"Kleine Dinge können viel bewirken"

Prof. Knoblochs Kampf gegen Keime

Seit Anfang Mai leitet Prof. Dr. Johannes Knobloch ein neu gegründetes Zentralinstitut für Krankenhaushygiene. In dieser Funktion koordiniert er Hygienemaßnahmen für 40 Einrichtungen im Reha- und Akutbereich. Im Interview verrät er uns, was die Krankenhaushygiene für ihn so spannend macht und welche Aufgaben er in Angriff nehmen wird. 

Herr Prof. Knobloch, wie sind Sie zur Krankenhaushygiene gekommen?
Eigentlich wollte ich Biochemie studieren. Das war damals aber nur an 2 Universitäten in Deutschland möglich und den Numerus clausus von 0,7 habe ich nicht ganz erreicht. Da ich auf reine Chemie keine Lust hatte, habe ich dann den Weg über die Medizin genommen, mit dem Ziel danach in die Forschung zu gehen.

Patientenkontakt stand also für Sie nie im Vordergrund?
Tatsächlich habe ich mich während des Studiums dazu entschlossen, Landarzt zu werden! Im Großraum Hamburg habe ich aber keinen Platz für die Weiterbildung Allgemeinmedizin gefunden. Als ich dann eine Stelle in Mikrobiologie und Hygiene bekommen hatte, bin ich dort hängen ge-blieben und habe mich in dieser Richtung spezialisiert. 

Sie waren viele Jahre in der Forschung tätig. Was waren Ihre Schwerpunkte?
Die Übertragung von Krankheitserregern und fremdkörperassoziierte Infektionen, also z.B. von künstlichen Hüftgelenken oder zentralen Venenkathetern. Als Mikrobiologe habe ich auch viel Antiinfektiva-Beratung, klinische Visiten auf Intensivstationen und mikrobiologische Diagnostik gemacht. Heute ist mein Tätigkeitsfeld die reine Krankenhaushygiene. 

Womit beschäftigt man sich da?
Viele kennen die patientennahen Tätigkeiten eines Hygienikers, die die Übertragung und Ausbreitung nosokomialer Infektionen verhindern sollen. Aber Hygiene fängt schon viel früher an, z.B. bei Fragen des Bauwesens: Ist ein Raum so ausgestattet, dass ich einen Desinfekti-onsmittelspender überhaupt an einer ge-eigneten Stelle anbringen kann? Wie ist der Spritzwasserschutz für Waschbecken? Infektionskrankheiten können sich auch über eine raumlufttechnische Anlage im Krankenhaus verbreiten. Es gehört also ganz viel technische Hygiene dazu: Die korrekte Bedienung und Beladung von Rei-nigungsgeräten oder die Überprüfung der Sterilisationsprozesse. Dieses breite Spek-trum macht die Hygiene so interessant. Gleichzeitig gibt es für viele dieser Aspek-te noch keine wissenschaftliche Evidenz, aber ganz viel Forschungsbedarf. 

Was hat Sie an der Leitung des Zentralinstituts gereizt?
Das Institut ist gerade erst gegründet worden: Ich kann also eine Struktur vollkommen neu schaffen. Im Moment sind wir noch im Aufbau. Dazu gehört als allererstes, die Gegebenheiten vor Ort zu analysieren und dann zu sehen, wo am dringlichsten Handlungsbedarf besteht. Ein weiterer Punkt ist, dass die Evidenz, die der Hygiene zugrundeliegt, aus großen Krankenhäusern stammt, in denen auch geforscht wird. Gerade für kleinere Häuser gibt es aber sehr wenig wissenschaftliche Daten. Sie weisen sehr kleine Fallzahlen auf, deswegen ist eine Statistik nur schwer möglich. Das ist der Vorteil des Zentralinstituts: Möglicherweise kann man über die Beobachtung vieler kleiner Häuser auch für diese eine Evidenz schaffen. Es wird also spannend herauszufinden, ob es Situationen gibt, in denen wir Empfehlungen anpassen können oder müssen.

