnleiter einsetze. Es ist ein ambulanter Eingriff ohne OP-Schnitte und ohne stationären Aufenthalt in der Klinik. Als Kinderurologin verfolge ich die Entwicklungen und neuen Therapiemethoden des Fachgebietes ganz genau. Das hat in der Vergangenheit dazu geführt, dass die überweisenden Kollegen der Umgebung aus Kinderheilkunde und Urologie darauf vertrauten, dass ich wirklich nur das mache, was auch notwendig ist. Bei Kindern ist das ganz wichtig, insbesondere, wenn sie schon eine lange Therapiegeschichte hinter sich haben.

Bei Fehlbildungen ist ja wahrscheinlich der Kinderarzt ihr Behand-lungspartner, oder?
Das ist vollkommen richtig, die Kinderärzte sind diejenigen, die die Kinder bei den U-Untersuchungen sehen und solche Fehlbildungen dann feststellen. In der Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Kollegen sehe ich meine Aufgabe auch darin, aktuelles Wissen aus dem Fachgebiet zu kommunizieren. Denn Behandlungsempfehlungen ändern sich. So hat man früher Jungen mit Hodenhochstand erst mit etwa zwei Jahren operiert. Mittlerweile wissen wir, dass dies mit 6 Monaten bereits möglich ist und die OP mit zwei Jahren eigentlich schon zu spät ist. Aber das muss sich natürlich herumsprechen, hier ist Austausch zwischen der Kinderurologie und der Kinderheilkunde notwendig.

Erfahren Sie denn, ob die Behandlung langfristig Erfolg hatte, insbesondere wenn Sie

auf einen Eingriff verzichtet haben?
Der Leidensdruck der Kinder und Eltern ist oft sehr hoch. Wenn ich erfolgreich gearbeitet habe, dann bekomme ich das schon oft mitgeteilt. Und in manchen Fällen ist die langfristige Kontrolle und Begleitung Teil der Therapie. Wenn ich bei sehr kleinen Kindern auf einen Eingriff wegen einer Vorhautverengung verzichte, dann bestelle ich mir den Patienten natürlich noch einmal vor Beginn der Pubertät ein, einfach, um zu schauen, ob meine Entscheidung richtig war oder ob es doch noch einer Korrektur bedarf.

Wie hat es Sie denn in die Arme der Kinderurologie getrieben?

Mein ursprüngliches Interesse galt eigentlich der Kinder- und Jugendpsychiatrie, dort habe ich auch mein Praktisches Jahr gemacht. Aber mir fehlte das Handwerkliche, ich operiere einfach sehr gerne. Ich hatte ein Pflegepraktikum in der Urologie gemacht und hatte dort einen guten Zugang zu den Patienten. Die Verbindung aus Gesprächsmedizin und operativem Können ist es, was mich an meinem Fachgebiet gereizt hat, als ich mich entschied, den Facharzt für Urologie zu machen.

Hatten Sie Vorbilder?
Oh ja, ich habe bei Prof. Dr. Rohrmann vom Uniklinikum Aachen lernen dürfen. Mit ihr zusammen habe ich im Rahmen einer Kooperation am Klinikum Leverkusen die dortige Sektion für Kinderurologie aufgebaut. Ein wichtiger Schritt, um den Bedürfnissen von Kindern wirklich entsprechen zu können und für mich natürlich die Möglichkeit, die verschiedenen operativen und konservativen Verfahren sehr gut zu lernen.

Wie würden Sie Ihre Arbeitsweise beschreiben?
Wie schon gesagt: Ein exaktes und kindgerechtes Behandlungskonzept, bei dem nicht alles, was möglich ist, auch unbedingt angewendet wird, ist die Basis meiner Arbeit. Und ich bevorzuge eindeutig die wenig invasiven Verfahren, also Eingriffe mit winzigen OP-Schnitten und einer sehr filigranen Arbeitsweise. Das gilt natürlich auch für offen-chirurgische Operationen, schließlich sind es sehr feine Strukturen, in die ich dort eingreife. Das erfordert jede Menge manuelles Geschick und auch Kreativität, und das liegt mir. Vielleicht eine Reminiszenz an meine Freude an bildender Kunst.