Hilfe bei Parkinson und Co.

Dr. Odin baut eine neue Abteilung auf

Katja Odin hat seit Langem keinen Tag Urlaub mehr gehabt: Im Mai 2015 hat sie die Abtei­lung für Neurologie an der Paracelsus-Klinik Bremen übernommen und weiter ausgebaut. ­Inzwischen hat sie ärztliche Unterstützung – und freut sich darauf, mit einem kollegialen Team innovative Therapien für Morbus Parkinson, Demenzen etc. zu etablieren.

Frau Dr. Odin, wann haben Sie entschieden, in die Neurologie zu gehen?

Eigentlich wollte ich ja Kinderärztin werden, dann wurde mir aber eine neurologische Promotion zu Multipler Sklerose (MS) angeboten. Damit habe ich 4 Jahre verbracht, daraus resultierten mehrere Publikationen. Ich fand es so spannend, dass ich in der Neurologie geblieben bin. Hier entwickelt sich momentan unheimlich viel! Nach der Doktorarbeit ging ich mit einem Forschungsstipendium nach Schweden, wo ich mich bald auf neuro­degenerative Erkrankungen, Bewegungsstörungen und v. a. Morbus Parkinson spezialisiert habe.

Das klingt, als ob Sie eine wissenschaftliche Karriere im Sinn hatten?

Ja, ich habe überlegt zu habilitieren – aber in Schweden lernte ich auch meinen Mann kennen, ebenfalls ein Neurologe mit wissenschaftlichen Ambitionen. Als unsere Kinder kamen, habe ich mich dann doch klinisch statt wissenschaftlich orientiert. Alles andere wäre zu aufwendig gewesen.

Trotzdem haben Sie jetzt die Aufgabe übernommen, hier eine neue Abteilung aufzubauen?

Ja, die Kinder werden langsam flügge, und ich kann wieder das machen, was ich mal gelernt habe und was mich sehr interessiert.

Was möchten Sie hier erreichen?

Die Klinik ist bisher stark orthopädisch-­chirurgisch geprägt. Unsere neuro­logische Abteilung soll sich in Zukunft verschiedenen Krankheiten aus dem vorwiegend konservativ behandelten Spektrum widmen, d. h. dem großen Formenkreis der neurodegenerativen Krankheiten wie Morbus Parkinson und Demenzen, aber auch MS und Neuropathien. Ich denke, wir profitieren von den sehr guten Physio­therapeuten hier im Haus. Zum Jahresanfang haben wir außerdem unser neurologisches MVZ eröffnet, sodass wir nun auch ambulant behandeln können. Dafür bilden wir in Kürze eine unserer Mitarbeiterinnen zur Parkinson-­Assistentin (PASS) aus. Gerade bei Parkinson-Patienten ist es interessant zu verfolgen, wie sie sich weiter entwickeln – auch im häuslichen Umfeld.

Was bieten Sie im Moment stationär an?

Wir nehmen bisher v. a. Patienten mit Bewegungsstörungen stationär auf. Seit Oktober 2015 bieten wir die Parkinson-Komplexbehandlung: Die Patienten sind für 3 Wochen stationär bei uns und bekommen je nach Bedarf Physio-, Ergo-, Logo- und Psychotherapie. Ganz wichtig ist auch die Einstellung der Medikamente: Einige wirken extrem kurz und ihre Wirkung schwankt stark, sodass man die Dosis sehr genau einstellen muss. Das ist ambulant kaum möglich, weil man die Patienten evtl. mehrmals täglich sehen und Veränderungen genau dokumentieren muss. Die Nachfrage bei uns ist groß: Wir sind Monate im Voraus ausgebucht. 

Die Homepage ihrer Abteilung verspricht auch avancierte Parkinson­therapien. Was verbirgt sich dahinter?

Vor allem die Pumpen-Therapien (Apomorphin / L-Dopa). Sie sorgen für einen konstanteren Medikamentenspiegel und sind besonders für das fortgeschrittene Stadium gedacht. Wir haben auch mit Apomorphin-Notfall-Pens angefangen, mit deren Hilfe sich Patienten akut Medikamente injizieren können, wenn sie plötzlich bewegungsunfähig sind. Die momentan anspruchsvollste Therapie bei Parkinson ist die tiefe Hirnstimulation. Diese hoch spezialisierte Operation können wir hier nicht anbieten – wir werden aber Patienten betreuen, nachdem die Elektroden liegen, und die Bedarfseinstellung übernehmen.

