Wirbelsäulenchirurgie auch außerhalb der großen Zentren (Hemer)

Dr. Arnd Peter Schmidt - Wirbelsäulenchirurg

Dr. Arnd Peter Schmidt hat’s mit dem Rücken – besser gesagt, er sorgt dafür, dass seine Patienten Rückenschmerzen loswerden, den Rollator zur Seite stellen können und wieder mehr Beweglichkeit und Lebensqualität erlangen. Und die vielfältigen Möglichkeiten der Wirbelsäulenchirurgie sollten seiner Meinung nach auch im ländlichen Raum angeboten werden – ein Grund für ihn, nach Hemer zu gehen und dort als Chefarzt die Abteilung für Wirbelsäulenchirurgie zu übernehmen.

Es wird viel zu viel operiert hierzulande – trifft Sie dieser Vorwurf?
Ja, und ich ärgere mich auch ein wenig darüber. Stimmt, die OP-Zahlen steigen, aber daraus auf „Operationswut“ der Wirbelsäulenchirurgen zu schließen, trifft es nicht. Ein Grund für steigende Eingriffszahlen ist der demographische Wandel. Damit steigt eben auch die Zahl der verschleißbedingten Wirbelsäulenerkrankungen. Gleichzeitig operieren wir heutzutage Dinge, die noch vor ein paar Jahren als inoperabel galten. Der Rollstuhl war damals die Lösung, heute ermöglichen wir diesen Patienten durch eine Operation ein mobiles und vor allen Dingen oft schmerzfreies Leben. Schließlich hat sich auch die Erwartungshaltung der älteren Generation und der Gesellschaft insgesamt verändert.

Die Ursachen sind komplexer als man vermuten möchte…
Es lohnt sich immer, nach der genauen Ursache zu forschen. Ursachenforschung im Sinne einer klaren Diagnosefindung ist für den Wirbelsäulenchirurgen der entscheide Schlüssel für den Behandlungserfolg. Vieles erscheint auf den ersten Blick eindeutig...

Aber es gibt doch die bildgebende Diagnostik, die exakte Bilder aus dem Inneren des Körpers liefert.
Mit der ich knöcherne Strukturen und vieles andere auch sehr gut sehen kann. Ich erkenne möglicherweise auch einen Bandscheibenvorfall. Aber wer sagt denn, dass ein solcher Vorfall auch wirklich die Ursache für die Beschwerden ist? Als Wirbelsäulenchirurg schaue ich mir deshalb die gesamte Wirbelsäule an. Liegt ein Verschleiß der kleinen Wirbelgelenke vor oder ein Wirbelgleiten, ist der Wirbelkanal verengt, leidet der Patient an Osteoporose und ist in der Folge bereits eine Wirbelkörperbruch festzustellen, sind Nerven bakteriell entzündet oder finde ich gar Metastasen? Erst wenn ich sicher weiß, welche Ursache ich vor mir habe, entwickele ich einen Therapieplan, und der heißt durchaus nicht immer „Operation“.

Eine Operation ist nicht zwingend immer eine Option?
Genauso ist es. Die Wirbelsäule ist ein unglaublich komplexes Gebilde. Gleiches gilt für auftretende Beschwerden. Schmerzen, Taubheit und ausstrahlender Schmerz in den Extremitäten, Schwierigkeiten, längere Strecken zu laufen oder eine erheblich eingeschränkte Beweglichkeit. Deshalb ist eine ausführliche und differenzierte Diagnostik auch so wichtig. Wenn ich erst einmal die Ursache sicher weiß, kann in vielen Fällen eine gezielte konservative Behandlung helfen. Wirbelsäulennahe Schmerzinjektionen können zum Beispiel sehr hilfreich sein, übrigens auch für mich

als diagnostisches Mittel. Denn wenn eine Schmerzinjektion keine Besserung bringt, weiß ich, dass die Ursache für den Schmerz woanders zu suchen ist.

Was sind denn häufige Erkrankungen, die Sie operieren?
In neunzig Prozent der Fälle sind degenerative Prozesse Grund für eine Operation, allen voran die Spinalkanalstenose. Dabei handelt es sich um eine Verengung des Wirbelkanals, durch den das Rückenmark verläuft. Grund für die Verengung sind altersbedingte Verschleißerscheinungen. Wenn Nerven durch die Verengung geschädigt werden oder sich entzünden, sind oft erhebliche Schmerzen und Missempfindungen die Folge. Wir erweitern die Enge, je nach Schwere erfolgt das mit oder ohne Verwendung von Implantaten. Eine weitere Gruppe sind Patienten mit einem Wirbelkörperbruch.

