Patienten-Umfrage
3. August 2021

Kinderurologie: Hilfe für die Jüngsten

Hypospadie, also eine angeborene Verengung der Harnröhre, ein Hodenhochstand oder ein verkürzter Harnleiter – das sind typische Erkrankungen bei Säuglingen und Kleinkindern. Innerhalb der Kinderurologie werden diese Erkrankungen bzw. Fehlbildungen umfassend behandelt. An der Paracelsus Klinik Golzheim in Düsseldorf gibt es ein Kompetenzzentrum für rekonstruktive urologische Chirurgie, Kinderurologie und Transitionsmedizin. Dr. Inga Kunz (38) ist das Gesicht des neuen Kompetenzzentrums. Die engagierte Urologin mit großem Herz für Kinder und Jugendliche erzählt uns im Interview, was genau ihr Job in der urologischen Fachklinik ist, für wen sie da ist und wie sie zur Urologie gefunden hat.

Was machen Urologen?

Wir Urologinnen und Urologen sind für alle da, für Männer, Frauen und Kinder. Und zwar immer dann, wenn es um Erkrankungen im gesamten Bereich des Harntraktes geht. Also um angeborene oder im Laufe des Lebens erworbene Erkrankungen der Niere, der Blase, der Harnleiter und der Harnröhre. Zudem sind wir die Experten, wenn es um die Erkennung und Behandlung von Erkrankungen der männlichen Geschlechtsorgane geht.

Deshalb denken wir bei der Urologie auch meist an Männergesundheit. Aber Kinderurologie?

Wenn bei Neugeborenen Fehlbildungen auftreten, gibt es sie oft im Bereich des Harntrakts. So kommen Jungen mit einer Entwicklungsstörung der Harnröhre auf die Welt, die Hoden stehen zu hoch oder die Verbindung von Niere und Blase ist bei einem Kind von Geburt an nicht gut ausgebildet. Für all diese Fehlbildungen bin ich als Kinderurologin mit meinem Wissen und meiner Erfahrung da – für die Kinder und ihre Eltern, von Geburt an.

So zum Beispiel bei einer angeborenen Fehlbildung der Harnröhre, der sogenannten Hypospadie bei Jungen. Sie kommt recht häufig vor, etwa bei einem von 300 neugeborenen Jungs. Die Harnröhre mündet nicht an der Spitze der Eichel, sondern an der Unterseite des Penis oder im Bereich des Hodensackes. Hier ist meistens eine, manchmal sind aber auch mehrere hochkomplexe OPs notwendig, die dann den Jungen gut helfen. Wichtig ist, dass dies ausgewiesene Experten machen. Ich hatte das Glück, die rekonstruktive urologische Chirurgie und die Kinderurologie von der Pike auf zu lernen!

Zu Ihnen kommen Jungen und Mädchen (gemeinsam mit ihren Eltern)?

Ja, beide kommen zu uns in unser kinderurologisches Zentrum, in der Regel aber deutlich mehr Jungen als Mädchen. Das kommt vor allem durch die häufigen Harnröhrenfehlbildungen bei Jungen, aber auch wegen weiterer typischer Erkrankungen, wie einem Hodenhochstand – dabei befindet sich mindestens ein Hoden nicht in seiner natürlichen Lage im Hodensack, sondern im Leistenkanal oder unteren Bauchraum – oder einer Vorhautverengung.

Von den Patienten, die wir sehen, sind ungefähr 80 Prozent Jungen und 20 Prozent Mädchen. Bei Mädchen sind es Fehlbildungen im Bereich des Übergangs von der Niere zum Harnleiter. Beispielsweise eine sogenannte Nierenbeckenabgangsenge: Hier kann der Urin nicht ohne Störungen in die Blase ablaufen und es kommt zu einem Stau. Oder es gibt Fehlbildungen im Bereich der Mündung von Harnleiter zur Blase, den sogenannten Reflux. Hier fließt der Urin von der Blase wieder in die Niere zurück. Diese Patientinnen leiden deshalb häufig unter fieberhaften Harnwegsinfekten.

Ein Besuch in Ihrem kinderurologischen Zentrum: Wie läuft der ab?

In unserem Zentrum in Düsseldorf Golzheim bieten wir jeden Dienstag eine Sprechstunde an. Zu dem vereinbarten Termin hole ich das Kind und seine Eltern im Wartezimmer ab. Für ein erstes Gespräch. Ist das Kind kein Säugling mehr, befrage ich zuerst das Kind. Warum bist du da? Welche Probleme hast Du? Was stört dich? Was berichten mir zusätzlich die Eltern? Dann untersuche ich das Kind; die Eltern sind die ganze Zeit dabei. Ich untersuche das Genital, den Bauch und wenn notwendig, auch mit Ultraschall. Alle weiteren invasiven Untersuchungen bei Kindern, insofern sie notwendig sind, finden immer nur unter Narkose statt, also in der Regel nicht bei diesem ersten Treffen.

