Operieren in Gedanken

Prof. Dr. med. Jan-Peter Warnke

Es war Liebe auf den ersten Blick. Von dem Moment an, als Prof. Dr. Jan-Peter Warnke zum ersten Mal die funkelnde Oberfläche einer Arachnoidea erblickte, wusste er, dass die Neurochirurgie das richtige Fach für ihn ist. Fortan ließ sich der Sachse, heute Chefarzt der Klinik für Neurochirurgie in der Paracelsus-Klinik Zwickau, auf seinem Weg zu diesem Traumjob von nichts mehr aufhalten - auch nicht vom "eisernen Vorhang".

Prof. Warnke, Sie operieren fast täglich am Gehirn. Wie empfinden Sie es, an etwas "herum-zuschneiden", mit dem jemand denkt? Macht Ihnen das keine Angst?

Prof. Warnke: Nein, Angst nicht. Angst lähmt und macht unfrei. Aber ich empfinde jedes Mal großen Respekt und ein Gefühl der Fürsorge, wenn ich am Gehirn operiere.

Was meinen Sie: Wo steckt der Kern der Persönlichkeit? Wo befindet sich das Bewusstsein eines Menschen? Stören Sie das bei OPs am Gehirn?

Prof. Warnke: Ich glaube, es gibt keine anatomische Struktur, in der wir das Bewusstsein genau lokalisieren können. Wahrscheinlich ist es überall im Gehirn verteilt. Wenn ich mit meinen feinen Werkzeugen am Hirngewebe operiere, reicht dies in der Regel nicht aus, um das Bewusststein zu stören. Muss ich aber am limbischen System operieren, beispielsweise um dort einen Tumor zu entfernen, kann es sein, dass ich damit das Bewusstsein beeinflusse.

Wie äußert sich das nach der Operation?

Prof. Warnke: Die Selbstreflexion des Patienten kann eingeschränkt sein. Das heißt, er kann nicht mehr so gut über sich selbst nachdenken. Die Natur ist hier aber sehr gnädig: Meist merkt der Patient selbst davon nicht so viel, die Mitmenschen nehmen das oft viel dramatischer wahr.

Was empfanden Sie, als Sie das erste Mal das Gehirn eines Menschen bei einer OP sahen?

Prof. Warnke: Das war während meines Praktischen Jahres in Budapest. Ich war total fasziniert. Ich dachte: Dort muss eigentlich das Herz sein, nicht im Brustkorb! Die Arachnoidea glitzerte, strahlte und funkelte, darunter pulsierte es ... Das sah einfach magisch aus.

Wollten Sie schon immer Neurochirurg werden?

Prof. Warnke: Zumindest wusste ich als Jugendlicher schon, dass ich Medizin studieren möchte. Ich wuchs in der DDR auf und dachte damals, Medizin sei die einzige Möglichkeit, einen spannenden Beruf zu haben, ohne sich in die Politik einwickeln zu lassen. Später merkte ich, dass dies nicht stimmt - zumindest ist die Medizin nicht unpolitisch. Zur Neurochirurgie kam ich, weil mir die Vorlesung in diesem Fach besonders gut gefiel. Die Fallgeschichten beeindruckten mich. Ich erinnere mich besonders an eine Friseurin mit einem Hypophysentumor. Sie hatte einen Hydrozephalus entwickelt. Die Flüssigkeit drückte auf das Hirngewebe und verursachte bei ihr ein Psycho­syndrom: Deshalb schnitt sie die Haare ihrer Kunden nicht mehr so, wie die das wollten, sondern wie sie es selbst gut fand. Das förderte natürlich nicht gerade ihr Geschäft ... Doch nach der Operation war sie wieder fröhlich und normal wie früher, und die Kunden ließen sich gerne von ihr die Haare schneiden. Das fand ich faszinierend.

1986 schlossen Sie in Ostberlin als einer der Besten Ihres Jahrganges das Medizinstudium ab. Warum blieben Sie nicht an der Charité, an der damals renommiertesten ostdeutschen Klinik für Neurochirurgie?

