Schmerz, lass nach!

Dr. med. Stefan Lauer-Riffard

Dr. med. Stefan Lauer-Riffard ist jeden Tag damit beschäftigt, seinen Patienten den Schmerz zu nehmen oder ihn wenigstens zu lindern. Dieser Herausforderung widmet er sich als Arzt, als Wissenschaftler und als Dozent innerhalb der ärztlichen Weiterbildung. Denn die Zahlen chronisch kranker Schmerzpatienten steigen seit Jahren. Jede Menge Arbeit also für den Chefarzt des interdisziplinären Schmerzzentrums an der Paracelsus-Klinik in Osnabrück.

Sie beschäftigen sich von Berufs wegen mit Schmerzen. Was ist so faszinierend daran?
Millionen Menschen hierzulande sind von Schmerzen betroffen und zwar von dauerhaften Schmerzen. Wir haben Wachstumsraten von bis zu 30 Prozent in den letzten 10 Jahren und viel zu wenig qualifizierte Schmerzmediziner. Es sind unendlich viele Faktoren, die bei der Entstehung von Schmerzen eine Rolle spielen. Mich hat das schon während meines Medizinstudiums fasziniert und das hat sich bis heute nicht geändert. Wenn wir den Schmerz besser verstehen, können wir vielen Menschen wirklich helfen, das ist eine starke Motivation für mich.

Wie begegnen Sie der komplexen Materie Chronischer Schmerz?
Mit einer sehr komplexen Behandlungsstrategie, der Multimodalen Schmerztherapie, die wir hier am Hause stationär anbieten. Dieses Therapiekonzept kommt für chronische Schmerzpatienten in Frage, die im Alltag stark durch die Schmerzen beeinträchtigt sind. Besonders für Rückenschmerzpatienten ist nachgewiesen, dass der Behandlungserfolg einer Multimodalen Schmerztherapie in vielen Fällen denen einer Operation oder Spritzentherapie überlegen ist. Leider gibt es in Deutschland noch zu wenige Einrichtungen, die diese Therapieform anbieten. Typischerweise behandeln wir Patienten, bei denen sich der Schmerz zu einem eigenständigen Krankheitsbild entwickelt hat, bei denen es also häufig keine schlüssige Erklärung für den dauerhaften Schmerz gibt. Bei vielen Schmerzerkrankungen, wie beispielsweise häufige Kopfschmerzen oder Fibromyalgie kann man halt nicht einfach die Schmerzen "weg operieren". Diese Menschen haben oft eine jahrelange Leidensgeschichte hinter sich und die Multimodale Schmerztherapie ist hier eindeutig das Mittel der Wahl für eine erfolgreiche Therapie.

Wieso sehen Sie diese Menschen erst nach Jahren? Man geht doch zum Arzt, wenn man dauernd Schmerzen hat.
Das tun diese Menschen auch. Aber wenn es keine körperliche Ursache gibt, dann kann ein Hausarzt oder Orthopäde allein oft nicht mehr viel machen. Und eine alleinige Gabe von Schmerzmitteln befriedigt weder den behandelnden Arzt noch den Patienten und hilft eben auch nicht immer. Hinzu kommt der kontraproduktive Umgang der Betroffenen mit ihrem Dauerschmerz. Die einen beißen die Zähne zusammen und arbeiten trotz heftiger Schmerzen so lange weiter, bis gar nichts mehr geht.

Die anderen verfolgen eine Vermeidungsstrategie. Sie lassen sich häufig krankschreiben, vermeiden Aktivitäten, brechen Sozialkontakte ab. Verschärft wird die ganze Situation noch durch die Tatsache, dass es eine deutliche Unterversorgung mit schmerztherapeutischen Angeboten hierzulande gibt. Die Einnahme von Schmerzmitteln ist dann oft die verständliche, aber völlig unzureichende Strategie. Im Ergebnis dauern die Leidensgeschichten dann eben oft Jahre.