Ist es nicht frustrierend, ständig Dia­gnosen für unheilbare, fortschreitende Erkrankungen zu übermitteln?

Manchmal schon – für viele Patienten ist die Diagnose natürlich niederschmetternd. Andererseits: Das ­extrem düstere Bild, das viele noch im Kopf haben, stimmt nicht mehr. Wir wissen inzwischen, dass Nervenzellen auch im Gehirn erstaunliche plastische Fähigkeiten haben und sich regenerieren können – wenn man sie entsprechend trainiert. Das können Kreuzworträtsel sein, aber auch Physiotherapie oder ähnliches. Und bei den Medikamenten tut sich gerade sehr viel, es gibt Wirkstoffe mit unterschiedlichen Angriffspunkten.

Auch schon bei Demenzen?

Hier gibt es tatsächlich noch viel Forschungsbedarf, aber erste Ansätze sind da. Bei den neurodegenerativen Erkrankungen insgesamt sollte man sich von dem Standpunkt verabschieden, dass es immer nur bergab geht und man nichts tun kann  – gerade zu Beginn der Erkrankung.

Wollen denn die meisten Patienten tatsächlich ihre Diagnose wissen?

Ich erlebe es schon so. Viele kommen mit großen Fragezeichen: Warum kann ich schlechter gehen? Warum verändert sich meine Schrift? Wieso spreche ich undeutlicher? Sie wollen wissen, was da nicht stimmt. 

Wie sicher sind Ihre Diagnosen?

Bei Parkinson bin ich mir meist schon nach der klinischen Untersuchung ziemlich sicher. Als nächstes machen wir einen L-Dopa-Test: Der Patient bekommt hoch dosiert genau den Stoff, der in seinem Gehirn fehlt, und man schaut, wie er reagiert. Das 3. Standbein ist die Bildgebung: Im DAT-SPECT (DAT: Dopamintransporter, SPECT: single photon emission computed tomography) kann man in der Substantia nigra die Regionen darstellen, in denen Nervenzellen zugrunde gehen.

Zusammengenommen hat man dann eine relativ sichere Diagnose – aber erst im Lauf der Jahre sieht man eindeutig, ob es wirklich Morbus Parkinson ist. Und auch bei Demenzen haben wir mittlerweile recht gute Dia­gnose-Kriterien. 

Können Sie an einer kleinen Klinik wie dieser noch Ihrem Interesse an der Forschung nachgehen?

Ja, durchaus! Ich bin mit mehreren Unikliniken in Kontakt, eine Medikamenten-­Studie und eine Bewegungsanalyse – mit der Universität Bremen – laufen bereits. Durch unser stark spezialisiertes Patientenklientel sehen wir trotz der geringen Größe z. B. sehr viele Parkinson-Patienten und sind daher eine gute Anlaufstelle für Wissenschaftler. 

Haben Sie sich schnell an die Rolle als Chefärztin gewöhnt?

So richtig kommt das ja noch: Zunächst bin ich allein gestartet, dann kam ­meine wunderbare Sekretärin, später noch 1 Oberarzt, 1 Fachärztin und 1 Assistenz­ärztin, außerdem 1 Medizinische Fachangestellte und 3 Krankenschwestern. Ich stelle mir auf jeden Fall eine flache Hierarchie vor: Wir arbeiten als Team zusammen, jeder hat seine Spezialität, und so ergänzen wir uns gegenseitig. Da wir hier ja alles neu aufbauen, kann wirklich jeder seine Ideen einbringen – und soll es auch!

Dr. med. Katja Odin ist Fachärztin für Neurologie. Sie studierte ­Medizin in Hannover, Oslo, Grabs (Schweiz) und London. Ihre Promotion schloss sie 1994 an der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) ab und ging anschließend als Post-Doktorandin an das Universitätskrankenhaus Lund in Schweden. 1996 kehrte sie nach Deutschland zurück, arbeitete bis 2012 als Wissenschaftliche Assistentin an der MHH und absolvierte ihre Weiterbildung in Bremen. 2013–2014 war sie Oberärztin und Leitende Ärztin im Neurologischen Rehabilitationszentrum der Stiftung Friedehorst in Bremen. Seit April 2015 ist Dr. Odin Chefärztin der ­Abteilung Neurologie an der Paracelsus-Klinik Bremen. Sie hat 3 Kinder im Alter von 12–17 Jahren.

Das Interview erschien in der Ausgabe 1/16 der "Lege artis" - Das Magazin zur ärztlichen Weiterbildung.