Kopf frei dank steifer Brise

PD Dr. med. Henning Stubbe, Chefarzt, Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin

Intensivmediziner arbeiten oft am schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Wir sprachen mit PD Dr. med. Henning Stubbe, Ärztlicher Direktor der Paracelsus-Klinik Osnabrück und Chefarzt der Abteilung für Anästhesie und Intensivmedizin, wie er in diesem Job die innere Balance hält.

Chefarzt Dr. Henning Stubbe ist Intensivmediziner und Anästhesist mit Leib und Seele. Fühlt er sich doch einmal ausgelaugt, geht er mit seiner Familie aufs Meer ...

Herr Dr. Stubbe, wann entschieden Sie sich für die Medizin?

Das weiß ich noch, als wäre es gestern gewesen. Das war im Biologieunterricht, Leistungskurs, 12. Klasse. Eines Morgens war mir klar: Ich will Arzt werden.

Gab es nie eine Alternative?

Nie. Zwar habe ich auch mal davon geträumt, Pilot zu werden. Weil ich dafür zu "lang" war, schied dieser Weg aber schnell aus. Trotzdem hätte es mit mir und der Medizin fast nicht geklappt, da meine Abinoten zu schlecht waren. Nur weil ich dann im Medizinertest so gut abschnitt, konnte ich das Studium direkt nach dem Zivildienst beginnen.

Hatte der Medizinstudent Stubbe denn sonst keine Interessen?

Neben der Medizin war mir der Sport immer sehr wichtig. Noch heute spiele ich regelmäßig Tennis und gehe schwimmen. Außerdem bin ich leidenschaftlicher Schachspieler. Während der Bereitschaftsdienste messe ich mich gerne mit dem Computer, daheim mit meinem Vater, der mir die Regeln beigebracht hat. Zudem habe ich schon immer gerne geschrieben. Eine Zeit lang war ich sogar Medizinjournalist.

Echt? Das müssen Sie erklären!

Zusammen mit einem Professor aus Münster habe ich Ende der 90er Jahre für eine Agentur die ersten medizinischen Internetangebote erstellt. Damals herrschte im Online-Journalismus Goldgräberstimmung. Mein Gebiet war die Gastroenterologie. Ich schrieb über Pankreas und Leber.

Wie kamen Sie von der Inneren dann zur Anästhesie?

Über einen Job auf der Intensivstation lernte ich meinen späteren Doktorvater kennen. Er war Chef der Anästhesie und führte mich an die Forschung heran.

Moderne Schmerztherapie: Mittels Ultraschall spürt Dr. Stubbe Nerven auf, die er dann über einen Katheter mit Lokalanästhetikum betäubt.

Nach meiner Promotion betreute ich für ihn noch weitere Studien. Als er mir eine Stelle anbot, griff ich zu. Damals bewarben sich noch mehr als 150 Ärzte auf eine Stelle. Das war also eine tolle Chance!

Jetzt sind Sie Chefarzt. War das schon immer Ihr Ziel?

Zunächst wollte ich nur klinisch arbeiten. Aber mit zunehmender Erfahrung kam der Wunsch, Dinge selbst zu prägen. An der Paracelsus-Klinik bot sich mir dann die Möglichkeit, eine neue Abteilung aufzubauen. Von der Intensivstation bis zur Schmerz-therapie kann ich meine eigenen Vorstellungen nun umsetzen.

Wie sollte denn eine moderne Schmerztherapie aussehen?

Eine wichtige Errungenschaft der letzten zehn Jahre ist beispielsweise die kathetergestützte Regionalanästhesie. Gerade bei Patienten mit Kniegelenksersatz ist diese Methode bereits Standard, da die Operierten große Schmerzen haben und doch schnell mobilisiert werden müssen. Mithilfe des Ultraschalls lokalisieren wir in der Leiste den N. femoralis und am Oberschenkel den N. ischiadicus und schieben Katheter direkt an die Nerven.

Über eine Pumpe geben wir dann kontinuierlich ein Lokalanästhetikum und blockieren so die Schmerzleitung.

Das Fachliche ist das eine - die Atmosphäre das andere. Was für ein Typ Chef sind Sie?

(lacht) Ich bin eher der Nette. Da ich viele Mitarbeiter bereits seit Jahren kenne, habe ich erst gar keine Hierarchien etabliert. Trotzdem muss ich als Chefarzt auch Distanz wahren, um unbeliebte Entscheidungen treffen zu können. Nur Kumpel zu sein, geht nicht. Aber gerade an schwierigen Situationen kann man natürlich auch reifen.

Geben Sie ein Beispiel!

Als ich noch Oberarzt war, hatte ich die Verantwortung für einen prominenten Patienten: Der renommierte Internist bekam aufgrund einer schweren COPD eine Lunge transplantiert. Wir alle kannten und schätzten diesen Mann seit Jahren. Der Kampf um sein Leben zog sich über 150 Tage, mit allen Höhen und Tiefen. Jeden Tag befruchteten die Ordinarien des Klinikums die Intensivstation mit guten Ratschlägen. Jeder wusste es besser. Hinzu kamen die Angehörigen. Der Druck auf mich und meine Kollegen war riesig. Letztlich kostete die seltene Nebenwirkung eines neuen Medikaments den Patienten das Leben. Damals habe ich gelernt, dass der Kampf trotz maximalen Einsatzes verloren gehen kann.

Woraus schöpfen Sie in solchen Situationen Ihre Kraft?

Zum Glück erlebt man als Anästhesist auch ruhigere Tage. Trotzdem braucht man einen Ausgleich zum stressigen Alltag. Für mich ist es wichtig, Zeit für meine Familie zu haben. Richtig abschalten kann ich am besten während einer Bootstour auf der Ostsee oder dem Mittelmeer. Der Wind hilft mir dann, den Kopf wieder frei zu bekommen.

ViaMedici Ausgabe 2.13