Spezialist für delikate Probleme

Dr. med. Johannes Schimmler, Proktologe

Der Analbereich ist ein Ort, der mit vielen Tabus belegt ist – kaum einer spricht gern über Probleme am „Hintern“. Seine Patienten aus der Reserve zu locken, gehört darum zum Alltag von Dr. med. Johannes Schimmler. Denn nur so kann er ihr Leiden richtig erkennen und behandeln. In München hat er sich mit einer proktologischen Praxis niedergelassen und betreut seine Patienten ambulant und in der Paracelsus-Klinik München.

Herr Dr. Schimmler, wollten Sie schon immer Proktologe werden?

Nein, zunächst dachte ich im Studium eigentlich, dass ich später Pädiater werde. Doch während meines AiPs im Kinderkrankenhaus lernte ich bei der Behandlung krebskranker Kinder schnell, welche Schatten­seiten dieses Fach hat. Das war eine ziemliche Grenz­erfahrung. Glücklicherweise kannte mein Vater, der auch Arzt war, den damaligen Chefarzt der Kardio­logie des Klinikums München ­Harlaching und brachte mich dort unter. Nach einiger Zeit habe ich dort dann festgestellt, dass ich einfach mehr handwerk­lich tätig sein möchte und bin innerhalb der Klinik in die Chirurgie gewechselt. Die hat mich schließlich auch zur Proktologie geführt.

Sie sind während Ihrer Zeit in der Klinik auch als Notarzt im Rettungshubschrauber Christoph 1 mitgeflogen - damals der erste seiner Art in Deutschland. Welche Erlebnisse haben Sie von dieser Zeit noch im Kopf?


Ich durfte relativ schnell fliegen, weil ich eine ganz gute internistische Vorbildung hatte. Einen meiner ersten Einsätze werde ich mein Leben lang nicht vergessen. An einem nebligen Wintertag gab es einen Massenunfall auf der Salzburger Autobahn. Als der Alarm losging, bin ich aus der Klinik zum Hangar gerannt und hab im Hubschrauber dann meinen Helm angestöpselt. Im Funkverkehr hörte man nur die Feuerwehrleute durcheinanderschreien. Dazu muss man wissen: Die Feuerwehrleute sind harte Jungs. Die behalten in aller Regel die Contenance. Wenn bei denen schon Chaos herrscht, dann ist richtig was los. Als wir ankamen, gingen wir nach der Triage­ Methode vor und haben danach ange­fangen, die Schwerverletzten auszufliegen. Normaler­weise kann man wegen Platzmangels immer nur einen Patienten mitnehmen. Doch wir haben be­schlossen, dass ich als Notarzt am Unglücksort bleibe und die Patienten für den Flug stabilisiere. So konnten wir immer gleich zwei Patienten wegfliegen. Nach fünf bis sechs Stunden haben wir dann den letzten Patienten in die Klinik Rechts der Isar ge­bracht. Als ich aus dem Hubschrauber ausgestiegen bin, ist das Ganze von mir abgefallen. Da hab ich erstmal vier Zigaretten nacheinander geraucht und keiner vom Team konnte was reden. Und dann haben wir natürlich weitergemacht. Richtig abhaken kann man solche Geschichten aber nie. Trotzdem helfen mir die Erfahrungen von damals auch heute noch. Ich bin einfach geschult, mit Stressfällen besser um­gehen zu können.

Sie waren auch einer der ersten, der in Deutschland angefangen hat, minimalinvasiv zu operieren. Wie sind Sie zu dieser Operations-technik gekommen?

Die minimalinvasive Chirurgie kam Ende der achtziger auf und die Ärzte, die sich damals mit dieser neuen Methode beschäftigt haben, waren mutige Pioniere. Denn diese neue Operationstechnik war sozusagen der Wilde Westen der ansonsten sehr konservativen Chirurgie. Mein Chef hatte mich zu dieser Zeit zu Prof. Götz in die Nähe von Aachen geschickt, der zusammen mit Prof. Semm einer der Vorreiter in der minimalinvasiven Bauchchirurgie war.

