Leidenschaft beim Knochen-Puzzle

Dr. med. Christian Clausen, Unfallchirurg

Was verändert sich für einen Arzt, wenn er plötzlich als "Chef" Verantwortung für eine ganze Abteilung trägt? Dr. med. Christian Clausen leitet seit ein paar Monaten die Unfall-, Hand-, Fuß- und wiederherstellende Chirurgie der Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg. Hier erzählt er, was dieser Schritt für ihn bedeutet.

Herr Dr. Clausen, wann wussten Sie, dass Sie Unfallchirurg werden wollten?

So ungefähr mit drei Jahren. Ich wollte entweder Arzt werden oder Fußballprofi beim HSV. Etwas an­deres gab es für mich nicht. Naja. Und für den HSV war ich eben zu schlecht.

Und es sollte immer die Unfallchirurgie sein?

Ja. Damals gab es noch den allgemeinen Facharzt für Chirurgie, den ich dann auch gemacht habe. Aber für mich war von Anfang an klar, dass die Unfallchirurgie das Fach ist, wo ich hinwill. Für mich ist das Tolle daran: Ich lindere nicht nur Symptome. Ich heile die Leute tatsächlich! Ein Internist hilft und lindert, aber er bekommt ein kaputtes Herz nicht mehr ganz. Ich spiele mit Freunden Fußball, und einer von ihnen, Peter, reißt sich das Kreuzband. Am nächsten Tag operiere ich ihn, und nach einem halben Jahr spielen wir wieder zusammen Fußball.

Das ist aber nicht wirklich so passiert, oder?

Doch, genau so. Und das gefällt mir so an meinem Fach: Wenn man die Arbeit ordentlich macht, können Patienten oft sechs Wochen nach ihren Brüchen wieder alles tun, was sie wollen, und sind so gesund wie vorher auch.

Was operieren Sie am liebsten?

Kniegelenke operiere ich sehr gerne, Endoprothesen zum Beispiel.

Sind das nicht vor allem ältere, übergewichtige Patienten?

Ja, aber ganz häufig sind die Schmerzen im Knie der Grund, warum sie sich nicht mehr bewegen. Ich finde es nicht fair, diesen Menschen dann zu sagen, ich operiere sie erst, wenn sie zwanzig Kilogramm ab­genommen haben. Ich selbst wüsste auch nicht, wie ich abnehmen sollte, wenn ich keinen Sport treiben könnte. Ich mache am Knie auch gerne arthrosko­pische Eingriffe oder Kreuzband-Plastiken. Zudem finde ich die komplexen Frakturen spannend, bei denen man zwei, drei Stunden einfach vor sich hin­bastelt. Vor allem, wenn es für den Patienten kri­tische Stellen sind, fordert einen das immer wieder heraus, zum Beispiel im Ellenbogen- oder Knie­bereich oder am Fersenbein.

Passt so viel Zeit denn immer in den OP-Plan?

Bei solchen Operationen muss man in Ruhe puzzeln können, damit das Ergebnis für den Patienten mög­lichst gut wird. Auch wenn der OP-Plan nur zwei Stunden vorsieht.

Braucht man für solche OPs besondere Ta-lente, oder lassen sie sich einfach erlernen?

Nein, Chirurgie hat schon viel mit Gefühl und auch mit räumlichem Denken zu tun. Man muss sich am Ellenbogen zum Beispiel vorstellen können, wie die Gelenkflächen der Kondylen zueinander stehen sollen, damit der Unterarm wieder abrollen kann.

Können Sie sich noch an Ihre erste OP erinnern?

Ja, die ersten Operationen sitzen tief. Es ist ein ko­misches Gefühl, zum allerersten Mal in einen Pati­enten hineinzuschneiden. Ganz anders als im Präp-Kurs - man schneidet ja in einen lebenden Menschen.

Meine allererste OP war eine ganz normale Metall­entfernung am Sprunggelenk. Das erste Mal ganz alleine war ich bei einem Blinddarm. Das war auch einfach und unkompliziert - und trotzdem über­legte ich dabei ständig, ob jetzt wirklich alles richtig war, was ich gerade tat. Es ist aber gut gegangen. Das ist am Anfang wichtig, denn so bekommt man Selbstbewusstsein und Vertrauen, auch das Nächste, Größere allein zu operieren. Man sollte nur ehrlich mit sich selbst bleiben, und wenn es mal nicht so läuft, jemanden mit draufgucken lassen. Als Chirurg kann man leicht Schaden anrichten. Meinen Assistenzärzten versuche ich zu vermitteln, dass die Patienten nicht nur das sind, was wir während der OP sehen. Sie haben ein Leben davor und danach - den ganzen Patienten im Blick zu haben ist das A und O.

Gibt es Patienten, die Ihnen besonders ans Herz wachsen?

Junge Leute nach schweren Verkehrsunfällen. Auf­grund der Verletzungsmuster müssen wir da nicht selten mehrfach operieren, etwa wegen kompli­zierten Brüchen, Rupturen oder Luxationen im Kniegelenk. Einen meiner letzten Patienten in Stade haben wir drei, vier Jahre nach einem schlimmen Motorrad-Crash endlich so hinbekommen, dass er wieder gut laufen konnte und beschwerdefrei war. Er hatte offene Unter- und Oberschenkelfrakturen. Ende letzten Jahres kam er endlich von allem befreit zur Nachuntersuchung bei uns an - auf seinem Motorrad. Das war schon schön. Auch wenn das Motorrad nicht unbedingt hätte sein müssen.