Welche Aufgaben werden Sie in Osnabrück übernehmen?
Ein großer Auftrag für unser Institut ist die interne Fortbildung. Die Struktur einer Hygiene ist ja klar vorgegeben: Jedes Krankenhaus hat einen Hygieneverantwortlichen, den ärztlichen Direktor einer Klinik. Er delegiert Aufgaben an hygienebeauftragte Ärzte und Hygienefachkräfte. Um hygienebeauftragter Arzt zu werden, muss man einen 40-stündigen Kurs absolvieren. Diese Fortbildung wollen wir künftig intern anbieten, aber auch für externe Interessierte. Für die Hygienefachkräfte unserer einzel-nen Einrichtungen bin ich der Hauptberater und werde mit Ihnen zusammen viel vor Ort sein. Sie nehmen eine ganz wichtige Schlüsselfunktion ein. Mein Ziel ist es, ihnen die Dokumentation z.B. des Antibiotikaverbrauchs zu erleichtern, sodass sie mehr Zeit für die Analyse von Arbeitsabläufen haben. Das ist ein wichtiges Tool der Hygiene: Tätigkeiten am Patientenbett beobachten, um herauszufinden, wo Fehler auftreten. Anschließend überlegt man gemeinsam, wie sie sich vermeiden lassen. Häufig können bereits kleine Maßnahmen sehr viel bewirken: Manchmal reicht es schon, einen Desinfektionsmittelspender an eine andere Stelle zu schrauben. 

Was ist das größte Problem in der Krankenhaushygiene?
Wenn wir in der Händehygiene eine Compliance von 100% erreichen würden, hätten wir in Deutschland ganz viele Hygieneprobleme gelöst. Es gibt klare Empehlungen, wann die Händedesinfektion zu erfolgen hat: die sog. „My 5 Moments of Hand Hygiene“ der WHO. Beobachtet man Personal am Patienten, findet Händehygiene aber nur in einem Bruchteil der Situationen statt, in denen man sich eigentlich die Hände desinfizieren sollte. Das liegt an vielen Bausteinen: u.a. unzureichende Schulung der Mitarbeiter, ungünstige Lokalisation von Desinfektionsmittelspendern, zu hohe Arbeitsbelastung oder falsche Ausführung. Es ist unmöglich, die 100% zu erreichen, aber es ist ein Ziel, durch kontinuierliche Schulungen dafür zu sorgen, dass die Compliance in der Händehygiene so hoch wie möglich ist. 

Würden Sie jungen Ärzten Ihr Fach empfehlen?
Sowohl der Facharzt für Mikrobiologie als auch der Facharzt für Hygiene und Umweltmedizin ist auf jeden Fall empfehlenswert. Beide Richtungen ermöglichen spannende Tätigkeiten, mit beiden kommt man in die Krankenhaushygiene. Es sind auch relativ familienfreundliche Fachrichtungen, da die Planbarkeit besser ist als z.B. in der Chirurgie. Notfälle in dem Sinne gibt es bei uns nicht, natürlich kommt es aber auch zu Stresssituationen, wenn Infektionen ausbrechen – die versucht man aber schließlich zu verhindern.

Lassen sich Infektionen denn immer vermeiden?
Manche Erkrankungen sind schicksalshaft, z.B. Norovirus – darauf muss man im Prinzip jedes Jahr gewappnet sein. Sobald ein Patient mit Norovirus in ein Krankenhaus kommt, muss man versuchen, die Weiterverbreitung zu verhindern, aber das ist nicht immer möglich. Es hängt auch von der Struktur eines Hauses ab. Erbricht sich der Patient in einem Bereich, in dem auch andere Patienten sind, wird es An-steckungsfälle geben. Man geht davon aus, dass bis zu 30 % der nosokomialen Infektionen vermeidbar sind. Im Notfallsituationen muss im Zweifel den lebensrettenden Maßnahmen eine höhere Priorität als den Hygienemaßnahmen gegeben wer-den. Deshalb ist auch bei optimaler Hygiene bei Weitem nicht jede Infektion vermeidbar.

Prof. Dr. med. Johannes Knobloch

ist Facharzt für Mikrobiologie und Infektionsepidemiologie. Er studierte von 1989–1996 Medizin an der Universität Erlangen-Nürnberg. Für die Facharztweiterbildung wechselte er an das Universitätklinikum Hamburg-Eppendorf, wo er auch promovierte. Dort war er u.a. am Institut für Medizinische Mikrobiologie und Immunologie sowie am Institut für Infektionsmedizin tätig. 2004 machte er seinen Facharzt und übernahm die kommissarische Leitung des Gesamtbereichs Bakteriologie, Mykologie und Parasitologie des Instituts für Infektionsmedizin. 2005 wurde er dessen stellvertretender Leiter; im selben Jahr habilitierte er. Ein Jahr später wurde er stellvertretender Institutsdirektor und leiten-der Oberarzt des Instituts für Medizinische Mikrobiologie und Immunologie des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein, Campus Lübeck. Seit Mai 2015 ist er Leiter des neuen Zentralinstituts für Krankenhaushygiene der Paracelsus Kliniken in Osnabrück. 

Das Interview erschien in der Ausgabe 3/15 der "Lege artis" - Das Magazin zur ärztlichen Weiterbildung.