Techniker mit Empathie

Prof. Franz-Josef Hans, Chefarzt der Neurochirurgie

Am Gehirn eines anderen Menschen zu arbeiten ist nicht jedermanns Sache. Prof. Franz-Josef Hans, Chefarzt der Neurochirurgie der Paracelsus-Klinik Osnabrück spricht über die faszinierenden Seiten seines Berufs - und über die sehr speziellen Herausforderungen.

Herr Prof. Hans, wie sind Sie eigentlich zur Medizin gekommen?

Über meine Schwester. Sie war bei uns in der Familie die erste, die Medizin studiert hat. Ich war schon für Maschinenbau eingeschrieben, aber dann hat sie mich mal zu ihrem Präpkurs in Heidelberg mitgenommen - und da war ich sofort fasziniert. Diese feinen Strukturen, die Muskeln, die Nervenbahnen ... Was man da alles sehen konnte! Nach diesem Besuch entschloss ich mich, doch nicht Maschinenbau, sondern Medizin zu studieren. Die Faszination für alles Technische ließ mich aber trotzdem nie los.

Welches technische "Feature" faszinierte Sie besonders, als Sie vor knapp 25 Jahren ihre Ausbildung in der Neurochirurgie in Homburg begannen?

Ich hatte das Glück, dass ich von Anfang an mit der Stereotaxie arbeiten konnte. Das ist eine Methode, die hilft, Gewächse tief im Gehirn zu lokalisieren. Man macht eine Art Rahmen um den Kopf und kann dann mithilfe der Bildgebung jeden Punkt im Gehirn zielgenau ansteuern. Man muss nur einen Hautschnitt machen, ein kleines Loch in den Schädel bohren und dann fährt man computerunterstützt zu den Koordinaten hin. Wenn man die Neuronavigation mit der intraoperativen Elektrophysiologie kombiniert, kann man aggressiver operieren und trotzdem post-operative Defizite reduzieren. Natürlich darf man als junger Arzt trotzdem nicht die Neuroanatomie vernachlässigen. Am Schädel gibt es viele knöcherne Strukturen, an denen man sich intraoperativ orientieren kann. Gleiches gilt für die Windungs-täler der Gyri.

Diese Grundlagen muss man erst mal verstehen bevor man so tolle "Spielzeuge" wie Stereotaxie bzw. Neuronavigation oder intraoperative Elektrophysiologie einsetzt.

Was ist für Sie die wichtigste Innovation der letzten Jahre?

Ein großer Schritt war die Einführung der Fluoreszenzunterstützung bei der Resektion maligner Gliome. Die Patienten trinken dabei vor der OP eine Lösung mit 5-Aminolävulinsäure. "5-ALA" ist ein fluoreszierender Farbstoff, der von Krebszellen aufgenommen wird. Unter spezieller Beleuchtung kann man dann übers OP-Mikroskop diese Zellen aufleuchten sehen und den Tumor im Randbereich wesentlich radikaler operieren.

Wie oft leiden Ihrer Erfahrung nach Patienten unter post-operativen Schäden?

Das ist unterschiedlich. Meningeome kann man z. B. ganz gut resezieren und davon erholt sich das Gehirn meist gut. Hirneigne Tumore wachsen invasiv und deshalb leiden diese Patienten nach einer OP häufiger an Lähmungen und Sprach- bzw. Gefühlsstörungen. Oft handelt es sich aber nur um eine temporäre Verschlechterung. Werden die Patienten mobilisiert, erholt sich diese Region und die Funktion kehrt zurück. Ein permanentes Defizit erleiden sicher nicht mehr als 5% der Patienten.

Wie führen Sie junge Ärzte an komplexe OPs heran?

Bestimmt nicht indem ich jemanden hinstelle und sage: "So, du operierst jetzt eine Bandscheibe!" (lacht) Das lernt man Schritt für Schritt. Der junge Kollege macht erst einen Hautschnitt. Dann lernt er in der nächsten OP den Muskel abzulösen. Dann macht er mal eine Kraniotomie ... und so weiter. Irgendwann setzt man diese Teilschritte zusammen - und dann kann man operieren.

Gibt es einen Nachwuchsmangel in der Neurochirurgie?

Ja. Das liegt sicher zum Teil daran, dass man viel Zeit investieren muss, wenn man ein anständiger Neurochirurg werden möchte. Wenn man mit einem Eingriff morgens anfängt, kommt man Nachmittags um zwei aus dem OP und dann hat man die Arbeit auf Station, die Forschung oder die Lehre noch vor sich. Eine weitere Belastung bringen die manchmal harten Patientenschicksale. Es beschäftigt einen schon, wenn man ein Baby mit einem bösartigen Gewächs am hinteren Schädel operiert, das erst seit vier Wochen auf der Welt ist. Und bei Gefäßmissbildungen, Hirnblutungen und bösartigen Tumoren im Gehirn sind die Erfolgsaussichten eben leider nicht immer so toll. Deshalb müssen Neurochirurgen auch gut mit Niederlagen umgehen können. Zudem ist der Balance-akt zwischen Ehrlichkeit und Einfühlsamkeit schwierig. Als Experte weiß man ja ungefähr, wie die Lebenszeit eines Tumor-patienten einzuschätzen ist. Aber da kann man natürlich nicht mit dem Dampfhammer kommen und sagen: "Sie haben noch sechs Monate. Kaufen Sie sich keine CD mehr, das lohnt sich nicht." Man muss dem Patienten sagen, welche Konsequenzen seine Krankheit für ihn und seine Familie hat, ohne dabei zu direkt zu sein.

Welchen Beruf hätten Sie ergriffen, wenn Sie nicht Neurochirurg geworden wären?

Tischler hat mich damals sehr interessiert. Aber wenn meine Schwester mich damals nicht mitgenommen hätte, dann wäre ich vermutlich Ingenieur geworden. Wahrscheinlich hätte ich Autos konstruiert ...

Prof. Dr. med. Franz-Josef Hans, Chefarzt der neurochirurgischen Abteilung der Paracelsus-Klinik Osnabrück

Prof. Dr. med. Franz-Josef Hans kam 1962 im Saarland zur Welt. Mit 21 Jahren nahm er sein Medizinstudium in Tübingen auf. Nach Abschluss des Studiums begann er 1989 sein AiP in Homburg an der Saar und wechselte noch im AiP-Jahr mit dem Team von Prof. Ostertag nach Freiburg. Darauf folgte ein Forschungsjahr als PostDoc am renommierten Stony Brooke Institute der State University of New York. Wieder in Freiburg absolvierte er bis 1996 seine mikroneurochirurgische Facharzt-Ausbildung unter Prof. Seeger. Um sich den letzten Schliff im Gebiet der Schädelbasis-Chirurgie zu geben, wechselte er 1999 an die RWTH Aachen und lernte dort unter Prof. Gilsbach. Dort wurde er zum leitenden Oberarzt und kommissarischen Direktor der neurochirurgischen Abteilung ernannt. 2012 ergriff er dann die Chance als Chefarzt der Neuro-chirurgie an die Paracelsus-Klinik in Osnabrück zu gehen. Seine Begeisterung für die Forschung zeigt sich an seiner Beteiligung an zahlreichen Veröffentlichungen u.a. über neue Materialien in der Aneurysma-Therapie. Prof. Hans ist Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Neurochirurgie und der Deutschen Gesellschaft für Computer-und Roboter-assistierte Chirurgie.

Via medici Ausgabe 1.14