In Stade waren Sie Oberarzt. Hier in Henstedt-Ulzburg sind Sie seit Anfang dieses Jahres Chef. Hat sich viel für Sie geändert?

Ja, das war ein großer Schritt, es ist absolut anders, als Oberarzt sein. Ich nehme mehr mit nach Hause, mache mir mehr Gedanken um die Klinik. Die Ver­antwortung für meine Mitarbeiter hat sich geändert, und in der Klinik wird man einsamer. Auch wenn ich mich mit meinen Mitarbeitern gut verstehe, trage ich ja sozusagen die Chefarzt-Binde. Es ist nicht mehr so, dass meine Oberarzt-Kumpel mal vorbeikommen und einen Kaffee trinken.

Haben Sie sich besonders darauf vorbereitet?

Ich habe mich viel mit meinem alten Chef darüber unterhalten. Er hat erzählt, wie es bei ihm war. Aller­dings war er zehn Jahre älter. Ich bin jünger als fast zwei Drittel meiner Kollegen. Das ist manchmal nicht so leicht. Ich denke, wichtig ist dabei einfach, dass ich ich selbst bleibe und mich nicht verstelle. Außerdem darf man heute als Chef auch nicht der Meinung sein, dass man außerhalb des Teams steht. Ab und an ist man sicherlich derjenige, der Impulse und die Richtung vorgibt, aber vieles ent­scheidet sich im Team, und man macht es gemeinsam. Mich hat immer schon geärgert, wenn Kollegen nach Hause gingen, sobald ihre Seite fertig war - während die anderen im OP saßen und die Stationsarbeit auf sie wartete. So etwas darf nicht sein. Das weiß ich auch vom Fußballspielen, es funktioniert nur zusammen.

Und ist Ihr Team auch, wie beim Fußball, ein reines Männerteam?

Nein, es besteht aus zwei, bald drei Herren und fünf Damen. Die machen das toll. Früher, als es noch den allgemeinen Facharzt für Chirurgie gab, hatten wir weniger Mitarbeiterinnen. In der Unfallchirurgie/Or­thopädie reizt viele Frauen etwa die Handchirurgie.

Waren Ihre Chefärzte auch Ihre Vorbilder?

Zum Teil, ja. Obwohl ich natürlich anders bin. Mein erster Chef war ein sehr alter Chirurg, ein feiner Operateur und guter Arzt. Aber diese alten Chefs haben einen nicht losgelassen: Am Tag vor einer Operation musste ich bei ihm vorsprechen und er­zählen, wie die OP läuft. Erst dann durfte ich sie machen. Das empfand ich damals als Tortur und ich fragte mich, was das sollte. Mir wurde erst später klar, dass es mir auch Sicherheit gab, weil ich den OP-Ablauf so schon gut verinnerlicht hatte. Aber es ist auch in Ordnung, wenn die Jungen heute eher an die Hand genommen werden und operieren wollen, anstatt ständig viel nachzulesen.

Was haben Sie in den nächsten Jahren vor?

Ich möchte unsere Abteilung weiter ausbauen. Vor allem auch die Sportmedizin. Wie überall werden auch in der Unfallchirurgie die geriatrischen Patienten mehr, und durch die Sportmedizin erhalten wir ein gutes Verhältnis aus alt und jung. Ich selbst spiele Golf und trainiere Triathlon. Das sind meine Mittel, um vom Beruf den Kopf frei zu bekommen. Deshalb freue ich mich, wenn Patienten über den Fußballverein oder die Sportgruppe zu uns empfohlen werden. Wir betreuen einige Profisportler aus Hamburg und Umgebung und auch einen Fuß­ballprofi aus Belgien.

Mit was für Beschwerden kommen solche Profis zu Ihnen?

Fußballspieler haben häufig Muskelansatzprobleme. Je nach Situation können wir dagegen einiges unter­nehmen: Die Möglichkeiten reichen von Krankengymnastik, Physiotherapie mit Elektrotherapie bis hin zu Injektionen oder Infiltrationen.

Für medizinische Profis in spe: Haben Sie noch einen Tipp für Medizinstudenten?

Genießen Sie Ihr Studium! Und lassen Sie sich durch nichts davon abhalten, was Sie wirklich wollen!

Zur Person

Dr. med. Christian Clausen kam 1973 in Hamburg zur Welt. Er wuchs in der Hansestadt auf und blieb ihr auch als Student treu. Nach dem Studium startete er seine Karriere als Arzt im Praktikum in der Chirurgie im Allgemeinen Krankenhaus Harburg. Die nächste Station war das Städtische Klinikum in Lüneburg. Bevor er dort die ersten größeren OPs alleine durchführen durfte, hieß es vorsprechen beim Chef - nur wer die OP-Abläufe erklären konnte, durfte loslegen. Weiter ging es für Christian Clausen in die bisher südlichste Region, in die es ihn je verschlagen hat: in die Charité in Berlin. Danach zog es ihn wieder Richtung Norden, an das Elbe Klinikum Stade und Bremervörde, wo er zuletzt als Oberarzt arbeitete. Seinen Facharzt für Allgemeinchirurgie machte er 2007. 2010 folgte der Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie. 2011 erwarb er die Zusatz-Weiterbildung zum Speziellen Unfallchirurg, 2012 folgte noch die Sportmedizin. Im Januar dieses Jahres, im zarten Alter von gerade einmal 38 Jahren, wurde er Chefarzt der Abteilung Unfall-, Hand-, Fuß- und wiederherstellende Chirurgie an der Paracelsus-Klinik in Henstedt-Ulzburg, nördlich von Hamburg.

Via medici Ausgabe 4.12