Experte für Innervation und Motivation

Prof. Dr. med. habil. Wieland Hermann, Neurologe

Pläne machen ist gut - aber wenn sich die Umstände ändern, muss man flexibel bleiben. Erst der "Hauch der Geschichte" führte Prof. Dr. med. habil. Wieland Hermann, Chefarzt der Neurologie an der Paracelsus-Klinik Zwickau, zu seinem Fach. Für ihn eine glückliche Fügung, die er nie bedauert hat.

Herr Prof. Hermann, hatten Sie schon als Stu­dent klar das Ziel "Neurologie" vor Augen?

Prof. Hermann: Nicht wirklich. Ich hatte klar das Ziel vor Augen, Chirurg zu werden. Mein Arbeitsvertrag mit der Uni Leipzig war schon so gut wie sicher.

Was kam dazwischen?

Prof. Hermann: Die Wende 1989. Kurz vorher, in meinem vierten Studienjahr, hatte mich die so ge­nannte Lenkungskommission als Bewerber für eine Universitätskarriere akzeptiert - in Chirurgie. Damit war mein Weg eigentlich vorgezeichnet: Vor der Chirurgie hätte ich zwei Jahre ein theoretisches Fach belegen müssen, wahrscheinlich Pathologie, und ir­gendwann wäre ich außerdem als Chirurg für ein Jahr ins Ausland gegangen. Nach Äthiopien, das war damals Pflicht. Leipzig unterstützte die Uni in Gonder. Kollegen zeigten in den Vorlesungen oft Beispiele von dort, Fälle, die man sonst nie sah. Ich hatte mich da­rauf gefreut. Aber nach der Wende wurden alle Ver­träge annulliert. Das war ein unangenehmes Gefühl. Die Zeit der nahtlosen Pläne war vorbei.

Und wie kam es dann zum Schwenk in die Neurologie?

Prof. Hermann: Mein Jahr als Arzt im Praktikum in der Chirurgie der Uni Leipzig stellte mich nicht zu­frieden. Für die Kollegen am Klinikum war der Status AiP ganz neu, deshalb änderte sich für mich im Ver­gleich zum PJ nicht viel. Ein Kollege stellte mir dann einen Vertrag in Aussicht, wenn ich bereit wäre, in Heidelberg vier Monate die neurologische Intensiv­medizin kennen zu lernen. Danach sollte ich in Leipzig eine solche Station mit aufbauen. Es lag damals im Trend, dass jede Fachgruppe ihre eigene Intensiv­medizin etablierte - und für mich war das eine hoff­nungsvolle Perspektive, denn Stellen gab es wenig.

Statt den afrikanischen Osten haben Sie dann also den deutschen Westen kennen gelernt?

Prof. Hermann: Genau. Ich ging damals zum ersten Mal in den Westen. Und es war für mich das erste Mal, dass ich ohne Bekannte auf eigenen Füßen stehen musste. Vorkenntnisse in dem Fach besaß ich auch nicht. Bis zur ersten Nachtschicht habe ich versucht, so viel Wissen wie möglich in mich aufzusaugen, so dass ich die Vitalfunktionen der Pa­tienten kontrollieren konnte. Außerdem habe ich gute Kontakte zu den Intensivschwestern und -pflegern geknüpft. In dieser ersten Nacht betreute ich Patienten mit ischämischen Infarkten, Hirn­blutungen, Hirnhaut­ und Hirnentzündungen. Viele von ihnen mussten wir beatmen. Ich überstand alles gut. Meine Patienten zum Glück auch.

Konnten Sie Ihr Wissen in Leipzig dann auch anwenden?

Prof. Hermann: Und ob! Drei, vier Monate mussten wir noch warten, dann war der Neubau fertig, und wir eröffneten die neurologische Intensivstation mit sechs Betten. In weiten Bereichen war sie eine Kopie von Heidelberg, sowohl von der Technik als auch von den Therapien, die wir anwendeten. Wir waren ein neues Ärzteteam mit vier Kollegen. Das Pflege­team war neu. Wir hatten neue Geräte und ein neues Gebäude.