Wann eine OP, wann keine?

Mir ist wichtig, dass alles stets mit der kleinstmöglichen Belastung für das Kind stattfindet. Schritt für Schritt. Alles in Ruhe, immer in Absprache mit dem Kind und den Eltern. Nach der ersten Untersuchung weiß ich oft schon, ob eine OP nötig ist. Oder ob es hilft, erst einmal abzuwarten. Wann immer möglich und solange wie möglich, bin ich für ein konservatives Vorgehen – ohne OP. Kontrollieren und Beobachten, solange es geht! Denn viele Fehlbildungen wie z.B. der Reflux geben sich mit der Entwicklung und dem Wachstum der Kinder. Aber es gibt auch – außerhalb aller Notfälle – Fehlbildungen, die schnell behoben werden sollten. So der Hodenhochstand. Hier empfehle ich ganz klar möglichst vor dem ersten Geburtstag eine korrigierende OP. Wenn eine OP nötig ist, dann führe ich mit den Eltern und bei älteren Kindern auch mit aktiver Beteiligung des Kindes, weitere, informierende und aufklärende Gespräche. Für jüngere Kinder haben wir in unserer urologischen Fachklinik Familienzimmer: hier kann ein Elternteil nach der OP für die Zeit des Aufenthaltes dabei sein. 

Und wie ist es mit einer OP bei einer Harnröhrenfehlbildung?

Sie schränkt einen kleinen Jungen lange nicht ein. Wenn Jungs aber anfangen, auch im Stehen zu pinkeln, sich mit anderen Jungs im Weitpinkeln zu messen – so was kommt ja vor – dann spätestens ist klar, ihre Harnröhre hat sich einen anderen Weg gesucht und sie pinkeln nicht wie andere Jungs. Deshalb, und auch wegen der besseren postoperativen Ergebnisse, sollten Jungs mit einer Hypospadie im Säuglingsalter bis maximal 18 Monate operiert werden oder allerspätestens vor dem Schulstart. Sind die Jungen älter als 18 Monate, so hat die Erfahrung gezeigt, ist es sinnvoll, bis zum vierten oder fünften Lebensjahr auf eine OP zu verzichten. Der Stress mit dem Katheter ist für sie zu groß.

Wenn sich ihre Patienten schämen? Wie gehen Sie damit um?

Ich kann gut mit Kindern, komme sehr gut mit ihnen klar. Und habe einfach viel Spaß, mit ihnen zusammenzuarbeiten. Kleine Kinder schämen sich meist gar nicht so sehr. Größere Jungen, ja, da kommt es anfangs schon einmal vor. Meist aber nur eine sehr kurze Zeit. Sie nehmen mich als Ärztin wahr, ich lebe diese Rolle und das spüren sie. Ebenso erwachsene Männer, die ich behandle. Ich lasse keine Scham aufkommen. Ich bin da, um zu helfen – als Medizinerin. Deshalb ist Scham kein großes Thema, nicht bei Jungen, nicht bei Mädchen und auch nicht bei Erwachsenen.

Sie sind auch Transitionsmedizinerin. Was ist das?

Die Transitionsmedizin ist noch eine junge, eine eher neue Fachrichtung in der Medizin. Sie ist für chronisch kranke Kinder da, Kinder, die zum Beispiel an Asthma, Mukoviszidose oder Diabetes erkranken. Oder die bei uns in der urologischen Welt an urogenitalen Erkrankungen leiden. Wie zum Beispiel die, die mit einer viel zu kurzen Harnröhre auf die Welt kommen. Oder die Patienten, die mit verschiedenen Fehlbildungen der Blase oder ihrer Funktion, wie z.B. einer Blasenekstrophie (einer angeborenen Fehlbildung, bei der die Blase und die äußeren Genitalien nicht komplett ausgebildet sind) zu uns kommen.

Im Laufe des Lebens dieser Jungen entstehen Probleme. Vor allem dann, wenn es um Sexualität oder konkret um einen Kinderwunsch geht. Manchmal kommen auch Patienten mit einer Hypospadie zu mir, die im Kindesalter sehr gut operiert worden ist, bei denen es aber im Erwachsenenalter, also manchmal Jahrzehnte nach der ersten Operation, zu Verengungen der damals neu gebildeten Harnröhre gekommen ist und die jetzt eine erneute, oft komplexe Korrektur benötigen.