Adipositas

Behandlungskonzept für Patienten mit krankhaftem Übergewicht (Adipositas)

Die Behandlung von krankhaftem Übergewicht stellt einen der Behandlungsschwerpunkte der Paracelsus-Roswitha-Klinik dar.

Entstehung und Folgen der Adipositas

Adipositas, der medizinische Ausdruck für krankhaftes Übergewicht ab einem Body Mass Index von über 30 (BMI = Gewicht/quadrierte Körpergröße in Metern), ist eine multikausale Erkrankung, das heißt es spielen sowohl biologische als auch psychologische und soziale Faktoren bei ihrer Entstehung und Aufrechterhaltung eine Rolle. Häufig besteht eine konstitutionelle Tendenz zu einer fülligeren Figur, die sich im Zusammenspiel mit ungünstigem Ess- und Bewegungsverhalten zur Adipositas ausweiten kann.


Bei vielen Patienten beginnt der Einstieg zur Gewichtszunahme mit einer strengen Reduktionsdiät: Der Betreffende nimmt zunächst eine deutlich verringerte Nahrungsmenge zu sich und nimmt in der Regel anfänglich schnell ab. Dabei ist jedoch zu berücksichtigen, dass ein großer Teil dieses Gewichtsverlusts nicht auf tatsächliche Reduktion der Fettreserven, sondern auf die Verminderung des Wasseranteils des Körpers zurückzuführen ist. Zusätzlich besteht bei gleichzeitig nicht ausreichender Bewegung die Gefahr des Muskelabbaus. Sobald die erste "Entwässerungswelle" vorbei ist und der Körper sich gleichzeitig an die veränderte Nahrungsmittelaufnahme anpasst und auf "Sparflamme" geht, das heißt den Grundumsatz senkt, verringert sich die wöchentliche Gewichtsabnahme beträchtlich, und viele der frustrierten Diät-Willigen kehren zu ihrem alten Essverhalten zurück. Der Körper aber hat die "Hungerkatastrophe" noch "im Gedächtnis" und behält den niedrigen Grundumsatz zunächst bei, um Reserven anzulegen, das heißt der Betreffende nimmt wieder zu, und zwar meist über das Anfangsgewicht hinaus ("Jo-Jo-Effekt").

Viele Betroffene leben in einer Dauerdiät, essen unregelmäßig und verbieten sich kontinuierlich bestimmte Nahrungsmittel (Schokolade etc.), wogegen der Körper sich durch Heißhungergefühle wehrt. Besonders in Zeiten allgemeiner Belastungen kann dann die Kontrolle über das Essverhalten nicht aufrechterhalten werden und es kommt zu Essanfällen, bei denen in kurzer Zeit große Nahrungsmengen häufig ohne Genuss aufgenommen werden. Hinterher haben die meisten Betroffenen ein schlechtes Gewissen und versuchen, durch noch strengere Diät die "Diätsünde" wieder auszugleichen, was den Teufelskreis zwischen Fasten und Essanfällen aufrechterhält. Andere versuchen, den durch das Verbot bestimmter Nahrungsmittel verminderten Genuss durch Essen größerer Menge der "erlaubten" Nahrungsmittel auszugleichen, so dass insgesamt die gleiche oder eine größere Menge an Energie konsumiert wird.

Bei Reduktionsdiäten geht häufig das natürliche Hunger- und Sättigungsgefühl verloren, so dass Unsicherheiten hinsichtlich der "richtigen" Menge der Nahrung und manchmal Befürchtungen entstehen, gar nicht mehr aufhören zu können, wenn man sich einmal erlaubt, soviel zu essen, wie man möchte. Da zu diesem Zeitpunkt der Krankheitsentwicklung dann oft keine Steuerung durch innere Impulse mehr gegeben ist, sind viele Essgestörte im Essverhalten sehr von Außenreizen abhängig beziehungsweise essen automatisiert (zum Beispiel, weil etwas da ist, nebenher vor dem Fernseher oder bei langweiligen Autofahrten).

Oft interpretieren sie verschiedenartige Gefühlszustände (Ärger, Traurigkeit etc.) als Hunger und versuchen sie durch Essen zu unterdrücken ("Frustessen"). Häufig fehlen alternative Möglichkeiten, Konflikte zu bearbeiten, unangenehme Gefühle zu ertragen oder sich zu belohnen, so dass der Adipöse trotz aller guten Vorsätze keine anderen Möglichkeiten sieht, als auf vermehrtes Essen zurückzugreifen.

