Ersatz mit Anspruch

PD Dr. med. Steffen Höll, Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und Spezielle Orthopädische Chirurgie

Jedes Jahr werden in Deutschland ca. 390.000 Endoprothesen implantiert. Kommt es dabei zu schwierigen Verläufen abseits der Routine, sind Experten wie PD Dr. med. Steffen Höll gefragt. Der Chefarzt der Abteilung für Orthopädie und Spezielle Orthopädische Chirurgie der Paracelsus-Klinik Osnabrück ist Spezialist für anspruchsvolle endoprothetische Fälle.

Herr Dr. Höll, Sie haben während ihrer Laufbahn eine Zeitlang in Sibirien gearbeitet. Was haben sie dort gemacht? Ist es da nicht ein bisschen kalt?

Im Gegenteil (lacht). Da ist es bullenheiß - zumindest im Sommer. Ich war dort, weil ich mehr über ein bestimmtes OP-Verfahren lernen wollte - einen speziellen Fixateur, der ringförmig am Knochen befestigt wird. Dieses Verfahren wurde im südwestsibirischen Kurgan entwickelt und ich hatte die einmalige Chance als Fellowship den Experten dort über die Schulter zu blicken. Meist wird dieses Verfahren für Beinverlängerungen oder für komplizierte Beinachsenkorrekturen benutzt. Solche Techniken faszinieren mich immer wieder und dafür ist mir kein Weg zu weit...

Wie sind Sie denn als junger Arzt zur Orthopädie gekommen?

Nach dem Studium bin ich zuerst in die Unfallchirurgie. Polytrauma, die Behandlung Schwerverletzter... Das fand ich damals besonders interessant. Adrenalin war mein bester Freund und ein regelmäßiger Nachtschlaf war mir in dem Alter noch nicht so wichtig. Aber irgendwann denkt man natürlich darüber nach, was man längerfristig machen möchte. Deswegen wechselte ich dann in die Sportorthopädie. Das hat wirklich sehr viel Spaß gemacht: relativ gesunde Patienten, kleine, aber sehr effektive Eingriffe. So kam ich auf die orthopädische Schiene und machte da letztlich auch meinen Facharzt. Heute bin ich Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie mit der Zusatzweiterbildung spezielle orthopädische Chirurgie.

Dort haben Sie sich auf die Endoprothetik spezialisiert. Warum ausgerechnet dieser Bereich?

Am Krankenhaus für Sportverletzte Hellersen habe ich damals viele arthroskopische Eingriffe, Kreuzbandplastiken und Schulter- OPs durchgeführt. Dann wurde die Klinik umstrukturiert und eine neue Abteilung für Endoprothetik wurde komplett neu aufgebaut. Da wollte ich auf jeden Fall mit einsteigen, denn ich habe damals schon geahnt, dass dieser Bereich sehr zukunftsträchtig ist. Tatsächlich haben heute die meisten orthopädischen Kliniken ihren Schwerpunkt in der Endoprothetik. Wenn man das also nicht gelernt hat und nicht anbieten kann, hat man auch keine Chance weiterzukommen.

Was macht die Endoprothetik so spannend?

Die Endoprothetik ist im Vergleich zu anderen Bereichen der Orthopädie sehr komplikationsreich. Von Revisionseingriffen wegen Lockerungen bis zur Versorgung schwererer prothetischer Infekte ist alles dabei. Das sind Herausforderungen, die mich anspornen. Und um diese Chirurgie auf hohem Niveau zu betreiben, investiere ich auch gerne viel Arbeit und Zeit.

Was hat sich in der Endoprothetik die letzten paar Jahre getan?

Viele Details wurden verbessert. Die Materialien halten länger als früher. Die Schmerztherapie ist effektiver. Manche Eingriffe können heute minimalinvasiv durchgeführt werden. In der Kniegelenksprothetik arbeitet man mittlerweile mit individualisierten Implantaten. Das sind einzigartige Prothesen, die in Ausrichtung, Position und Größe exakt auf den Patienten zugeschnitten sind. Standardprothesen halten derzeit etwa 15 bis 20 Jahre. Natürlich hofft man darauf, dass die Individualprothesen länger halten. Ob das funktioniert, muss sich aber erst noch zeigen. Denn diese Methode gibt es erst seit ungefähr fünf Jahren.

Welche Operationen führen Sie häufig durch?

Ich mache alle endoprothetischen Versorgungen. Dazu gehören auch komplexe Wechseloperationen inklusive plastischer Rekonstruktionen, zum Beispiel durch Muskelschwenklappen. Gerade in der Revisionsendoprothetik können Infektionen, zum Beispiel mit gram-negativen Bakterien, sehr hartnäckig sein. Hierbei entfernen wir zunächst die Prothese. Dann behandeln wir 6 bis 10 Wochen antibiotisch. Und danach kann idealer weise eine Reimplantation stattfinden. Die Hüftprothese - ein extrem eleganter und schneller Eingriff, operiere ich immer wieder gern.Dabei wird lediglich ein 8-10 cm großer Hautschnitt benötigt und eine natürliche Muskellücke wird als Zugang genutzt. Das schont das Gewebe, so dass der Patient in der Regel sehr schnell wieder auf die Beine kommt. Auch größere Defektsituationen im Beckenknochen und deren Rekonstruktion mit irgendeiner Art von Prothese operiere ich äußerst gerne - das sind wahre Herausforderungen. Ich mache aber auch noch andere orthopädische Eingriffe, abseits der Endoprothetik.

Gibt es Alternativen zur Endoprothetik?

Es gibt Patienten, die auch mit anderen Methoden behandelt werden. Wir wissen z. B., dass bei bestimmten Erkrankungen der Hüfte oder der Schulter wie dem Impingement-Syndrom, ein früher gelenkerhaltender Eingriff eine Arthrose hinauszögern kann. Zudem gibt es Behandlungsansätze mit Knorpelzüchtung bzw. -ersatz. Wenn ältere Patienten allerdings an einer ausgeprägten Arthrose leiden, kann man damit nicht mehr behandeln. Hier ist die Endoprothese letztlich immer noch alternativlos.

Zur Person

PD Dr. med. Steffen Höll studierte von 1991 bis 1998 Medizin an der Westfälischen Wilhelms Universität in Münster und der Universität Hamburg. Seine Weiterbildung zum Facharzt für Orthopädie machte er am Uniklinikum Bochum am St. Anna Hospital und am Krankenhaus für Sportverletzte Hellersen. 2005 war er als Fellow für 6 Wochen in Kurgan in Sibirien, um ein spezielles Fixateur-OP-Verfahren zu erlernen. Facharzt für Orthopädie und Unfallchirurgie wurde er im Jahr 2006. Danach war er Oberarzt in der Orthopädie im Knappschaftskrankenhaus Dortmund. 2008 ergriff er die Chance als Sektionsleiter der Endoprothetik / Revisionsprothetik in die Klinik für Allgemeine Orthopädie und Tumororthopädie an die Uniklinik Münster zu gehen und erwarb die Zusatzbezeichnung Spezielle Orthopädische Chirurgie. Seit April 2014 ist er nun Chefarzt in der Paracelsus-Klinik in Osnabrück und habilitierte dieses Jahr im Lehrgebiet Orthopädie an der Uni Münster. Jetzt weckt er auch bei jungen Medizinern Begeisterung für das interessante Fach.

Via medici Ausgabe 5.14