Prof. Warnke: Die damalige Klinikleitung sagte mir: "Sie sind nicht in der Partei, Sie waren nur eineinhalb Jahre bei der Nationalen Volksarmee - Sie sind kein Charité­Kader!" So nannte man das damals. Unter solchen Bedingungen hätte ich auch nie angefangen, dort zu arbeiten. Außerdem hatte ich während des Praktischen Jahres in Budapest "Freiheitsluft" geschnuppert. 1987 floh ich in den Westen.

Sie absolvierten Ihre Weiterbildung in West-Berlin und Großbritannien und wurden dann an der Uni Aachen Oberarzt. Dort blieben Sie aber nur ein Jahr. Warum?

Prof. Warnke: In Großbritannien hatte ich eine sehr praktisch orientierte Medizin kennengelernt. In Aachen war alles sehr akademisch. Außerdem störte mich das Hierarchie-­ und Konkurrenzgehabe vieler Kollegen. Ich war damals 33 Jahre alt und dachte: Muss Medizin so sein? Als man mich fragte, ob ich hier an der Paracelsus­Klinik eine Klinik für Neurochirurgie aufbauen wolle, griff ich sofort zu. Schon ein paar Tage nachdem ich hier angefangen hatte, merkte ich: Es war eine meiner besten Ent­scheidungen.

Was ist denn so besonders an Zwickau?

Prof. Warnke: Die Arbeitsatmosphäre ist toll. Die Menschen empfinde ich als freundlich, sie sind motiviert, handeln offen und mit wenig "Ellenbogen". Es ist eher ein "familiäres Zusammenarbeiten".

Vermissen Sie das akademische Umfeld?

Prof. Warnke: Keinesfalls. Meiner Ansicht nach ist ärztliche Tätigkeit immer auch wissenschaftliche Tätigkeit - egal ob man in einer Hausarztpraxis, in einem mittelgroßen Krankenhaus oder an der Uni arbeitet. Jeder Arzt sollte sich regelmäßig kritisch hinterfragen, ob das, was er tut, richtig und noch zeitgemäß ist. Er sollte sich fortbilden und mit objektivem Blick die aktuelle Literatur lesen. Nur so können wir garantieren, dass wir unsere Patienten nach bestem Wissen und Gewissen behandeln.

Haben Sie eine Lieblingsoperation?


Prof. Warnke: In der Tat, das habe ich: Ich entferne am liebsten Akustikus­Neurinome. Das ist wie der Schwierigkeitsgrad IX beim Klettern mit Überhang! Meist entwickelt sich der Tumor aus dem oberen Anteil des Vestibularisnervs. Den Tumor schäle ich ganz vorsichtig heraus - das ist sehr schwierig, weil es so filigran ist. Aber ich mag das: Es ist jedes Mal eine große Herausforderung. In 99 von 100 Fällen gelingt die OP, und wir können den Fazialisnerv erhalten.

Wie ist das bei anderen Eingriffen: Können Sie Ihre Patienten immer heilen?

Prof. Warnke: In der Neurochirurgie kann man "Therapieerfolg" nicht immer mit Heilung gleichsetzen. Entferne ich beispielsweise eine Hirnmetastase, die auf den Gyrus praecentralis drückt, und kann der Patient danach wieder seine vorher gelähmten Beine bewegen und gehen, ist das ein großer Erfolg für ihn - auch wenn er wegen des Primärtumors ein halbes Jahr später stirbt.

Ist das Ergebnis nach der Operation immer so, wie Sie es erwarten?

