Handwerkliches Geschick und gute Nerven

Dr. med. Rupert Dietl, Neurochirurg

Dr. Rupert Dietl entspannt sich am liebsten in der Natur.

Wer an den Nerven anderer Menschen arbeitet, braucht selbst gute Nerven - so Dr. Rupert Dietl, der an fünf Vormittagen pro Woche im OP steht. Der Neurochirurg möchte sein Wissen und Können auf hohem Niveau halten, um die Patienten so gut wie möglich behandeln zu können. Bei großen Eingriffen, die ohne Unterbrechung bis zu fünf Stunden dauern können, trägt er eine schwere Bleischürze. Fitness und Sport sind deshalb für ihn als Krafttraining und als emotionaler Ausgleich wichtig.

Herr Dr. Dietl, warum sind Sie Arzt geworden?

Ich suchte einen Beruf, bei dem ich etwas mit Menschen zu tun habe. Deshalb habe ich erst mal zwei Semester Sport studiert. Aber dann fand ich die Medizin doch interessanter, denn in der Orthopädie konnte ich die Bewegung des Menschen besser kennenlernen und die Physiologie und die Psychologie verbinden. Ich habe verschiedene Fußballvereine betreut und meine Doktorarbeit über das Thema "Hüftarthrose" geschrieben. 1987 hatte ich das Angebot, als Orthopäde in einer Klinik nahe London zu arbeiten. Aber dann erfuhr ich, dass im Klinikum Bogenhausen eine Stelle in der Neurochirurgie frei war, und überlegte mir, dass für mich persönlich die Neurowissenschaften noch interessanter sind als die Orthopädie. Die Funktionen des Gehirns und des zentralen Nervensystems sind viel komplexer und anspruchsvoller als die Gelenke und deren Erkrankungen. Da aber die Orthopädie ein wichtiger Teilbereich der Wirbelsäulenchirurgie ist, sind meine ursprünglichen Interessen auch in meine jetzige spezifische Fachrichtung eingeflossen.

Welche Ärzte waren Ihre Vorbilder?

Ende der 1990er Jahre flog ich in die USA, um mir Wirbelsäulenzentren anzuschauen, die damals schon fortschrittlicher als wir in Deutschland waren. Bei Professor Volker Sonntag aus Phönix in Arizona habe ich das amerikanische System kennengelernt, das schon damals Spezialisten für verschiedene Bereiche einsetzte. Das war mein Ansporn, mich weiter zu spezialisieren und mein Wissen und Können auf hohem Niveau zu halten. Am Klinikum rechts der Isar hat mich der Kardiologe Professor Hans Blömer mit einem Satz beeindruckt, der zu meiner Leitlinie geworden ist: "Versuchen Sie, die Komplikationsrate so gering wie möglich zu halten." Von meinem ersten Chef in der Neurochirurgie am Klinikum Bogenhausen, Dr. Franz Schmidberger, habe ich noch gut in Erinnerung, was er mir damals sagte:

"Die Neurochirurgie ist eine Charaktersache. Man sollte die Behandlung ausschließlich zum Wohl des Patienten ausrichten." Als ich noch Oberarzt im Klinikum Bogenhausen war und anschließend die Wirbelsäulenchirurgie in der neurochirurgischen Abteilung im Klinikum Schwabing leitete, habe ich mich auch um junge Ärzte gekümmert. Was ich ihnen mit auf den Weg gegeben habe: "Nehmen Sie an mehr Fortbildungen teil als notwendig. Denn wer aufhört zu schwimmen, wird schnell abgetrieben im Strom."

Welche Eigenschaften sollte ein Neurochirurg mitbringen?

Wichtig ist eine handwerkliche Geschicklichkeit, denn das Nervensystem besteht aus empfindlichen Strukturen. Man muss emotional stark sein und selbst gute Nerven haben, um an den Nerven anderer Menschen arbeiten zu können. Hinzu kommt die körperliche Stärke, denn bei einer Wirbelsäulenstabilisierung muss ich vier bis fünf Stunden ohne Unterbrechung im OP stehen. Dabei trage ich eine fünf Kilogramm schwere Bleischürze unter dem OP-Kittel. Da wir zwischendurch immer wieder mal für einige Sekunden röntgen müssen, lohnt es sich nicht, die Schürze immer wieder an- und auszuziehen. Das wäre auch ein erhöhtes Risiko für eine Wundinfektion. Außerdem würde dabei zu viel Zeit verloren gehen. Nicht zuletzt gibt es für mich persönlich den Vorteil der Beidhändigkeit, denn als Kind war ich Linkshänder, wurde dann aber umerzogen. Im OP hat das jetzt den Vorteil, dass ich die Instrumente von einer Hand in die andere wechseln und auch mit beiden Händen gut arbeiten kann.Sie haben sich 2008 mit einer eigenen Praxis selbständig gemacht und operieren seitdem in der Paracelsus-Klinik München.

