Anleitung zum Weiterleben

PD Dr. Thomas Beinert, Chefarzt der Paracelsus­ Klinik für onkologische Rehabilitation in Bad Gandersheim

Die Diagnose Krebs erleben viele Menschen wie eine klaffende Wunde in ihrer lieb gewonnen Welt. PD Dr. Thomas Beinert, Chefarzt der Paracelsus-Klinik in Bad Gandersheim für onkologische Rehabilitation versucht mit seinen Mitarbeitern, den Schmerz dieser Verletzung zu lindern.

Herr Dr. Beinert, mit ihrem Schwerpunkt in Hämatologie und internistischer Onkologie haben Sie viel mit Krebs­kranken zu tun. Was fasziniert Sie an dieser Krankheit?

Sie begleitet uns - ob wir wollen oder nicht. Wir werden immer älter und dadurch steigt die Wahrscheinlichkeit, dass jeder "seinen" Krebs erlebt. Jeder zweite wird im Laufe seines Lebens eine maligne Erkrankung erleiden. Viele Menschen verstecken sich vor dieser Tatsache und glauben, dass der Krebs nicht da ist, solange sie sich nicht mit ihm beschäftigen. Aber das ist natürlich ein Irrtum. Wenn die Krankheit dann ausbricht, ist es die Aufgabe von uns Onkologen, den Patienten dabei zu helfen, mit dem Krebs umgehen und leben zu können, ohne in Gram und Leid zu versinken.

Sie behandeln auch viele ältere Patienten. Haben Sie da manch­mal das Gefühl, nicht mehr viel ausrichten zu können?

Nein, denn ein älterer Patient steht ja nicht unbedingt am Ende seines Lebens. Das gängige Vorurteil ist: "Der ist schon so alt, lasst ihn doch in Ruhe". Dabei wird vergessen, dass ältere Menschen heute eine viel längere Lebenserwartung haben als früher. Das sehen Sie schon daran, dass die Bürgermeister in den Großstädten nicht mehr den 100-jährigen, sondern nur noch den 110-jährigen gratulieren - sonst würden sie es zeitlich gar nicht mehr schaffen. Insofern können natürlich auch über 80-jährige von einer zytoreduktiven Behandlung profitieren. Entsprechend sehen wir vermehrt ältere Patienten bei uns in der Rehabilitation. Und die wünschen sich natürlich so wie junge Menschen ein lebenswertes Leben nach dem Krebs. Viele sind durch ihre Krankheit im Alltag eingeschränkt - kriegen zum Beispiel einen Knopf nicht mehr zu. In der Therapie zeigen wir ihnen, wie sie durch gezieltes Training solche Probleme wieder in den Griff bekommen.

Haben Sie auch junge Patienten?

Ja, wir behandeln hier auch Patienten, die zum Teil nicht viel älter als 20 Jahre sind. Manche haben kleine Kinder, oder wünschen sich welche. Für sie ist die psychische Belastung eine ganz andere als bei älteren. Deshalb haben wir einen Therapiepfad entwickelt, der speziell auf die Bedürfnisse junger Menschen zugeschnitten ist. Wir haben uns viele Gedanken gemacht, was wir solchen Patienten während ihrer Zeit bei uns bieten können. Wir haben zum Beispiel einen fantastischen Sporttherapeuten - einen ehemaligen Profihandballspieler. Der ist ein Baum von einem Mann mit einem sympathischen, breiten Lächeln, der für die jungen Menschen ein guter Ansprechpartner ist.

Fällt es Ihnen schwer, Schicksale dieser jungen Patienten nicht zu nah an sich heranzulassen?