Was erwartet Patienten mit chronischen Schmerzen bei Ihnen?
Ziemlich viel Arbeit, um ehrlich zu sein. Wir halten hier wenig von passiven Methoden wie z.B. Massagen oder Moorpackungen. Aber am Anfang steht natürlich erst einmal eine gründliche Diagnostik. Das dauert einen ganzen Vormittag. Nicht in allen Fällen ist die Multimodale Schmerztherapie die optimale Strategie. Aber in jedem Fall erarbeiten wir eine Empfehlung zur Weiterbehandlung – z.B. durch einen orthopädischen, neurochirurgischen oder neurologischen Facharzt, als ambulante Schmerztherapie oder eben in Form eines bis zu 17-tägigen stationären Behandlungsprogramms.  Und das hat es in sich: Ein umfangreiches Bewegungsprogramm mit Nordic Walking, Bewegungsbad, Atemtherapie oder Übungen mit der Black Roll, ebenso wie Entspannungsverfahren,  psychologische Einzel- und Gruppengespräche, Kunsttherapie, Yoga, Ergotherapie und eine Optimierung der Scherzmedikation. Der Lohn für das straffe Programm ist in vielen Fällen eine erhebliche Linderung der Schmerzen, eine Verbesserung der Lebensqualität und ganz wichtig, die Fähigkeit, auch nach der Entlassung aktiv dem eigenen Schmerz zu begegnen. Denn wir zeigen unseren Patienten auch, was sie selbst tun können, schulen in Eigentherapien und erklären Zusammenhänge zwischen Verhalten und Schmerzgeschehen.

Gibt es Voraussetzungen für die Aufnahme in solch ein stationäres Behandlungskonzept?

Die Behandlung auf unserer Schmerzstation ist für Menschen konzipiert, bei denen eine jahrelange Leidensgeschichte vorliegt und bei denen andere Schmerztherapien wie Medikamente, Operation, Physiotherapie oder manuelle Verfahren keine dauerhafte Linderung gebracht haben. Auch wenn Arbeitsunfähigkeit besteht oder droht oder wenn eine Schmerzmittelabhängigkeit vorliegt, ist die stationäre Schmerztherapie angezeigt, ebenso wenn

psychische Begleiterkrankungen wie z.B. eine Depression auftreten.

Was reizt Sie besonders an der Schmerzmedizin?
Die Breite des Fachgebietes und die Komplexität des Phänomens Schmerz. Als Schmerzmediziner muss ich neurologische, muskuläre, stoffwechselabhängige und psychologische Prozesse kennen und im Zusammenhang mit dem Schmerzgeschehen bewerten. Und natürlich möglichst einen hilfreichen Therapieplan entwickeln. Die fachübergreifende Zusammenarbeit ist etwas, was mir persönlich sehr liegt.

Wie sind Sie denn überhaupt an die Medizin geraten?
Qua Geburt, würde ich fast sagen. Mein Vater war Hausarzt mit Leib und Seele. Das prägt eine Kindheit und Jugendzeit schon sehr. Und dass mein Großvater Albert Schweitzer persönlich kannte, war bei uns in der Familie natürlich auch Thema. Für mich ist also früh deutlich geworden, dass Medizin sehr erfüllend und vor allen Dingen enorm hilfreich ist. Und es ist ein Beruf, den ich überall auf der Welt ausüben kann, das finde ich auch wichtig.

Sie sind also reiselustig?
Ich bin einfach gerne im Ausland, das ist schon richtig. So habe ich ein Semester in Italien studiert, mein Praktisches Jahr habe ich zum Teil in England verbracht. Vier Jahre habe ich in Australien mit einem der führenden Schmerzforscher gearbeitet.

Wie wichtig ist das wissenschaftliche Arbeiten für Sie?
Forschung war immer Teil meines beruflichen Alltages und auch wenn ich nach 16 Jahren am Universitätsklinikum Münster nun an ein kleineres Haus gegangen bin, bin ich doch nach wie vor in der Forschung aktiv. Mein ehemaliger Chef, Prof. Van Aken, hat mich sehr gefördert und mir schon während meines Studiums die Mitarbeit in einer Forschungsgruppe angeboten. Das war eine große Ehre, denn Prof. Van Aken ist eine Autorität innerhalb der Anästhesie und Intensivmedizin hierzulande. Und mein Forschungsaufenthalt  in Australien hat schlussendlich dazu geführt, mich ganz und gar der Schmerzmedizin zuzuwenden.

Wieso dieses Engagement außerhalb des klinischen Alltags?

Wir stehen in der Forschung noch sehr am Anfang, da gibt es noch viel zu tun. Gleiches gilt für die Qualifizierung von Medizinern, es gibt einfach noch nicht genügend ausgebildete Schmerzmediziner. Deshalb engagiere ich mich auch innerhalb der ärztlichen Fortbildung durch die Ärztekammer, auch am Uniklinikum Münster halte ich Vorträge.