Welche Vorteile sehen Sie gegenüber Ihrer Zeit als klinischer Arzt?

Ich habe aus 25 Jahren im Krankenhaus einen großen Erfahrungsschatz und kann jetzt leitliniengetreu eigenverantwortlich entscheiden, wie ich meine Patienten auf hohem Niveau behandeln möchte.

Für die Patienten bleibt alles in einer Hand, denn ich betreue sie vor, während und nach der OP. Wenn ich jemanden am Vormittag operiere, besuche ich ihn in der Regel am Nachmittag noch mal. Das stärkt das Vertrauen und wirkt beruhigend auf die Patienten. Für mich gehören die Nachuntersuchungen in der Praxis zu meiner Qualitätskontrolle. Meine Erfolge und dankbare Patienten sind der Motor, der mich antreibt.

Welche OP-Methoden finden Sie spannend?

Die Paracelsus-Klinik München ermöglicht es mir, mit einem OP-Roboter zu arbeiten. Das Gerät einer israelischen Firma habe ich mitentwickelt. Ich setze es bei Wirbelsäulenstabilisierungen unterstützend ein. Ein modernes Verfahren, das mich auch fasziniert, sind Bandscheiben-Prothesen der Halswirbelsäule. In den nächsten Jahren würde ich gern ich die Neuromodulationstechniken intensivieren - das sind elektrische Stimulationsverfahren, bei denen ich mit dem Anästhesisten und Schmerztherapeuten der Paracelsus-Klinik München, Dr. Karim Merzoug, eng zusammenarbeiten werde. Wir verhandeln gerade mit den Krankenkassen, die Klinik unterstützt unser Projekt.

Sie stehen jeden Vormittag im OP. Wie halten Sie sich eigentlich fit?

Ich operiere an drei Tagen in der Paracelsus-Klinik München und an zwei Tagen in der Ilmtalklinik Pfaffenhofen. Fitness und Sport sind deshalb wichtig für mich, um zu entspannen und den Kopf frei zu bekommen. Pro Woche mache ich zweimal Sport. Wenn es drei Mal klappt, freue ich mich. Ich spiele Tennis in einem Verein, jogge, fahre in die Berge zum Klettern und laufe im Winter gern Ski. Meine Familie ist auch sehr sportlich, da können wir einiges gemeinsam unternehmen.

Zur Person

Dr. med. Rupert Dietl

Dr. med. Rupert Dietl ist Facharzt für Neurochirurgie mit den Zusatzbezeichnungen Neurochirurgische Intensivmedizin, Chirotherapie und Sportmedizin. Seine Praxis eröffnete er 2008 im Münchner Norden – seitdem ist er auch im Paracelsus-Parkhospital München tätig. Dort operiert er dienstags, mittwochs und freitags.

Der Neurochirurg spezialisierte sich auf die minimal-invasive mikrochirurgische Bandscheibenchirurgie, die Mikrochirurgie des Spinalkanals und die Behandlung der Spinalstenose. Bei mehr als 250 Eingriffen zur Stabilisierung der Wirbelsäule und bei der Kyphoplastie setzte er einen OP-Roboter ein, an der Paracelsus-Klinik München nutzt er das Gerät 25 bis 30 Mal pro Jahr.

Dr. Dietl studierte Medizin an der Uni Regensburg und am Klinikum Rechts der Isar in München und bildete sich Ende der 90er Jahre an einigen renommierten Kliniken fort - unter anderem in Phoenix / Arizona, Columbia University / New York, Neurological Hospital / London und bei Professor Dr. Jürgen Harms in Langensteinbach. Seine klinische Laufbahn begann er im Klinikum Bogenhausen, wo er bis 2001 als Oberarzt arbeitete. Danach wechselte er zum Klinikum Schwabing und leitete dort die Wirbelsäulenchirurgie der neurochirurgischen Abteilung.

Dr. Rupert Dietl ist verheiratet und hat zwei Kinder. Er entspannt sich beim Joggen, Tennisspielen, Wandern, Klettern und Skifahren.