Als dieser mir zeigte, was er macht, hab ich beim ersten Eingriff überhaupt nix kapiert. Das war wie chinesisch Essen mit Stäbchen. Aber der Punkt dabei war, dass die Patienten nach einer solchen OP sehr schnell wieder fit waren. Als ich das meinem Chef erzählte, sagte der, dass wir die Technik auch bei uns etablieren müssen. Somit habe ich das Instrumentarium bestellt und angefangen zunächst leichte Eingriffe minimal­invasiv zu operieren und mich dann immer weiter zu steigern.

Sie waren in der Chirurgie als Oberarzt sehr erfolgreich. Warum haben Sie 1992 der Klinik den Rücken gekehrt?


Ich habe eigentlich meine Karriere in der Klinik ge­sehen. Doch irgendwann bekam ich einen neuen Chef, mit dem ich mich menschlich nicht verstanden habe. Zudem zeichnete sich ab, dass sich die Landschaft in der Klinik veränderte. Es gab immer mehr Graben­kämpfe zwischen den ärztlichen und pflegerischen Arbeitsbereichen und die ehemals gute, produktive Arbeitssituation entwickelte sich negativ. Daher habe ich mich selbstständig gemacht. Weil ich trotzdem weiter operieren wollte, habe ich meine Praxis an die Paracelsus­Klinik München angebunden.

Sie haben sich in der Niederlassung auf die Proktologie spezialisiert. Wie kamen Sie zu diesem Fach?


Mit der Proktologie ging es schon während meiner Facharztausbildung in der Chirurgie los. Das war so 1984/85. Ich war immer wieder auf der Station ein­geteilt, die die septische Chirurgie, die Dickdarm­chirurgie und die Proktologie gemacht hat. So bin ich relativ früh in die Proktologische Sprechstunde einbezogen worden und habe diese später auch übernommen. Ich habe die Proktologie dann in die Praxis mitgenommen, da man sie im niedergelassenen Bereich sehr gut praktizieren kann. Allein mit der Chirurgie hätte ich keine Praxis betreiben können, weil man bestimmte Teile der Chirurgie einfach nicht im selbstständigen Bereich ausüben kann. Mit der Proktologie habe ich ein immens großes Patienten­gut und es gibt nur wenige Mediziner, die sich darauf spezialisiert haben.

Haben Sie es jemals bereut, die Klinik verlassen zu haben?

Nein, ich bin mit meiner Praxis sehr zufrieden. Ins­gesamt ist meine Arbeit sehr vielseitig, da ich ja auch Belegbetten in der Klinik habe und selbst am OP­Tisch stehe. Ich kann so meine Patienten von der ersten Sprechstunde über die Therapie bis zum letzen Behandlungsschritt selbst betreuen. Das ist mir sehr wichtig. Zu meinen Patienten habe ich daher auch ein gutes Verhältnis. Oft fragen sie mich, wie ich nur so einen Job machen kann. Dann sag ich immer, ein Proktologe hat einen so schlechten Ruf, dass wirklich nur die Patienten zu ihm kommen, die echte Probleme haben. Das ist einfach ein großer Vorteil in der Proktologie. Zudem kann man bei den Operationen durchaus aus sich rausgehen, was technische Fertigkeiten betrifft.

Über Probleme im Analbereich spricht man ja nicht gerade gern. Wie finden Sie den Zugang zu Ihren Patienten?

Ich versuche einfach auf sie einzugehen, sie reden zu lassen, eine vernünftige Anamnese zu erheben und ihnen dabei die Angst zu nehmen. Die Kunst ist dabei, den Patienten so locker zu bekommen, dass er auch wirklich alles erzählt, sonst kommt man ja nicht auf das Problem. Manchmal brauche ich dabei auch psychotherapeutische Ansätze.

Welche Krankheiten behandeln Sie häufig?


