Medizin mitten im Meer

Dr. med. Holger Uhlig, Chirurg und Chefarzt

Dr. med. Holger Uhlig ist gebürtiger Helgoländer und als Inselbewohner ist man vielleicht schon qua Geburt äußeren Einflüssen gegenüber etwas gelassener als der Festlandbewohner. Und diese Gelassenheit ist es, die dem Facharzt für Chirurgie und Unfallchirurgie auf seinem Posten als Chefarzt der Paracelsus-Nordseeklinik zugute kommt. Denn, was während eines Tages im kleinsten Inselkrankenhaus der Republik passiert, ist fast nicht abzuschätzen. Arbeitsunfälle, Herzinfarkt, Schwangerschaftsbe­schwerden, Segelunfälle, Einsatz per Rettungshubschrauber und Seenotrettungskreuzer auf der Nordsee oder die Versorgung eines Handgelenks oder einer Augenverletzung - auf Helgoland mit seinen rund 1.300 Einwohnern und mehreren 100.000 Touristen jährlich ist kein Tag wie der andere.

Wie lebt es sich als Mediziner auf einer Insel?

Nach über 10 Jahren Tätigkeit als Chirurg kann ich sagen: "Außerordentlich gut!" Die Arbeit in unserem kleinen Inselkrankenhaus, mit Grundversorgung, chirurgischer Ambulanz und neurologischer Spezialabteilung für Parkinsonerkrankte, hat einen eher familiären Charakter und ermöglicht einen engen Patientenkontakt und intensiven Austausch unter den Kollegen. Das bürgt für Qualität und ich empfinde es als sehr angenehm.

In was unterscheidet sich denn ein Medizinerleben in einem Insel­krankenhaus von dem eines Festlandmediziners?

Da ist zunächst einmal die Insellage. Helgoland ist Deutschlands einzige Hochseeinsel und vom Festland ca. 38 Seemeilen entfernt. Als Akutkrankenhaus sind wir erste und einzige Anlaufstelle für alle gesundheitlichen Probleme, also für das gesamte Erkrankungsspektrum. Das bedeutet, dass ich mich neben meiner Arbeit als Chirurg und Unfallchirurg fachübergreifend, z. B. auch mit internistischen Krank­heitsbildern, mit Erkrankungen der Augen, der Haut, des Hals-Nasen-Ohren Bereichs und ganz wichtig der Notfallmedizin beschäftige.

Nach der Erstversorgung ist es meine Aufgabe zu entscheiden, ob die weitere Behandlung in unserer Klinik erfolgen kann oder aber eine Überweisung bzw. Verlegung aufs Festland erfolgen muss.

Aber Sie können doch keinen Schlaganfall behandeln?

Das ist richtig Wir stellen hier die Erstdiagnose und leisten die notfall­medizinische Versorgung. Der Patient wird so schnell wie möglich in ein Krankenhaus mit neurologischer Maximalversorgung aufs Festland verlegt. Mit den Kliniken in Cuxhaven, Bremerhaven und Wilhelmshaven gibt es eine sehr enge Kooperation. Die Kollegen haben unseren Erst­befund, bevor der Patient dort zur Aufnahme kommt. Die Verlegung erfolgt mit einem Rettungshubschrauber, der von Fest­land angefordert wird. Zusätzlich haben wir die Möglichkeit auf den hier stationierten Rettungshubschrauber der Bundeswehr und auf den Seenotrettungskreuzer zurückzugreifen. So verlegen wir im Jahr ca. 50 - 60 Patienten.

Und manchmal besteigen Sie selbst den Hubschrauber?

Ja, es ist gar nicht so selten der Fall, dass draußen auf der Nordsee ein Arzt gebraucht wird. Ich seile mich dann vom Hubschrauber ab oder werde vom Seenot­rettungskreuzer auf ein Schiff übergesetzt, versorge den Patienten notfallmäßig, stelle die Transportfähigkeit fest und begleite ihn ins Krankenhaus. Zugegeben, diese Einsätze auf dem Meer sind etwas ganz Besonderes in meinem Berufsalltag.

Was hat denn Ihre Frau gesagt, als ein "Ab auf die Insel" anstand?

Wir haben das natürlich als Familie entschieden. Die Verbindung zu Helgoland gab es immer, auch während meiner Zeit als Oberarzt am Universitätsklinikum in Aachen. Außerdem hat meine Frau früher schon einmal für kurze Zeit auf Helgoland gelebt und das Inselleben kennengelernt.

Sie wusste also, worauf sie sich einlässt. Als Mediziner sind Sie ja weit ab vom Schuss, hier auf der Insel. Vermissen Sie nichts?

Ich bin ja nicht der einzige Mediziner in der Klinik. Mit meiner Oberärztin, einer Allgemeinmedizinerin, sorgen wir für die medizinische Versorgung der Bevölkerung und Besucher. Mit den Kollegen der neurologischen Abteilung unserer Klinik stehe ich in täglichem Kontakt und die Zusammenarbeit mit den Kollegen der Kliniken auf dem Festland ist ebenfalls sehr intensiv. Schließlich geht es bei Notfällen immer auch um Schnelligkeit. Diese engen Kooperationsbezüge, der enge Patientenkontakt und die familiäre Atmosphäre in der Klinik empfinde ich als Bereicherung meiner Arbeit. Als Chirurg vermisse ich manchmal die großen Operationen, die wir hier in unserem kleinen Inselkrankenhaus natürlich nicht durchführen können. Viele meiner Kollegen beneiden mich aber um die medizinische Vielfalt, mit der ich es hier zu tun habe. Und natürlich fühle ich mich auf Helgoland einfach sehr wohl und zu Hause. Ich lebe dort, wo andere Urlaub machen!