Medizin mit Rückgrat

Prof. Dr. med. Martin Deininger, Neurochirurg und Experte für Wirbelsäulenerkrankungen

Prof. Deininger und sein Team bei einer minimalinvasiven perkutanen Skoliosekorrektur mit 360°-Spondylodese und osteoligamentärer Dekompression.
Prof. Deininger und sein Team bei einer minimalinvasiven perkutanen Skoliosekorrektur mit 360°-Spondylodese und osteoligamentärer Dekompression.

Die Wirbelsäule ist ein extrem komplexes Gebilde – mit einer enormen Bedeutung für den
gesamten Körper. Denn wenn da etwas nicht funktioniert, ist gleich der ganze Mensch krank.
Prof. Dr. med. Martin Deininger von der Paracelsus-Klinik Osnabrück ist Experte darin,
den pathologischen  Prozess, der dahinter steckt, zu entlarven und operativ zu beseitigen.

Herr Prof. Deininger, wann war Ihnen klar, dass Sie Arzt werden möchten?

Mein Zivildienst in der Kinder- und Jugendpsychiatrie hat mich stark geprägt. Ich dachte mir: Diese ganzen psychischen Erkrankungen sind so schlimm - da muss man doch mehr tun können, als psychologische Tests durchzuführen. Deshalb habe ich Medizin studiert und bin noch während des Studiums in die klinische Hirnforschung eingestiegen. Das war damals eine tolle Zeit. Komplizierte neuronale Probleme erfassen, sich einen Versuchsaufbau mit lebenden Organismen ausdenken und dann eine Analyse machen, die genau das zeigt, was man sehen will - da bin ich intellektuell richtig aufgeblüht. Zwischen meinen Chefs, Prof. Meyermann und Prof. Schlüsener hat einfach die Chemie gestimmt. Wir haben geforscht wie die Wilden. Rund um die Uhr, was mir dann die Tür zu internationalen Arbeitsgruppen, z. B. in Israel geöffnet hat.  Nach  Abschluss meiner Habilitation war dann aber Schluss mit der theoretischen Forschung.

Sie haben also die Pipette gegen das Skalpell getauscht?

Genau. Ein sehr netter Oberarzt hat mir damals die ersten OPs gezeigt. Das war für mich ein Aha-Erlebnis. Meine erste Hirntumor-OP werde ich niemals vergessen. Da wurde mir klar: Das Pipettieren und Theoretisieren im Labor ist ja ganz nett, aber ein Glioblastom zu entfernen, das ist noch mal etwas ganz anderes. Ich fand es unglaublich, wie man innerhalb von zwei Stunden einen fast toten Patienten wieder zurück ins Leben holen konnte.

Und woher kam Ihr besonderes Interesse für die Wirbelsäule?

Als ich angefangen habe, war die Wirbelsäule ein wenig verstandenes Organ. Ich war mir sicher: wenn man sich Mühe gibt, Einsatz zeigt und Ehrfurcht vor dem Menschen hat, kann man auf diesem Feld gute Arbeit leisten, da die Patienten ja nicht an einer tödlichen Erkrankung leiden, sondern nach Abschluss der Behandlung wieder in ihr normales Leben zurückkehren wollen. Im Rahmen von klinischen Studien konnten wir dann auch tatsächlich bis heute erfolgreiche schonende Therapien entwickeln.

Sie haben lange in Süddeutschland gelebt. Warum sind Sie nach Osnabrück gegangen?

Vor allem, weil ich hier an der Paracelsus-Klinik mit Prof. Hans, dem Chefarzt der Neurochirurgie,  ein Team bilden konnte. Wir haben beide lange in der Neurochirurgie in Freiburg gearbeitet - einer Klinik mit einer langen und erfolgreichen Tradition. Dadurch entstand ein sehr ähnliches und tiefes Verständnis für die Diagnose und Therapie neurochirurgischer Erkrankungen. Und diese Entscheidung war goldrichtig. Wir harmonieren hier sehr gut als Team. Das macht die Abteilung sehr stark und führt zu exzellenten Ergebnissen bei den Patienten. Zudem schätze ich hier die ein heitliche Organisationsstruktur und den durchweg guten Umgang mit den Patienten - das ist mir sehr wichtig.

Mit welchen Erkrankungen haben Sie jetzt täglich zu tun?