Wir mussten uns erst einmal zusammenfinden. Aber wir waren so motiviert, solch eine Pionierstimmung habe ich so nie wieder erlebt. Wir wollten schnell die gleichen Ergebnisse wie unsere Vorbilder in München und in Heidelberg erreichen, und das hat auch funktioniert. Von unseren ersten Patienten weiß ich immer noch die Namen. Leider hatten wir gleich zu Anfang ein paar sehr schwere Fälle. Sie waren nach Reanimation mit hypoxischen Hirnschäden zu uns gekommen. Wir haben aber um sie gekämpft und hatten kleine Teilerfolge.

Hatten Sie da endlich Feuer für die Neuro­logie gefangen?


Prof. Hermann: Ja. Obwohl ... Damals liebäugelte ich insgeheim immer noch mit der Neurochirurgie. Als ich aber auf die normalen neurologischen Stationen wechselte, stellte ich fest, wie groß das Fach doch eigentlich ist, und wie viel mir bisher verborgen ge­blieben war. Ich begriff fasziniert, wie komplex das Nervensystem ist , und was es für Fähigkeiten besitzt. Ganz identifizierte ich mich dann mit der Neurologie, als ich nach dem Facharzt die Patienten mit der Kupferspeicherkrankheit Morbus Wilson übernahm und zu diesem Thema habilitierte.

Ist das nicht eine extrem seltene Erkrankung?


Prof. Hermann: Rein nach der Wahrscheinlichkeit begegnet man in seinem gesamten Medizinerleben nur etwa einem Patienten. Aber Leipzig war seit 1970 ein Zentrum für Morbus Wilson. Alle Ver­dachtsfälle in der DDR kamen dorthin. Ich betreute über hundert Morbus-Wilson-Patienten. Bei ihnen verglich ich zum Beispiel den Geno- mit dem Phäno­typ oder studierte motorische Funktionen.

Aber als habilitierter Oberarzt an der Uni­versität wollten Sie nicht bleiben?

Prof. Hermann: Damit war ein Zenit erreicht. Ich bekam sogar den ersten unbefristeten Arbeitsver­trag meines Lebens. Aber als ich die Chance erhielt, Chefarzt zu werden, habe ich nicht gezögert. Mein eigener Chef zu sein, das war ein neues Gefühl - mehr Freiheit, aber auch mehr Verantwortung.

Merken Sie als Chefarzt den Ärztemangel?

Prof. Hermann: Ja, die Bewerbersituation hat sich im Vergleich zur Zeit meiner Weiterbildung komplett gedreht. Im Moment habe ich meine Stellen besetzt. Allerdings ist mein Team jung und international, wir haben etwa Kollegen aus Tschechien und Jordanien. Als Chef muss ich meine Mitarbeiter jetzt so motivieren, dass sie kommen, bleiben und lernen wollen.

Wie schaffen Sie es, Mitarbeiter zu motivieren?

Prof. Hermann: Jeder Rapport, unsere Frühbe­sprechung am Morgen, ist eine kleine Fortbildung. Wir besprechen natürlich die Neuzugänge und die Problemfälle. Ich bereite immer aber auch einen kleinen Fortbildungsaspekt vor, der zu den Patienten passt und wichtig ist, zum Beispiel Rückenmarkssyndrome.

Fängt jemand ganz neu an, setze ich die Sachen, die sehr häufig sind, an den Anfang, damit er schnell einen Einstieg bekommt. In der Regel untersuche ich alle Neuaufnahmen auch noch einmal nach, und lasse diese neurologische Untersuchung von den Mitarbeitern auch wiederholen, so dass sie neben der Theorie lernen und trainieren, wie man den klinischen Untersuchungsstatus erhebt. Wir haben mit dem Raum Zwickau und dem Erzgebirge ein großes Einzugsgebiet, so dass wir das gesamte Spektrum der Neurologie sehen. Neben den häufigen Rückenbeschwerden, zerebralen Durchblutungsstörungen, Neuropathien oder Fällen mit Multipler Sklerose kommen durchaus auch Patienten mit sehr seltenen Erkrankungen zu uns. Im Moment klären wir zum Beispiel jemanden mit Verdacht auf einen Morbus Wilson ab.

