Trägerübergreifende DRV-Tagung in den Paracelsus-Kliniken Bad Essen

18. Februar 2019 | Ort: Berghofklinik Bad Essen, Wittekindklinik Bad Essen

Im Fokus: Behandlung von pathologischen Glücksspielern sowie Cannabis- und Lifestyledrogenabhängigen

Vom 13. bis 15. Februar 2019 hatten die Paracelsus-Kliniken Bad Essen auf Einladung der DRV Bund unter anderem Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Suchtfachkliniken aus ganz Deutschland sowie Vertreter alle Rentenversicherungsträger für eine Tagung zu Gast. Die Tagung lief unter dem Titel „Abhängigkeitserkrankungen: Teilhabeleistungen und sozialmedizinische Beurteilung“.

Über die drei Tage hinweg hielten namenhafte Referenten Vorträge. Das vielfältige Themenspektrum reichte von geschlechts- und indikationsspezifischen Therapieangeboten bei Suchterkrankungen über den Einsatz von Psychopharmaka bis hin zur Fragestellung „Ist die Abstinenz das höchste Ziel?“.

Dr. Karen Hemmrich, Geschäftsbereich Sozialmedizin und Rehabilitation, leitete die Tagung mit einem großen Dank für die „Aufnahme“ der Tagung im Haus an die Klinikleitung ein. Besonders hervorragend sei der diesjährige Tagungsort vor dem Hintergrund, dass der Standort mit den Kliniken sowohl den Bereich Sucht als auch Psyche abbilde. Die Bereiche bedingen und beeinflussen sich gegenseitig. Das werde man auch bei den folgenden Vorträgen sehen, so Hemmrich. Frau Dr. Hemmrich ist wissenschaftliche Leiterin der Akademie für Sozialmedizin Berlin (AfSB). Aufgabe der Akademie ist im Weitesten die Durchführung der für die Erlangung der ärztlichen Zusatzbezeichnung Sozialmedizin bzw. Rehabilitationswesen erforderlichen theoretischen Grund- und Aufbaukurse.

Den ersten Aufschlag zur Tagung lieferte Dr. Christiane König, die seit Oktober 2018 Chefärztin der psychosomatischen Wittekindklinik in Bad Essen ist, mit ihrem Vortrag zu den Erscheinungsformen und der Psychodynamik von Spiel- und Mediensucht. Bereits seit 2016 bieten die Paracelsus-Wittekindklinik und –Berghofklinik ein spezielles Therapiekonzept bei pathologischer Glücksspiel- und Mediensucht an. In der Paracelsus-Wittekindklinik werden spielsüchtige Patienten ohne stoffgebundene Abhängigkeit, aber mit psychosomatischen Erkrankungen behandelt. In der Paracelsus-Berghofklinik werden Patienten behandelt, die neben einer stoffgebundenen Abhängigkeit von Alkohol, Medikamenten oder Cannabis spielsüchtig sind. Durch die Kombination der Kliniken in Bad Essen kann das gesamte Spektrum der Rehabilitation der Glücksspielsucht angeboten werden. Das ist für das Land Niedersachsen einzigartig.

