Chorea Huntington

George Huntington, Quelle: wikipedia (http://wellcomeimages.org/indexplus/image/L0029545.html, CC-BY 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=33831580)

Die erstmals 1872 durch George Huntington beschriebene autosomal dominant erbliche Chorea Huntington Erkrankung (engl. synonym Huntington´s Disease (HD), erblicher Veitstanz) ist durch unregelmäßige, abrupt einsetzende und kurz andauernde Überbewegungen gekennzeichnet. Die HD zählt mit einer Prävalenz von zwei bis zehn Betroffenen pro 100.000 Einwohner zu den eher seltenen neurodegenerativen Erkrankungen.

 

Verlauf und Krankheitssymptome

Das mittlere Erkrankungsalter liegt um das 45. Lebensjahr. Etwa sieben Prozent entfallen auf sehr frühe Erkrankungen mit einem Beginn vor dem 20. Lebensjahr.
Die für Chorea Huntington typischen unregelmäßig, abrupt einsetzenden und kurz andauernden Überbewegungen können grundsätzlich in allen Körperregionen auftreten. In der Regel lassen sich die überschießenden Bewegungen für kurze Zeit willkürlich unterdrücken.

Begleitend entwickeln sich häufig auch Koordinations- und Gleichgewichtsprobleme. Vor allem bei frühem Beginn vor dem 20. Lebensjahr (sog. juvenile oder Westphal-Variante) findet sich eher ein vorwiegend akinetisch-rigides (= bewegungsarmes, steifes) Bild. Seltener führt die Erkrankung zu einer Epilepsie, Tremor (= Zittern) und/oder Myoklonien (= unwillkürliche, ruckartige Zuckungen). Häufig entwickeln die Patienten im Verlauf auch kognitive Störungen und psychiatrische Symptomen, wie zum Beispiel eine Wesensänderung (> 70 %), Antriebsstörungen, Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen, Alkohol-, Nikotin- und Drogenmissbrauch, Spielsucht, Hypersexualität. Insgesamt ist das Suizidrisiko deutlich erhöht. Seltener werden Halluzinationen und/oder Psychosen beobachtet, die eine intensive psychiatrische Behandlung erforderlich machen können.

Schluckstörungen sind nach mehrjährigem Verlauf die Regel und gehen mit einer erhöhten Gefahr einer Lungenentzündung einher. Die Ursachen des oft sehr gravierenden Gewichtsverlustes sind letztlich nicht verstanden. In der Regel nehmen die Überbewegungen mit dem Gewichtsverlust zu. Das Risiko, einen Diabetes mellitus oder eine Herzschwäche zu entwickeln, ist bei der HD aus bislang ungeklärter Ursache erhöht. 

Genetik

Das Huntingtin-Gen weist bei Betroffenen eine anormale, instabile Verlängerung bestehend aus einer Basenfolge auf. Je länger diese Expansion ist, desto früher erkranken die betroffenen Patienten. Etwa 60% der Variabilität des Erkrankungsalters wird alleine durch die Expansionslänge des Gens bestimmt; weiter hängt der Erkrankungsbeginn sehr wahrscheinlich von Umweltfaktoren und verschiedenen Modifier-Genen ab. Da es sich bei dieser genetischen Erkrankung um einen autosomal-dominanten Erbgang handelt, haben Kinder betroffener Patienten ein 50%-iges Erkrankungsrisiko. Sind beide Eltern betroffen, steigt das Erkrankungsrisiko auf 75%.

Normales Huntingtin hat in den Zellen zahlreiche Funktionen: Ihm wird unter anderem eine Beteiligung an der Signalübertragung zwischen Nervenzellen, bei Transportvorgängen, dem Energiehaushalt und in der Embryonalentwicklung zugeschrieben. Infolge der Mutation wird ein abnormes Eiweiß in das Huntingtinmolekül eingebaut. Die Nervenzellen versuchen, diese abnormen Eiweiße abzubauen. Dabei entstehen Zellabfälle, die untereinander und mit anderen Eiweißen verklumpen und zu Ablagerungen vor allem in den Zellkernen führen. Dadurch kommt es zu einem Untergang von Nervenzellen in tief im Gehirn liegenden Kerngebieten und zum Ausfall inhibitorischer (= dämpfender) Schaltkreise. Dadurch kommt es zu den typischen überschießenden Bewegungen. Durch den fortschreitenden Nervenzellverlust und das Übergreifen der Veränderungen auf andere Teile des Nervensystems können sich die Symptome im Laufe der Erkrankung verändern.