Mit Adipositas verbunden sind häufig soziale Ängste, die Vermeidung von bestimmten, eigentlich angenehmen Tätigkeiten (sich schön anziehen etc.), ein niedriges Selbstwertgefühl und fehlende Akzeptanz des eigenen Körpers. Dies führt wiederum zu negativen Gefühlen, die mitunter wieder nur durch vermehrtes Essen bewältigt werden können. Aus Scham werden häufig gerade solche Aktivitäten vermieden, die den Grundumsatz steigern (körperliche Aktivität wie Schwimmen), wodurch das krankhafte Übergewicht aufrechterhalten wird.

Besonders wichtig ist natürlich, dass Adipositas einer der wichtigsten Risikofaktoren für viele körperliche Erkrankungen wie Bluthochdruck und Herzschwäche, Stoffwechselstörungen (Diabetes mellitus, Fettstoffwechselstörungen, Gicht) und deren Folgeerkrankungen (Herzinfarkte, Schlaganfälle, Durchblutungsstörungen), Erkrankungen des Verdauungssystems (unter anderem Leber- und Galleerkrankungen) und schließlich auch chronische Schmerzen durch Überlastung des Stützapparates ist.

Unser Behandlungskonzept

Das kognitiv-verhaltensmedizinische Therapiekonzept der Paracelsus-Roswitha-Klinik integriert die körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren der Entstehung und Aufrechterhaltung krankhaften Übergewichts in einem bio-psycho-sozialen Gesamtbehandlungsplan.

Das Hauptziel der Behandlung der Adipositas liegt demzufolge darin, die Fähigkeit der Betroffenen zum Umgang mit dem Gewichtsproblem, das heißt zur Adipositasbewältigung zu verbessern, um in der Folge krankheitsbedingte Beeinträchtigungen in der Familie, am Arbeitsplatz und in der Freizeit verringern zu können.

Darüber hinaus berücksichtigt das verhaltensmedizinische Behandlungskonzept Adipositas in der Paracelsus-Roswitha-Klinik, die häufig in der Folge auftretenden oder parallel bestehenden psychischen Begleiterkrankungen, wie zum Beispiel Depressionen oder Angststörungen, als gleichwertige Problembereiche, da sie oftmals in Form von Teufelskreisen (s. o.) die Adipositasbewältigung behindern.

Dieses Behandlungskonzept, dessen Hauptziel eine "Hilfe zur Selbsthilfe" ist, erfordert die enge Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen (Ärzte, Diplom-Psychologen, Diätassistentinnen, Sport- und Bewegungstherapeuten, Körperwahrnehmungs-, Entspannungs-, Ergo- und Kreativtherapeuten u. a.).

Die Paracelsus-Roswitha-Klinik kooperiert insbesondere mit den ernährungspsychologischen Abteilungen der Universitäten Hamburg und Göttingen, um die Weiterentwicklung der Behandlungsformen kontinuierlich dem aktuellen wissenschaftlichen Stand anzupassen.

Die einzelnen Behandlungselemente im Überblick

Bezugstherapeut

Der Bezugstherapeut (Arzt oder Dipl.-Psychologe) erarbeitet mit dem Patienten ein individuelles Krankheitsmodell und die konkrete Zielsetzung der Behandlung und entwickelt daraus mit ihm gemeinsam einen Therapieplan. Darin werden die einzelnen Therapiebausteine je nach den besonderen Erfordernissen des Krankheitsbildes individuell (Einzeltherapie, Basisgruppentherapie, Adipositas-Bewältigungs-Gruppe, Körperwahrnehmungs- und Entspannungsverfahren, Sport-, Trainings- und Physikalische Therapie, Yoga, Sozialberatung u. a.) gewichtet.

Bezugsarzt

Der Bezugsarzt führt die medizinischen Untersuchungen durch. Er bespricht mit dem Bezugstherapeuten die körperlichen Belange des Patienten und leitet die entsprechend erforderliche Mitbehandlung in die Wege. Er steht dem Patienten während des gesamten Aufenthaltes bei medizinisch behandlungsbedürftigen oder neu auftretenden körperlichen Beschwerden zur Seite.

Einzelpsychotherapie

Im Rahmen der Einzeltherapie geht es zunächst darum, mit dem Bezugstherapeuten ein gemeinsames Verständnis der Krankheit, ihrer Auslöser und aufrechterhaltenden Bedingungen zu entwickeln, anschließend um eine eventuell erforderliche Integration gruppenpsychotherapeutischer Therapieelemente und schließlich um die Bewältigung der häufig begleitenden Probleme im Lebensalltag des Patienten. Diese können zum Beispiel im sozialen Umfeld oder in der Lebensgeschichte des Patienten liegen. Falls erforderlich, können hier auch die begleitenden psychischen Belastungen, das heißt die zusätzlich bestehenden Depressionen, Ängste et cetera aufgegriffen und therapeutisch bearbeitet werden.