Prof. Warnke: Wir versuchen natürlich so gut es geht den Therapieerfolg vorher abzusehen. Manch-mal sind wir aber selbst überrascht: So wie bei dem 19­jährigen Mann aus den USA, der mit dem Rollstuhl kam. Er war dort wegen eines Bandscheibenvorfalls an der Wirbelsäule operiert worden, hatte eine postoperative Arachnoiditis entwickelt und konnte nicht mehr laufen. Wir führten eine endoskopische OP am Spinalkanal durch, und der Patient ging zu Fuß aus der Klinik. Das war ein wundervolles Erfolgserlebnis! Manche Krankheiten sind aber nach wie vor deprimierend: Zum Beispiel stirbt immer noch jeder dritte Patient nach einer Subarachnoidal­blutung, bevor er das Krankenhaus erreicht.

Welche Eigenschaften braucht ein Neurochirurg?

Prof. Warnke: Man sollte Lust haben, mit den Händen zu arbeiten. Ein guter Indikator ist zum Beispiel, wenn Sie gerne Ikea-­Möbel aufbauen oder handwerken. Zudem brauchen Sie Ausdauer. Neurochirurgie ist eher ein Marathon und weniger ein 100­Meter­Lauf. Die OPs dauern manchmal acht bis neun Stunden. Ansonsten eignet sich Neurochirurgie auch sehr gut für Frauen, weil sie ein besseres dreidimensionales Vorstellungsvermögen haben. Bei mir an der Klinik ist jeder zweite Mitarbeiter eine Frau.

Entspannen Sie sich deshalb am besten beim Langstreckenlauf? Sie sind schon einige Marathons und Ultramarathons über 24 Stunden gelaufen. Wie finden Sie die Zeit dafür?

Prof. Warnke: Ich glaube, wir sind in der Klinik ganz gut organisiert. Ich finde zum Beispiel die Zeit, jeden Abend meine zwei jüngsten Kinder ins Bett zu bringen. Danach erledige ich zwar oft noch Schreibtischarbeit. Dank eines Telearbeitsplatzes muss ich dafür aber nicht mehr in die Klinik. Auch für meine Mitarbeiter ist es mir wichtig, dass sie genügend Zeit für Freizeit haben.

Das klingt so gut, dass man sofort bei Ihnen anfangen möchte. Haben Sie Probleme, junge Ärzte zu finden? Spüren Sie die "Angst vor dem Osten"?

Prof. Warnke: Ich glaube, viele möchten nicht in den Osten, weil sie eine falsche Vorstellung davon haben. Wenn sie dann aber erst einmal hier sind, sind sie positiv überrascht. Vor zwei Jahren suchten wir dringend Mitarbeiter. Jetzt sieht es besser aus, tendenziell gibt es sogar zu viele junge Ärzte, die Neurochirurg werden. Zur Not kann man aber immer ins Ausland ausweichen. Ich kann nur raten: Wenn Sie dieses Fach interessiert, dann machen Sie's! Es lohnt sich!

Zur Person

Prof. Dr. med. Jan-Peter Warnke wurde im Juni 1959 in Dresden geboren. Nach dem Abitur arbeitete er ein Jahr als Hilfspfleger in der Hautklinik der Berliner Charité. Er absolvierte seinen Wehrdienst bei den Streitkräften der DDR und studierte ab 1980 in Berlin und Budapest Medizin. 1987 begann er, sich für den Facharzt Neurochirurgie weiterzubilden. Er arbeitete zunächst in Ostberlin, nach seiner Flucht in Westberlin. Nach einjährigem Aufenthalt in Sheffield, Großbritannien, legte er 1992 seine Facharztprüfung ab. Ein Jahr arbeitete er als Oberarzt an der Uni Aachen. Dann wechselte er als Chefarzt an die neu eröffnete Klinik für Neurochirurgie in Zwickau. Prof. Warnke und sein Team führen jährlich 1.300 Operationen durch. Einer seiner Schwerpunkte sind endoskopische OP-Techniken. 2009 habilitierte Warnke an der Uni Mainz. Neben seiner Kliniktätigkeit arbeitet er an diversen Forschungsprojekten verschiedener Unis mit. Prof. Warnke ist zum zweiten Mal verheiratet und hat vier Kinder.

Via medici Ausgabe 4.10