„Sucht und Trauma bei Flüchtlingen“ - Frühjahrstermin der Hüseder Werkstattgespräche

19. Mai 2017 | Ort: Wiehengebirgsklinik Bad Essen

v.l.n.r.: Referentin Priv.-Dozentin Dr. Claudia Catani und Chefarzt Dr. Ulf Gerhardt

„Sucht und Trauma bei Flüchtlingen“

unter diesem Motto stand am 17.05.2017 der Frühjahrstermin der zweimal pro Jahr in der Paracelsus-Wiehengebirgsklinik stattfindenden „Hüseder Werkstattgespräche“. Vor vielen Kooperationspartnern sowie den therapeutischen Mitarbeitern der Klinik hielt Frau Priv.-Dozentin Dr. Claudia Catani, Psychologische Psychotherapeutin von der Universität Bielefeld einen spannenden Vortrag zu diesem Thema. Sie beschäftigt sich seit vielen Jahren in ihrer wissenschaftlichen und therapeutischen Arbeit mit traumatisierten Überlebenden organisierter Gewalt (Krieg, Verfolgung, Folter) sowohl in Deutschland als auch in verschiedenen Krisengebieten (Somalia, Uganda, Sri Lanka, Afghanistan). Menschen aus diesen Regionen sind oftmals vielfachen traumatischen Erfahrungen ausgesetzt. Die Wahrscheinlichkeit, eine Posttraumatische Belastungsstörung auszubilden, steigt mit der Anzahl der erlittenen Traumata bis auf 100 Prozent an. Insgesamt ist die Rate in diesen Regionen um ein Vielfaches höher als bspw. in einem relativ sicheren Land wie Deutschland. Hierzu legte die Referentin zahlreiche empirische Befunde vor. Verstärkt wird die Problematik noch durch die Zerstörung der familiären und schulischen Strukturen und Hilfesysteme. Frau Dr. Catani verdeutlichte dieses eindrucksvoll am Fallbeispiel eines jungen Flüchtlings aus Syrien, der schon in seiner Heimat extremer körperlicher Gewalt durch das Militär ausgesetzt war und später allein auf sich gestellt auf der Flucht weitere lebensbedrohliche Situationen durchleben musste. In Deutschland bekommen bisher erst sehr wenige der betroffenen Menschen psychiatrische oder psychotherapeutische Hilfe. Hindernisse in diesem Zusammenhang können die Sprachbarriere, ein ungeklärter Versicherungsstatus und die zu geringen personellen Ressourcen (approbierte Psychotherapeuten) sein. Als Selbstmedikation greifen die Betroffen sowohl in ihren Herkunftsländern als auch zunehmend hier in Deutschland zu Suchtmitteln wie Alkohol und Drogen. Flüchtlinge gelten als eine Hochrisikogruppe für die Ausbildung einer Posttraumatischen Belastungsstörung, die wiederum hoch mit einer Abhängigkeitserkrankung korreliert.

Die Referentin erläuterte im weiteren Verlauf ihres Vortrages, dass durch die Überaktivierung der Amygdala nach einem Trauma alle aufkommenden Gefühle und sinnlichen Wahrnehmungen in dieser Ausnahmesituation ganz eng mit dem traumatischen Ereignis verknüpft werden. So kann der Anblick einer Uniform oder auch ein harmloser Knall  dieselben Gefühle und auch Körperempfindungen wie Angstschweiß, erhöhter Puls und Zittern bis hin zu den körperlichen Schmerzen hervorrufen. In der Narrativen Expositionstherapie (NET), die von Frau Dr. Catani vorgestellt wurde, geht es darum zu erkennen, dass dieser Reiz ins Hier und Jetzt gehört, wo er keine Bedrohung mehr anzeigt. Am Ende einer erfolgreichen Behandlung werden sich die Gefühle, die der Klient als zum Trauma gehörig erinnert und die Gefühle, die für die heutige Realität gelten, klar voneinander unterscheiden. Wegen des großen Bedarfs und auch Mangels an Fachkräften wie Psychotherapeuten in den Krisenregionen schulte die Referentin auch Laien, sodass die Therapieform auch unter erschwerten Bedingungen erfolgreich angewendet werden
kann, z. B. in Flüchtlingslagern oder nach einer Naturkatastrophe, wenn besonders viele traumatisierte Menschen Hilfe benötigen.

Am Ende der Veranstaltung gab es noch die Möglichkeit des persönlichen Austauschs zwischen den geladenen Gästen sowie den Klinikmitarbeitern sowie das Angebot, an einer Klinikführung teilzunehmen. Aufgrund der hohen Relevanz von Traumafolgeerkrankungen (z.B. PTBS) in der Suchtberatung und Suchttherapie plant die Klinikleitung, dieses Thema bei einem der kommenden Hüseder Werkstattgespräche auch in Workshop-Form mit der Möglichkeit praktischer Übungen anzubieten.