Ungesunde Schmökerstunden auf der Toilette

8. März 2018 | Ort: Klinik Reichenbach

Hämorrhoiden würden auf dem Sofa lesen

Chefarzt Dr. med. Jens Fielitz.

Reichenbach. Die Überschrift klingt absurd. Der Wahrheitsgehalt indes ist bewiesen. „So mancher kann nicht ohne - doch sich mit einer Zeitung aufs stille Örtchen zu verziehen und nach dem Stuhlgang noch sitzen zu bleiben und zu pressen, kann sich als durchaus folgenreich erweisen.“

„Solche verlängerten Toilettengänge mit häufigen Pressakten können die Ausbildung von symptomatischen Hämorrhoiden verstärken“, bestätigt Dr. Jens Fielitz (Foto), Chefarzt für Chirurgie und Proktologe am Paracelsus-Klinikum in Reichenbach. „Jeder Mensch hat Hämorrhoiden. Die gefäßreichen Polster sitzen oberhalb des Schließmuskels und gewährleisten gemeinsam mit ihm den Feinabschluss des Afters. 

Wenn im Laufe des Lebens sich jedoch die elastischen Komponenten in diesen Gefäßpolstern zurückbilden, es zu einer Vergrößerung und Verlagerung in den Analkanal kommt und damit eine Vielzahl von Symptomen entstehen, die die Patienten zum Teil sehr belasten, sprechen wir von der ‚Krankheit Hämorrhoiden‘ “, so der Mediziner. Wie und wann diese für den Patienten spürbar werden, beantwortet Dr. Jens Fielitz kurz und knapp mit der Einteilung der Erkrankung in deren Schweregrade:

Grad I: Die Hämorrhoiden sind von außen nicht sichtbar, sie können nur durch eine Spiegelung des Analkanals festgestellt werden. Die Hämorrhoidalknoten wölben sich leicht innerhalb des Darmrohres vor. Die Knotenbildung ist voll reversibel und es treten normalerweise keine Schmerzen auf. Bei einem Hämorrhoidalleiden im Stadium I sind schmerzlose hellrote Blutauflagerungen oft das Leitsymptom. Diese Blutungen sind in Form von Blutspuren auf der Stuhloberfläche oder vor allem am Toilettenpapier festzustellen. 

Um in dieser Phase von Hämorrhoiden zu sprechen, müssen natürlich andere krankhafte Prozesse des End- und Dickdarmes und des Analkanals, wie z. B. tumoröse Prozesse oder auch Analfissuren, ausgeschlossen werden. Man kann mit einer Umstellung zu einer ballaststoffreichen Ernährung, dem Verzicht auf das Rauchen und übermäßigen Alkoholgenuss versuchen, den Übergang in die nächst höheren Schweregrade zu verhindern. 

Grad II: Bei symptomatischen Hämorrhoiden des II. Grades fallen die Hämorrhoidalknoten beim Pressen in den Analkanal vor, ziehen sich aber nach kurzer Zeit von selbst wieder zurück. Im Stadium II kann der zeitweise Vorfall der Hämorrhoiden zu einer gestörten Feinkontinenz mit erhöhter Schleimsekretion führen. Diese erhöhte Sekretion führt zu einer Irritation der Haut am Anus, was einen mit unter heftigen Juckreiz auslöst. Neben dem Vermeiden von ausgedehnten Pressakten beim Stuhlgang kann in dieser Phase der Erkrankung eine Sklerosierungsbehandlung bzw. die sogenannte Gummibandligatur die adäquate Therapie sein.

Grad III und IV: Hämorrhoiden III. Grades sind dadurch gekennzeichnet, dass ein oder mehrere Hämorrhoidalknoten bei Anstrengung spontan vor den Analkanal fallen können. Nach dem Stuhlgang ziehen sie sich nicht mehr selbst zurück. Das Hineinschieben ist allerdings immer  noch möglich. In dieser Phase kann es zu Einklemmungen der Hämorrhoidal- knoten und auch zu Blutungen kommen. 

Im schwerwiegendsten Stadium, dem Grad IV,  sprechen wir von einem Analprolaps. Das Hineinschieben der vorgefallenen Hämorrhoidalknoten ist nicht mehr möglich. Im Stadium III und IV können der dauerhafte Vorfall und das Einklemmen der Hämorrhoidalknoten zu Schmerzen oder einem dumpfen Gefühl im Analkanal führen. In solchen Fällen kann nur durch chirurgische Maßnahmen den Patienten geholfen werden. Gerade hier haben sich in den letzten Jahren eine Vielzahl von operativen Maßnahmen etablieren können, die von der Entfernung der krankhaften Hämorrhoidalpolster bis zur anatomischen Korrektur (Staplerhämorrhoidopexie) reichen. 

„Leider ist das Hämorrhoidalleiden auch im 21. Jahrhundert weitgehend tabuisiert. Dazu besteht rein rational betrachtet allerdings überhaupt kein Grund. Gerade die Untersuchungstechniken bei Enddarmerkrankungen sind mittlerweile als sehr patientenfreundlich anzusehen“, macht Dr. Jens Fielitz Betroffenen Mut. 

Da einige Symptome des eigentlich harmlosen Hämorrhoidalleidens auch bei erheblich ernsthafteren, zum Teil lebensbedrohlichen Erkrankungen des Enddarmes (Dickdarmkrebs) vorhanden sind, sollte versucht werden, in der Öffentlichkeit diese Tabuisierung zu durchbrechen. Denn nach wie vor gehen viele Patienten wegen ihres Hämorrhoidalleidens erst zu einem Arzt, wenn der Schmerz das Schamgefühl überwiegt.

*) Proktologe: Medizinier, der sich mit Erkrankungen des Enddarmes beschäftigt.