Ein Bruch der Wirbelsäule?
Nein, bei einem Wirbelkörperbruch ist meist nur ein einziger Wirbel betroffen, bei dem die Deckplatte des Wirbelkörpers eingebrochen ist. Indem wir einen Ballon in den beschädigten Wirbel einführen und aufspannen, entsteht ein Hohlraum, den wir dann mit gezielter Zementeinspritzung ausfüllen und so den vorherigen Zustand nahezu wieder herstellen. Ein Eingriff von 30 Minuten mit sehr guten Behandlungsergebnissen.

Ist denn ab einem gewissen Alter eine Operation noch vertretbar?
Wir müssen immer abwägen, und bei älteren Patienten auch andere Erkrankungen wie Diabetes oder Herzerkrankungen berücksichtigen, aber grundsätzlich ja. Noch vor wenigen Tagen habe ich eine 96-jährige Dame mit Wirbelkörperbruch operiert, die schon lange Zeit ärgste Beschwerden hatte und kaum noch gehen konnte. Jetzt läuft sie wieder, und zwar beschwerdefrei!

Was war der Grund nach Hemer zu kommen?
Ich kann hier auf bestehende Strukturen aufbauen, die Abteilung existiert ja bereits seit 2012. Sowohl meine Oberärzte als auch das Pflegeteam sind sehr erfahren in der Behandlung von Wirbelsäulenpatienten. Reizvoll fand ich auch die Tatsache, eine eigenständige Abteilung zu führen und gleichzeitig unkompliziert mit den anderen Fachabteilungen zusammenarbeiten zu können, einfach, weil wir ein kleines Haus mit kurzen Wegen sind. Außerdem finde ich es sinnvoll, hochspezialisierte Leistungen wie die Wirbelsäulenchirurgie nicht nur in Zentren großer Städte anzubieten. Gerade für ältere Patienten ist es sehr wichtig, wohnortnah behandelt zu werden, und es gibt in der Region

hier sehr wenige Kliniken, die Wirbelsäulenchirurgie anbieten. Und dass hier eine erfahrene Physiotherapie unter dem Dach der Klinik angesiedelt ist, hat mir auch sehr gefallen.

Was haben Sie sich als Chefarzt zuerst vorgenommen?
Ganz wichtig ist mir die enge Zusammenarbeit mit den niedergelassenen Haus- und Fachärzten. Denn der Erfolg eines operativen Eingriffs an der Wirbelsäule ist auch abhängig von der Nachsorge. Bei einem Wirbelkörperbruch aufgrund von porösem Knochen zum Beispiel muss medikamentös weiterbehandelt werden, damit die Knochensubstanz sich wieder verbessert und es nicht zu einem weiteren Bruch an einem anderen Wirbel kommt. Ich habe bereits einigen Kollegen persönliche Besuche abgestattet. Als „Neuer“ muss ich mich ja erst einmal vorstellen und Vertrauen aufbauen.

Aber wirklich neu sind Sie in punkto Wirbelsäulenchirurgie ja nicht, oder?
Nein, mittlerweile bin ich seit über 12 Jahren operativ im Bereich der Wirbelsäulenorthopädie und  -chirurgie tätig, in den Jahren zuvor hatte ich auch schon mit Schwerpunkt Wirbelsäulenchirurgie gearbeitet. Natürlich erst im konservativen Bereich bzw. als assistierender Teil eines OP-Teams. Während meiner Facharztausbildung habe ich außerdem viel Erfahrung in der Sportorthopädie sammeln können. Die Klinik in Saarlouis wurde von Prof. Hess, ehemaliger Mannschaftsarzt des DFB und Vorgänger von Dr. Müller-Wohlfahrt, gegründet, in der Folge lassen sich dort bis heute zahlreiche Leistungssportler behandeln. Als Sportler, der ich damals noch war, fühlte ich mich in diesem Umfeld natürlich sehr wohl.

Was hat Sie denn bewogen, Arzt zu werden?
Ich bin familiär vorbelastet, Vater Kardiologe, Mutter Kinderärztin. Zunächst lautete mein Konzept zur Berufswahl allerdings: Nicht Arzt! Also studierte ich ein paar Semester Jura, aber das war eigentlich nichts für mich. Und die Welt der Medizin war mir ja nun von Kindesbeinen an vertraut, also entschied ich mich schlussendlich doch dafür und orientierte mich schnell in Richtung Orthopädie. Nach der eher sportmedizinisch geprägten Facharztausbildung, rückte dann die Wirbelsäulenchirurgie in den Fokus. Zuletzt arbeitete ich in der Helios Klinik in Lengerich 4 Jahre lang als Leiter der Wirbelsäulenchirurgie und war zusätzlich auch als Unfallchirurg tätig. Aber Operationen zu planen, das komplexe Geschehen der jeweiligen Wirbelsäulenerkrankung genau zu verstehen und dann individuell das beste Therapiekonzept zu entwickeln, das liegt mir viel mehr als die Akutmedizin.