Natürlich mit allen Arten von Wirbelsäulenerkrankungen. Da gibt es angeborene Fehlstellungen, Tumore, Unfälle und degenerative Veränderungen - oder Kombinationen davon. Dafür haben wir hier im Haus alle Möglichkeiten. Die Kollegen sind gut geschult und alle Techniken sind vorhanden. Wir können hier das ganze Spektrum der Wirbelsäulen  und Neurochirurgie behandeln. Für mich bedeutet das die Behandlung auch anderer neurochirurgischer Erkrankungen wie Hirntumore, Neurotrauma, vaskuläre Neurochirurgie und Hydrozephalus. Die Liste ist lang!

Haben Sie schon mal jemanden, der im Rollstuhl saß, wieder gehend gemacht?

Ja, das passiert immer wieder. Gerade bei degenerativen Erkrankungen der Halswirbelsäule sitzen die Patienten oft schon Jahre im Rollstuhl. So wie einer meiner aktuellen Patienten. Der hatte schon alle Stufen der Versorgung durchgemacht und war sogar von Amts wegen als nicht gehfähig anerkannt. Wir haben ihn dann versorgt und schon am ersten postoperativen Tage konnte er wieder stehen und gehen. Der Mann ist übrigens 92.

Die Wirbelsäulenchirurgie war die letzten Jahre oft in der Kritik. Zurecht?

Ja. Ich muss aber meine Kollegen in Schutz nehmen. Wir sind eine kleine Gruppe, die sich gut kennt. Und ich kenne keinen, der nicht das Beste für seinen Patienten wollte. Manchmal muss man sich dafür auch über die geltende Meinung hinwegsetzen. Ein gutes Beispiel sind Rückenschmerzen. Neueste klinische Studien aus Dänemark zeigen z. B., dass die meisten Rückenschmerzen durch bakterielle Keime verursacht sind. Früher hat man da einfach Schrauben reingedreht - natürlich ohne großen Erfolg. Gibt man aber Antibiotika, kann man so die Rückenschmerzen dauerhaft beseitigen. Und das ist der Punkt! Ich will bei jedem Patienten genau wissen, was ihn krank macht. Dafür ist auch die Vergangenheit der Patienten wichtig. Man muss viel mit ihnen reden und Dinge erfragen. Oft habe ich Patienten, die mir sagen: Das hat mich noch keiner gefragt! Das Wichtigste ist, bei jedem Patienten, die gleiche diagnostische und therapeutische Härte zu haben. Nicht aufgeben, bis man am Ziel ist - das ist die eigentliche Herausforderung, die häufig zu zwar endlosen aber sehr befriedigenden Arbeitstagen führt.

Bekommt man als Operateur bei den langen Eingriffen nicht selber Wirbelsäulenprobleme?

Komischerweise nein. Im OP-Saal trägt man ja eine Bleischürze, die sicher an die 15 kg wiegt. Als Ungeübter hat man da innerhalb von Minuten das Gefühl, in zwei Teile zu brechen - jedenfalls ging es mir am Anfang so (lacht). Jetzt ziehe ich das Ding an und stehe damit problemlos 6 bis 7 Stunden im OP. Das ist eben auch eine Art Sport. Und die Kondition steigt mit den Jahren.

Prof. Dr. med. Martin Deininger, Chefarzt und Leiter des Wirbelsäulenzentrums an der Paracelsus-Klinik in Osnabrück

Prof. Dr. med. Martin Deininger
Prof. Dr. med. Martin Deininger

Prof. Dr. med. M. Deininger zählt bundesweit zu den renommiertesten Spezialisten für Wirbelsäulenerkrankungen. Nach dem Studium an der Uni Tübingen verschrieb er sich zunächst der klinischen Hirnforschung. Anschließend ging er nach Freiburg, um um unter Prof. Dr. J. Zentner den Facharzt für allgemeine Neurochirurgie zu machen. Im Medizinstudium kamen ihm die Themen Klinikorganisation und ­-management zu kurz, deshalb machte er kurzerhand noch einen MBA, um auch die finanziellen Hintergründe des Gesundheitswesens besser verstehen zu können. Als das Katharinenhospital in Stuttgart einen Leiter der spinalen Neuro­chirurgie suchte, sagte er zu. Später folgte eine Stelle als Leitender Arzt der Neurochirurgie des Wirbelsäulenzentrums Oberpfalz. Im April 2014 wurde er schließlich Chefarzt und Leiter des Wirbelsäulenzentrums an der Paracelsus-Klinik Osnabrück. Dort arbeitet der Vater von zwei Töchtern heute in der Abteilung für Neurochirurgie eng mit Chefarzt Prof. Dr. med. Franz­ Josef Hans zusammen.

Via medici Ausgabe 4.14