Macht es Ihnen denn Spaß, dieselben Grund­lagen immer und immer wieder zu lehren?

Prof. Hermann: Wenn ich sehe, dass die jungen Kollegen das annehmen, was ich Ihnen erzähle, dann macht das auf jeden Fall Spaß. Und ich schätze, dass es so zu 80 Prozent funktioniert.

Haben Sie auch Tipps für Kollegen, die noch studieren?


Prof. Hermann: Gerade für die in den ersten Semestern: Sie sollten niemals denken: "Das brauche ich doch eh nicht!" - Auch wenn die Fakten, die sie gerade lernen, furchtbar theoretisch und langweilig erscheinen. Später ändert sich der Blickwinkel. Dann merkt man, dass sich viele Krankheiten nur mit diesen scheinbar uninteressanten Grundlagen verstehen lassen, zum Beispiel solche Stoffwechselkrankheiten wie der Morbus Gaucher, der Morbus Fabry oder der Morbus Pompe. Alles Erkrankungen, die in den letzten Jahren an Bedeutung gewonnen haben, weil sie sich jetzt durch eine Enzymersatz­-Therapie behandeln lassen. Um dazu auf dem Laufenden zu bleiben, lese ich nicht nur die Fachliteratur, sondern gucke auch in Lehrbücher, nicht nur manchmal, son­dern oft. Die Neurologie versteht jemand am besten, der die Grundlagen beherrscht, besonders die Neuro­anatomie und die Neurophysiologie, daneben auch die Biochemie und die Pharmakologie.

Sind Sie jetzt dort angekommen, wo Sie hin wollten?

Prof. Hermann: Einerseits ja: Ich habe viele meiner Ziele erreicht. Andererseits ergeben sich aber auch immer wieder neue Ziele. Mir schwebt zum Beispiel vor, die Fachkompetenz in meinem Team weiter auszubauen, damit wir wieder verstärkt wissen­schaftlich arbeiten können. Auch den Kontakt zur Universität Leipzig, der immer noch da ist, möchte ich weiter forcieren, so dass wir öfter Studenten hierher bekommen, die wir ausbilden können. Es geht immer weiter.

Zur Person

Prof. Dr. med. habil. Wieland Hermann wuchs in Eisenach in Thüringen auf. Nach Abitur und Grundwehrdienst begann er 1985 sein Medizinstudium an der Uni Leipzig. 1991 schloss er das Studium ab und begann als Arzt im Praktikum in der Chirurgie am Uniklinikum Leipzig. Noch als AiPler ging er 1992 an die Kopfklinik in Heidelberg, um dort die neurologische Intensivmedizin kennen zu lernen. Während er 1993 darauf wartete, dass in Leipzig das Gebäude für die neue neurologische Intensivstation fertig wurde, hospitierte er in der Neurochirurgie. Im selben Jahr promovierte Prof. Hermann in der Neurobiochemie über "Cholinerge Kerngebiete" an bestimmten Mäusestämmen in Abhängigkeit vom Lebensalter und startete als approbierter Arzt auf der neu gegründeten ITS der Klinik für Neurologie der Uni Leipzig. In dieser Klinik setzte er seine Karriere fort und bestand 1998 seine Prüfung zum Facharzt für Neurologie, Oberarzt wurde er drei Jahre später. Seine Habilitation erlangte er 2003 zum Thema Morbus Wilson. Seit 2006 ist Prof. Hermann Chefarzt der Neurologie der Paracelsus-Klinik Zwickau.

Via medici Ausgabe 4.11