Würde ich mich zu sehr mit den Schicksalen meiner Patienten belasten, wäre das ein schwerer Fehler. Gibt man diesem Impuls nach, kommt man rasch auf den Pfad des hilflosen Helfers. Während meiner Zeit an der Charité hatte ich diesbezüglich ein Erlebnis: Eine jüngere Kollegin bat mich, zu einem Patienten zu kommen. Er war schwer krank und sie fragte mich, ob ich noch eine Idee hätte, wie wir ihm helfen könnten. Wir standen vor dem Bett und plötzlich fing die Kollegin an zu weinen und dann liefen auch beim Patienten die Tränen. So etwas darf einem Arzt nicht passieren. Wir müssen unseren Patienten kraftvoll, positiv und emphatisch gegenübertreten - mit der dafür nötigen Distanz.

Hatten Sie mal einen Fall, bei dem es zu einer "Spontan­heilung" kam?

Das ist so ein Begriff der herumspukt. Bei bestimmten, eigentlich recht bösartigen Formen des Hautkrebses ist glaubhaft beschrieben, dass es in seltenen Fällen zu Spontanheilungen gekommen sei. Ich selbst habe aber noch keinen solchen Fall gesehen - und kenne auch keinen, der einen gesehen hat. Es gibt auch Fälle beim Pankreas-Ca, bei denen Patienten unerwartet lange überleben. Der Grund dafür dürfte hier aber eher darin liegen, dass es bei der Beurteilung der Biopsie oft schwierig ist, zwischen den vielen Nekrosen noch vitale Krebszellen zu finden. Deswegen kann es passieren, dass Pathologen einen Krebs als maligner beurteilen als er ist.

Sie haben die längste Zeit Ihrer beruflichen Laufbahn in München verbracht. Nun leben Sie 600 km weiter nördlich - wie gefällt es Ihnen hier?

Sehr gut. Doch mein Lebensmittepunkt ist weiter in München. Dort sind meine Freunde und die Familie. Nach wie vor bin ich an der LMU München Mitglied der Ethikkommission. Das ist eine Arbeit, die ich sehr schätze, denn so bekomme ich einen guten Einblick in die aktuellen Studienaktivitäten. Auf der anderen Seite kann man neue evidenz-basierte Erkenntnisse, die im Rahmen von Studien gewonnen wurden, in die tägliche Arbeit mit einfließen lassen. So schließt sich für mich ein Kreis.

Was wär aus Ihnen geworden, wenn es mit dem Medizin­studium nicht geklappt hätte?

Dann hätte ich mich den Geisteswissenschaften zugewandt. Vermutlich hätte ich Germanistik und Philosophie studiert. Jetzt sind die Künste zu meinem Hobby geworden - doch bei einem Arbeitspensum von 80 Stunden pro Woche bleibt leider viel zu wenig Zeit dafür.

PD Dr. med. Thomas Beinert, Chefarzt der Paracelsus­ Klinik für onkologische Rehabilitation in Bad Gandersheim

PD Dr. Thomas Beinert

PD Dr. med Thomas Beinert begann seine medizinische Laufbahn an der Ludwig-Maximilians-Universität in München. Nach seiner Weiterbildung zum Facharzt für Innere Medizin arbeitete er in der Onkologie der Charité in Berlin. Dort habilitierte er über Nebenwirkungen der Strahlen- und Chemotherapie an der Lunge und baute schließlich am Standort Wedding eine Ambulanz für Tumorpatienten auf. Als habilitierter Facharzt für Innere Medizin, Hämatologie und Internistische Onkologie übernahm er anschließend die Leitung einer Abteilung für Onkologie, Palliativmedizin, Schmerztherapie und geriatrische Rehabilitation in der Nähe von München. PD Dr. Beinert freut sich nun, die Paracelsus-Klinik am See im schönen Bad Gandersheim leiten zu dürfen. Hier kann er die ganze Breite seiner langjährigen Erfahrung mit Tumorleiden zum Wohle seiner Patienten anwenden und gemeinsam mit seinem Team innovative Behandlungspfade entwickeln. PD Dr. Beinert ist u. a. Mitglied in der Ethikkommission der LMU und der Tumorkonferenz in München.

Via medici Ausgabe 3.14