Mit Blick auf ein umsetzbares Therapieziel

Dipl.-Med. Birgit Dehmel, Orthopädin

Es sind Patienten aller Altersgruppen, darunter auch viele ältere, mitunter sogar sehr alte Menschen, mit denen es die Chefärztin Frau Dipl.-Med. Birgit Dehmel in ihrem Arbeitsalltag zu tun hat.
Die Ärztliche Leiterin unserer Klinik hatte schon sehr früh Begegnungen mit Menschen,  die in ihrer körperlichen Leistungsfähigkeit eingeschränkt sind. Ihr Vater war Orthopädiemechanikermeister, sie selbst erlernte in der Firma der Eltern den Beruf der Bandagistin. Als sie danach zum Medizinstudium ging, wusste sie bereits, dass sie später als Orthopädin arbeiten würde. Dass die Fachärztin für Orthopädie eine Reha-Klinik leitet, die sich auf die Bedürfnisse von orthopädischen Reha-Patienten spezialisiert hat, ist da nur eine folgerichtige Konsequenz ihres Werdegangs.

Was ist das Besondere am Rehabilitationskonzept der Paracelsus-Klinik Bad Münster?

Viele der Patienten, die zu uns kommen, haben neben ihrer orthopädischen Erkrankung weitere Grunderkrankungen. Diabetes, Bluthochdruck, Herzerkrankungen und andere altersbedingte Gesundheitsprobleme sind bei uns an der Tagesordnung. Diese Erkrankungen müssen natürlich auch während des Reha-Aufenthaltes gut versorgt werden und genau das tun wir. Internistische Fachärzte, Pflegekräfte, die auf den erhöhten Pflegebedarf von Patienten speziell weitergebildet sind und Diabetesberaterinnen gehören zu unserem Team.

Was ist mit erhöhtem Pflegebedarf gemeint?

Es ist mitunter so, dass unsere Patienten bei Beginn der Reha noch sehr hinfällig sind. Patienten, die gestürzt sind, sitzen nach der orthopädischen Akutbehandlung zunächst im Rollstuhl und kommen dann in diesem Zustand zu uns. Die Angst vor dem nächsten Sturz führt dazu, dass sie sich überhaupt nichts mehr zutrauen, schon das Treppensteigen löst allergrößte Befürchtungen aus. Diese Patienten müssen also zunächst mit großer Sachkenntnis und viel Empathie umsorgt werden, um sie dann Schritt für Schritt vom Rollstuhl wegzubekommen. Um unsere Patienten intensiv betreuen zu können, haben wir die Anzahl der Pflegekräfte erhöht. Ganz wichtig: Alle Mitarbeiter, die bei uns in der Pflege arbeiten, sind speziell in Bezug auf die Pflege älterer und sehr alter Menschen geschult und haben sich ganz bewusst für die Arbeit bei uns entschieden. Es besteht also hier am Hause ein sehr großes Verständnis für die Bedürfnisse alter Menschen.

Eine orthopädische Reha soll doch möglichst zu alter Beweglichkeit führen. Wie geht das zusammen mit teilweise großen Einschränkungen seitens der Patienten?

Entscheidend für den Erfolg jeder Rehabilitation ist ein klar definiertes und realistisches Rehabilitationsziel. Das kann nur in Kooperation mit den Patienten umgesetzt werden und beginnt mit dem persönlichen Gespräch.

Nicht selten hören wir dann von älteren Patienten: „Ich will nicht ins Heim!“ Das sagt eigentlich schon sehr viel über das Therapieziel. Es geht nämlich für unsere älteren Patienten darum, den Alltag möglichst selbstständig bewältigen zu können. Strümpfe und Schuhe alleine anziehen zu können, sicher zu gehen, Treppen zu bewältigen, Mahlzeiten zubereiten zu können, die tägliche Körperpflege zu bewältigen, darum geht es ganz viel. Deshalb hat die Ergotherapie bei uns einen hohen Stellenwert während der gesamten Reha. Jeder, wirklich jeder Patient bekommt eine umfassende Hilfsmittelberatung, das ist durchaus nicht in allen Reha-Kliniken üblich.

Die Rotenfelsklinik betreut aber nicht nur Patienten mit einem erhöhten Pflegebedarf?

Natürlich nicht. Neben der erwähnen Patientengruppe gibt es noch die Senioren, welche durchaus fit sind und an ihre Lebensqualität ganz andere Anforderungen stellen. Diese Menschen möchten sich noch ihrem Haus und dem Garten widmen können oder Reisen unternehmen. Kurz gesagt, geht es bei den fitten Senioren um die Möglichkeiten, den Lebensabend aktiv zu gestalten und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen. Hier sind wir gefordert, die Patienten zu unterstützen, dass sie diese Dinge tatsächlich in Angriff nehmen können. Hilfreich sind hierbei unsere adäquaten Sportangebote und entsprechende physiotherapeutische Anwendungen. Auch meine manualtherapeutische Ausbildung ist hierbei von Vorteil.

Was ist für Sie die besondere Herausforderung im Umgang mit Ihren Patienten?

Ich habe im Laufe der Jahre ein sehr gutes Gespür für die Bedürfnisse speziell älterer Menschen in einer solch schwierigen Phase ihres Lebens entwickelt. Was oft als Unwillen oder gar Starrsinn verstanden wird, ist in Wirklichkeit Angst.

Dieses Verständnis müssen sie aufbringen und ich habe große Freude daran, meinen Patienten, egal welchen Alters zu einem möglichst selbstbestimmten Leben zu verhelfen.

Als Frau auf dem Chefposten- ist Führung für Sie wichtig?

Bewusst angestrebt habe ich das ehrlich gesagt nie. Als die Aufgabe der ärztlichen Leitung einer Klinik an mich herangetragen wurde, hat mich diese Herausforderung schon gereizt. Vielleicht deshalb habe ich nicht lange darüber nachgedacht, ob ich mir das zutraue. Solche Entscheidungen mache ich eher an meiner familiären Situation fest. Als mein Sohn vor einigen Jahren noch klein war, hätte ich sicher das Angebot ausgeschlagen, da ich mit der Doppelbelastung eine leitende Stellung nicht hätte adäquat ausfüllen können.

War die Orthopädie von Anfang an erste Wahl?

Ich wollte nie etwas Anderes machen. Zu Beginn des Medizinstudiums in Jena gehörte ich zu den wenigen Studenten, die von Anfang an wussten, für welchen Facharzt sie sich entscheiden würden. Als Tochter eines Orthopädiemechanikermeisters mit eigenem Sanitätsfachgeschäft habe ich als Kind in der Werkstatt meines Vaters gespielt und meine Puppen waren ständig in Behandlung. Körperliche Behinderung war durch den Beruf meines Vaters für mich so normal, dass ich gar nicht dazu kam, irgendeine Scheu zu entwickeln. Das prägt natürlich meine heutige Tätigkeit ganz entscheidend. Da ich vor meinem Studium die Ausbildung zur Bandagistin absolviert habe, habe ich natürlich ziemlich viel praktisches Fachwissen zu orthopädietechnischen Hilfsmitteln. Und die Ausbildung beeinflusst sogar mein Privatleben. Neben Gartenarbeit und Musikhören »handwerke« ich nämlich unheimlich gerne. Derzeit ist ein antiker Leuchter in Arbeit. Schließlich habe ich gelernt, Materialien wie Stoff, Leder, Kunststoffe oder Metall zu verarbeiten.