Hämorrhoiden, Analfisteln und -fissuren sind die häufigsten Diagnosen. Was in den letzten zwanzig Jahren zugenommen hat, sind bösartigen Erkran­kungen wie Analkarzinome. Auch habe ich mehr Geschlechtskrankheiten wie Chlamydien und Go­norrhö zu behandeln, weil sich einfach die moralischen Grundlagen für das Sexualverhalten geändert haben. Ansonsten sind sehr viele Probleme Zivilisations­krankheiten. Das liegt daran, dass die Leute viel sitzen und sie dann Verdauungsprobleme bekommen oder Probleme mit der Trophik der Haut am Anal­bereich durch den ständigen Druck, der darauf lastet. Neben den proktologischen OPs mache ich aber auch noch Gallenblasen­ und Hernien­OPs.

Gibt es einen Patientenfall, der Ihnen noch in besonderer Erinnerung geblieben ist?

Ein Patient aus Abu Dhabi hatte einen immer wieder­kehrenden Abszess im Perianalbereich. Er wurde schon in Singapur, Bangkok und Amerika operiert und irgendwann kam er zu mir. Ich habe dann seinen Abszess operiert. Mir war gleich klar, dass der Mann eine Fistel haben muss. Aber ich konnte sie nicht finden. Bei einer erneuten OP, fand ich endlich die Fistel und in einer dritten OP konnte ich diese dann entfernen. Letztendlich ist alles gut geheilt und der Mann war so glücklich und zufrieden, dass er mir einen Teller aus Gold geschenkt und mich nach Abu Dhabi eingeladen hat. Leider hatte ich bisher aber noch keine Zeit, ihn zu besuchen.

Gibt es für Sie noch Herausforderungen?

Ja, eine Herausforderung kann zum Beispiel sein, wenn die Politik bestimmte Rahmenbedingungen ändert. Sollten eines Tages tatsächlich die privaten Kranken­versicherungen aufgelöst werden, dann muss ich mir genau überlegen wie ich weitermache. Ich mache zwar definitiv keine Zwei-Klassenmedizin, aber ich verdiene eben mit den Privatpatienten mein Geld. Eine andere Herausforderung ist das Internet. Die Patienten kommen mit einem ganz anderen Vor­wissen in meine Praxis als früher. Das ist oft positiv, kann aber auch negativ sein, wenn die Inhalte keiner Redaktion unterwerfen werden. Medizinisch gesehen ist der technische Fortschritt eine Herausforderung. Da muss man genau unterscheiden: Welche Instru­mente kosten bloß Geld und welche sind wirklich sinnvoll? Eine weitere Herausforderung ist, einen geeigneten Mediziner zu finden, der meine Praxis einmal übernehmen will. Schließlich werde ich ja auch nicht jünger und ich fände es schön, wenn das hier weitergeführt wird.

Zur Person

Dr. med. Johannes Schimmler ist 1954 in München geboren. Sein Medizinstudium und seine Promotion hat er an der Ludwig-Maximilians-Universität München absolviert. Im Anschluss trat er in die kardiologische Abteilung der Klinik München - Harlaching ein und wechselte zweieinhalb Jahre später in die chirurgische Abteilung derselben Klinik, wo er 1990 seinen Facharzt in Chirurgie machte. Während seiner Klinikzeit begleitete er als Notarzt den Rettungshubschrauber und war im ADAC-Rückholdienst tätig. Als einer der ersten in Bayern begann er schon in den 80er Jahren mit der minimalinvasiven Chirurgie. Bis Ende 1992 arbeitete Dr. Schimmler in der Chirurgie des Klinikum München-Harlaching, zuletzt als Oberarzt. Anschließend ließ er sich mit einer eigenen Praxis in München nieder. Praxisschwerpunkt ist die Proktologie, die er während seiner Tätigkeit im Krankenhaus kennenlernte und in der er seit 2005 die Anerkennung als Facharzt führt. Um seine Patienten auch selbst operieren zu können, hat er Belegbetten in der Paracelsus-Klinik München und operiert dort dienstags und freitags. Dr. Schimmler ist Münchner mit Leib und Seele. Er ist verheiratet und hat drei Kinder. Entspannung findet er bei der Gartenarbeit.

Via medici Ausgabe 3.12