14. Januar 2021

Hochsensibler Tastsinn in der Brustkrebsvorsorge

In der gynäkologischen Praxis der Paracelsus-Klinik Reichenbach ertastet blinde Spezialistin winzige Gewebeveränderungen.

Winzig kleine Knötchen in der Brust, zwischen 6 und 8 Millimeter groß, kann Christine Kanetzki mit ihren Händen ertasten – denn sie ist nahezu blind. Wie bei den meisten blinden oder sehbehinderten Menschen ist ihr Tastsinn deshalb besonders gut ausgeprägt. Und den stellt sie in den Dienst des Paracelsus Praxisteams rund um die Gynäkologin Dr. Annett Feist. „Früherkennung entscheidet beim Brustkrebs oft über Leben und Tod. Denn nicht der Tumor in der Brust ist lebensbedrohlich, sondern seine Metastasen, wenn er bereits in den Körper gestreut hat. Brustkrebs ist die häufigste Krebsart bei Frauen. Die gute Nachricht: Brustkrebs ist heilbar, wenn er frühzeitig erkannt wird“, erklärt Dr. Annett Feist.  

Christine Kanetzki ausgebildete Medizinisch-Taktile Untersucherin /MTU). Sie ist beim Sozial- und Inklusionsunternehmen discovering hands angestellt, das blinde und stark sehbehinderte Frauen zu (MTUs) ausbildet. Discovering hands hat dieses Tätigkeitsfeld entwickelt und durch wissenschaftliche Studien die Wirksamkeit der Taktilographie bestätigen lassen. Bereits 29 gesetzliche und alle privaten Krankenkassen übernehmen die Kosten. Anderweitig versicherte Frauen können sie als IGeL-Leistung wahrnehmen. Derzeit gibt es bundesweit erst knapp 50 Medizinisch-Taktile Untersucherinnen, Annett Feist gehört mit diesem zusätzlichen Angebot also zu den Vorreiterinnen für eine Untersuchungsmethode, die eine normale Untersuchung der Brust hervorragend ergänzt.

Gründliche Tastuntersuchung mit feinem Spürsinn

Eine MTU tastet die weibliche Brust nach einem standardisierten und evaluierten Verfahren in drei Tiefenschichten der Brust vollständig ab. Eine solche apparatefreie Tastuntersuchung dauert je nach Beschaffenheit der Brust zwischen 30 und 50 Minuten. Ergibt sich ein auffälliger Tastbefund teilt die MTU das dem Arzt oder der Ärztin mit. Es folgen dann weitere Untersuchungen wie Brustultraschall oder Mammografie, um eine exakte Diagnose sichern zu können.

Dr. Anett Feist, die diese zusätzliche Diagnosemethode seit Januar in ihrer gynäkologischen Praxis anbietet, ist überzeugt, „dass wir Frauen jeden Alters mehr diagnostische Sicherheit anbieten können. Christine Kanetzki ist die Tastspezialistin im Team. Mit ihrem besonders feinen Tastsinn kann sie wesentlich kleinere Gewebeveränderungen als ich erspüren.“

Weiterer Vorteil für die Patientinnen: Die MTU hat viel mehr Zeit für die Brustuntersuchung, als es normalerweise im Praxisalltag möglich ist. Die MTU arbeitet dabei immer unter ärztlicher Verantwortung eines gynäklogischen Facharztes.

Für Christine Kanetzki und viele andere sehbehinderte Frauen ist die Weiterqualifizierung zur MTU eine gute und vor allen Dingen sinnstiftende Möglichkeit, trotz Behinderung berufstätig zu sein und sich so ein hohes Maß an Unabhängigkeit und Teilhabe zu bewahren. „Das Schönste an meinem Beruf ist, dass ich so viel Zeit für meine Patientinnen habe und sie durch die regelmäßige Früherkennung gut versorgt weiß“, erzählt die Tastexpertin. „Ich bin ihre Zuhörerin und Ratgeberin und kann ihnen Sicherheit geben, auch weil ich mich laufend fortbilde.“

Christine Kanetzki wohnt mit ihrem Lebensgefährten, drei Kindern und vielen Tieren auf einem Bauernhof. Sie wurde in Schwerin geboren, besuchte die Blindenschule, absolvierte eine kaufmännische Ausbildung und machte in Hannover an der Fachhochschule mit lauter Sehenden ihr Wirtschaftsabitur. Seit 2014 arbeitet sie als MTU.