Anschaulich mit der Verteilung von 100 €-Spielgeldscheinen begann sie ihren Vortrag. „Was würden Sie sich für 100 € kaufen? Jedem Einzelnen von Ihnen fallen sicher sofort Dinge ein. Unsere Patienten tun sich da allerdings sehr schwer. Sie haben schlicht das Gefühl für Geld verloren. Ihnen fehlt ein realistisches Verhältnis zum Geld. In der Therapie geht es darum, die eigene Geldkompetenz sowie den Realitätsbezug wieder zu erlangen“, berichtet König. Erstaunlich sind die Zahlen die sie präsentiert: In 2016 wurden 30 Milliarden Euro Umsatz mit Spielautomaten, in der Fachsprache „Unterhaltungsmöglichkeit mit Gewinnoption“, erzielt. In Deutschland wird die Zahl der Betroffenen auf 400.000 bis 450.000 beziffert. „Wir in der Klinik stellen fest, dass Männer 9-mal mehr betroffen sind wie Frauen. Trend ist allerdings durch gewisse Annehmlichkeiten, wie „Kaffee umsonst“, die Zielgruppe Frauen anzulocken“, erläutert König weiter. Neben der Begriffsbestimmung und der Epidemiologie legt sie den Fokus vor allem auch auf die Präventionsmaßnahmen und die Behandlungsfälle in der Wittekindklinik. Hierzu wird sowohl der „typische Spieler“ vorgestellt: männlich, 20 Jahre, Migrationshintergrund, maximal Hauptschulabschluss, <1.500 € brutto/Monat, Automatenspieler, als auch ein Fallbeispiel präsentiert. Bei der Vorstellung des Fallbeispiels ermöglichte Bernhard Parisius, Psychologischer Psychotherapeut in der Wittekindklinik, direkte Einblicke in die therapeutische Arbeit und gab zu, dass er sich durch die Arbeit mit den Spielern therapeutisch ein Stückweit neu erfinden musste. „Sie sind nicht nur Therapeut, sondern auch Verhandler um alle Regeln. Die Patienten haben nicht nur um Geld gespielt, sondern vor allem auch mit und um Menschen“, betont er. Besonders wichtig sei es, das sich dieses Patientenklientel willkommen geheißen, integriert und gesehen fühle. Es bestehe eine besondere Abhängigkeit von zwischenmenschlichen Beziehungen, so Parisius.

Neben Dr. König hielt auch der Ärztliche Direktor Dr. Peter Subkowski Fachvorträge im Rahmen der Tagung. Ein Schwerpunktthema lief unter der Fragestellung „Benötigen wir ein maßgeschneidertes stationäres Reha-Angebot für jüngere User von Lifestyledrogen?“. Die Berghofklinik hat sich vor acht Jahren neben der Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit auch für die Behandlung von Cannabis- und Lifestyledrogen-Abhängigkeit geöffnet. Somit lag der Fokus zum einen auf der Vorstellung des spezifischen Lifestyle-Drogenkonzepts sowie statistischen Daten zur Berghofklinik mit einem entsprechenden Fallbeispiel, zum anderen auf der Erläuterung der Bedeutung und der Hintergründe zu Cannabis-/Lifestyledrogen. „Der Trend bei den jungen Konsumenten in Deutschland geht zu synthetischen Drogen und zu Stimulanzien. Ebenfalls ist ein verstärkter Mischkonsum zahlreicher Drogen zu beobachten“, bilanziert Subkowski. Das akute Gesundheits- und Gefahrenrisiko liege besonders in den teilweise unbekannten Inhaltsstoffen. Die Konsumenten wissen meist gar nicht, ob sie die „gewünschte“ Substanz erworben haben oder eine gänzlich andere. Weiter verdeutlicht er: „Konsumenten von Amphetaminen, Ecstasy und Cannabis sind ein sich ähnelndes Klientel. Das Abhängigkeitspotential kann ebenfalls ähnlich eingestuft werden. Somit bietet es sich an für diese Abhängigen Spezialangebote in Suchtfachkliniken zu schaffen. Weg von der strikten Trennung Alkohol/Medikamente und illegale Drogen so wie wir es in unserer Berghofklinik umgesetzt haben.“

In seinem zweiten Vortrag behandelte Dr. Subkowski die Thematik der sozialmedizinischen Beurteilung von Abhängigkeitserkrankungen. Hierfür stellte er verschiedene Fallbeispiele aus seinem Klinikalltag vor, die im Plenum der Tagungsteilnehmer sehr rege und kontrovers diskutiert wurden.

Nach drei Tagen ging eine sehr lebhafte Tagung zu Ende, was einerseits an der Mischung der Vortragsthemen, andererseits am Teilnehmerkreis mit unterschiedlichen Interessen im Bereich Suchttherapie und dem Umgang mit Suchtpatienten lag.