Der sorgsame Umgang mit unserem Blut

27. September 2018 | Ort: Klinik Bremen

Die Paracelsus-Klinik Bremen führt als erste Bremer Klinik ein patientenzentriertes Gesamtkonzept »Patient Blood Management« ein

Gabriele Gehrmann, Chefärztin der Anästhesie

Bremen. Patientensicherheit nimmt in deutschen Kliniken einen hohen Stellenwert ein. In der Paracelsus-Klinik Bremen werden jährlich mehr als 5.000 chirurgische Eingriffe erfolgreich durchgeführt – in der Bewertung des Picker Instituts liegt die Klinik dabei im obersten Qualitätssegment. Die Fachklinik für Orthopädie und Neurologie in der Bremer Vahr setzt in Zukunft auf ein patientenzentriertes Konzept, das zusätzlich den sorgsamen Umgang mit Fremdblut im operativen Bereich optimiert. Patient Blood Management nennt sich das medizinische Gesamtkonzept, bei dem nicht das Blutprodukt im Mittelpunkt steht, sondern der Patient. Wie das geht? Fragen an Gabriele Gehrmann.

Frau Gehrmann, die Bezeichnung »Patient Blood Management« klingt im ersten Anstoß befremdlich. Muss heutzutage selbst unser Blut gemanagt werden?
Zu unserer eigenen Sicherheit, ja.  Mit der Ressource Blut ist sorgfältig umzugehen. Wir führen das Konzept daher gerne in unsere Klinikprozesse ein.

Können Sie den Grundgedanken des Konzeptes beschreiben?
Grundsätzlich ist es das Ziel des Patient Blood Managements, Patienten bestmöglich auf ihre Operation vorzubereiten und Blutverluste während des Krankenhausaufenthalts zu reduzieren. Wir haben unsere Abläufe so umgestellt, dass unsere Patienten vor ihrem Aufenthalt und vor einer anstehenden Operation einen hohen Untersuchungsstandard durchlaufen. So stellen wir unter anderem schon im Vorfeld fest, ob eine Blutarmut, also eine Anämie, vorliegt. Sollte dies der Fall sein, können wir diese bereits vor der Operation behandeln und so zum Beispiel die Gabe von Blutkonserven vermeiden.

Wie sieht das konkret aus?
Im Wesentlichen fußt das Modell auf drei Säulen. Eine davon ist die spezielle Vorbehandlung von Blutarmut-Risikopatienten vor planbaren operativen Eingriffen. Darüber hinaus soll der Blutverlust während und nach der Operation minimiert werden. Beispielsweise wird darauf geachtet, dass die Blutgerinnung funktioniert, der Patient warm gehalten wird und der Operateur Blutungen sehr sorgfältig stillt. Die dritte Säule ist eine standardisierte Prüfung, ob eine Bluttransfusion tatsächlich
notwendig und sinnvoll ist.

Bei wie vielen Patienten trifft die Diagnose Blutarmut zu?
Bei ca. 11 bis 48 Prozent der chirurgischen Patienten ist eine Anämie nachweisbar, bei etwa einem Drittel davon ist die Ursache der Anämie ein Eisenmangel, den wir präoperativ mittels Infusionen zeitnah und gut behandeln können.

Was hat der Patient davon?
Wir bieten dem Körper die Nährstoffe an, die er für die Bildung von mehr Blut benötigt. In diesen Fällen kann die Gabe von Eisen die Blutbildung anregen, wodurch der Patient aus eigener Kraft sein Blutvolumen erhöht. Mit verschiedenen Maßnahmen wird die Blutgerinnung optimiert und werden unnötige Blutverluste vermieden. Es ist häufig möglich, das Volumen der Blutprobenröhrchen bzw. der diagnostischen Blutentnahmen zu verringern, ohne dabei die Qualität der Diagnostik zu beeinflussen. Somit bleibt das Blut dort, wo es benötigt wird: im Körper des Patienten. Dieser kann sich besser aus eigener Kraft erholen. So muss seltener auf die wertvolle Ressource Fremdblut zurückgegriffen werde.

Was verspricht sich die Paracelsus-Klinik Bremen von der Einführung des Patient Blood Management?
Durch die frühe Diagnose und Therapie der Anämie erreichen wir zunächst eine qualitativ bessere Versorgung unserer Patienten. In der klinischen Routine wird durch die Einführung des PBM-Konzepts allen Mitarbeitern bewusst gemacht, wie wichtig der Umgang mit der Ressource Blut für uns alle ist. Wir führen das Konzept ein, weil eine Blutarmut im Rahmen einer Operation ein Risiko für weitere Komplikationen darstellt. Wir wissen, dass Fremdblut das Immunsystem des Patienten negativ beeinflusst. Im Verlauf des Aufenthalts können Blutverluste während bzw. nach der Operation zu einer Anämie führen oder diese verstärken. Häufig wird dann direkt auf Fremdblutkonserven zurückgegriffen. Bluttransfusionen sind immer ein potenzielles Risiko für den Patienten. Damit das neue Konzept konsequent umgesetzt werden kann, ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Operateur, Anästhesist und dem Case Management unabdingbar.