Diagnose

Die HD-Mutation lässt sich mittels eines einfachen und relativ kostengünstigen Tests, der so genannten Polymerasekettenreaktion (PCR), nachweisen. Die Kosten werden von den Krankenkassen übernommen. Diese Diagnostik ist auch im sehr frühen Krankheitsstadium bei klinisch unauffälligen Anlageträgern und pränatal möglich. Der genetischen Testung muss immer eine ausführliche Beratung des Patienten vorausgehen. Voraussetzung ist immer eine sehr sorgfältige humangenetische Betreuung. Eine negative Familienanamnese schließt eine HD nicht immer sicher aus.   

Therapie

Ernährung: Der Grundumsatz ist bei HD unabhängig vom Auftreten der hyperkinetischen Bewegungsstörung erhöht. Auf eine ausgewogene Ernährung ist unbedingt zu achten.
Mahlzeiten sollten in einer ruhigen Atmosphäre eingenommen werden. Die Patienten müssen angehalten werden, die aufgenommene Nahrung ausreichend zu kauen. Häufig kommt es zur Vernachlässigung der Zahnpflege; regelmäßige Zahnarztbesuche sind daher wichtig.

Schluckstörungen sollten logopädisch behandelt werden. Durch das Andicken der Nahrung kann der Schluckakt erleichtert werden. In späten Krankheitsstadien ist dennoch gelegentlich die Anlage einer Magenfistel (perkutanen endoskopischen Gastrostomie (PEG)) unumgänglich. Infolge des erhöhten Risikos, an einem Diabetes mellitus zu erkranken, sind regelmäßige Laborkontrollen angezeigt.

Konservative Therapie: Begleitend sollten die Patienten Physio-, Ergo- und Logopädie erhalten. Die meisten Patienten entwickeln im Verlauf der Erkrankung eine Gangunsicherheit, die zu Stürzen führen kann. Zudem schätzen die Patienten gefährliche Situationen oft nicht richtig ein und zeigen eine erhöhte Risikobereitschaft. Weitere Informationen zu konservativen Therapiemaßnahmen sind über die Deutsche Huntington Hilfe erhältlich (http://www.dhh-ev.de)

Therapie der Bewegungsstörung: Für die Therapie der choreatiformen Bewegungsstörung stehen verschiedene Medikamente zur Verfügung. Da alle diese Substanzen Nebenwirkungen auslösen können und sich das klinische Bild oft im Laufe der Zeit verändert, gilt es, die Indikation jeweils individuell zu prüfen. Der behandelnde Neurologe wird in Abhängigkeit von Symptomen, Alter und Begleiterkrankungen ein geeignetes Präparat auswählen.

Neue Therapieansätze: Neuroprotektive Ansätze (also Ansätze bei denen versucht wird, Nervenzellen und Nervenfasern vor dem Absterben zu bewahren) für die langfristige Behandlung der HD stehen bislang leider nicht zur Verfügung. Die Datenlage zur Stammzelltransplantation ist derzeit enttäuschend.
Die Wirkung der Tiefenhirnstimulation (THS) wird momentan im Rahmen einer Studie untersucht.

Neue experimentelle Therapieansätze verfolgen verschiedene Strategien: Neben einer Reduktion des krankhaften Proteins wird einem verbesserten Überleben neuronaler Zellen große Bedeutung zugemessen.

Laufende Studien

Die PEKK beteiligt sich an der weltweiten Beobachtungsstudie ENROLL-HD. Interessierte Patienten können sich an unser Sekretariat wenden. Weitere Informationen sind unter www.enroll-hd.org verfügbar.

Ambulante Sprechstunde

Prof. Dr. med. Katrin Bürk, Oberärztin in der Paracelsus-Elena-Klinik, bietet eine regelmäßige ambulante Sprechstunde für Chorea Huntington Patienten an.