Adipositasbewältigungsgruppe

Das Gruppenkonzept lehnt sich im Wesentlichen an das Konzept "Bewegtes Abnehmen – ein Gruppenprogramm zur Gewichtsreduktion mit spielerischen Körperübungen" (HÄNSCH, 1995) an.

Es wird keine Reduktionsdiät durchgeführt, denn das Ziel der Behandlung ist das eigenverantwortliche Regulieren der Essensaufnahme und das Erlernen der Selbstkontrolle mithilfe des Hunger- und Sättigungsgefühls.

Häufig sind ungünstige Essgewohnheiten und Gedanken über Essen, die mitunter schon von Kindheit an erlernt sind ("Man darf nichts verkommen lassen", "Du hast doch sonst nichts im Leben", "Gestern habe ich zu viel gegessen, da muss ich heute Null-Diät machen" ...), Mitverursacher der Adipositas. Es wird genau untersucht, welche Gedanken und Haltungen es den Betroffenen schwer machen, sich gesund und regelmäßig, aber auch mäßig zu ernähren. Diese Gedanken werden hinterfragt und neue Verhaltensweisen eingeübt. Darum ist es wichtig, dass die Patienten im Speisesaal selbst die Kontrolle über ihre Nahrungsmengen haben und nicht eine "Diätmahlzeit" zugeteilt bekommen, denn zu Hause, werden sie eigenständig aus einem Überangebot die ihnen angemessene Menge auswählen müssen. Damit verbunden wird besprochen, wie sie es erreichen können, sich nicht immer wieder von dem Essen, was "halt da ist" verführen zu lassen, zum Beispiel indem sie kleinere Mengen einkaufen und kochen, langsam, bewusster und nicht nebenher essen und sich jeweils vor dem Essen für eine Menge entscheiden, den Rest wegräumen und sich nur bei bestehendem Hunger noch einmal nachholen beziehungsweise bei vorzeitiger Sättigung das übrige wegräumen oder wegwerfen.

Eine weitere ungünstige Verhaltensweise ist, mit Essen auf eine Vielzahl von negativen Gefühlszuständen zu reagieren, zum Beispiel auf Langeweile, Ärger, Trauer oder Angst. Dabei bekommt das Essen die Funktion einer "Belohnung" oder eines "Trostspenders", was häufig schon in der Kindheit gelernt wird ("Du bist hingefallen? Hier hast Du eine Schokolade als Trostpflaster"). In der Gruppe wird untersucht, welche Funktionen das Essen neben der Sättigung und des Genusses bekommen hat, und alternative Bewältigungs- und Bedürfnisbefriedigungsmethoden gesammelt und eingeübt.

In einem Genusstrainingsmodul werden die verschiedenen Sinne sensibilisiert. Im Bereich des Schmeckens werden Hunger und Appetit von anderen Reizen wie Langeweile, Wut, depressiven Stimmungen zu unterscheiden gelernt. Das Übertreten von selbst aufgestellten restriktiven Essensregeln führt dazu, dass das Genießen mit Schuldgefühlen verknüpft wird. Das Wechseln zwischen Genuss und Genügsamkeit soll eingeübt werden, um einen Weg zu einem flexiblen Ernährungsverhalten zu finden. Die Patienten werden ermutigt zu lernen, Genuss mit positiven Gefühlen zu verknüpfen.

Durch ein Diskriminationstraining können die anderen Sinnesmodalitäten wie Riechen, Tasten, Hören und Sehen geschärft und durch Trainingseinheiten die Aufmerksamkeit auf andere tägliche Genussmöglichkeiten gelenkt werden, bei denen das Essen nicht im Vordergrund steht.

Anhand der Genussregeln wird der Genuss sinnvoll in den Alltag integriert und dadurch das Wohlbefinden reguliert. Ziel ist es, Belastungsfaktoren und Entlastungsfaktoren (wie Genießen) in einer gesunden Balance zu halten.

Ein weiterer wichtiger Baustein der Adipositasbehandlung ist die Erhöhung der Körperakzeptanz, zum einen um den negativen psychischen Folgeerscheinungen (niedriges Selbstwertgefühl, soziale Ängste etc.) vorzubeugen und die Lebensqualität der Patienten zu erhöhen, zum anderen als wichtige Voraussetzung, um von einem gelassenen und starken Standpunkt aus Veränderungen und somit Wege zum Abnehmen einleiten zu können. Dazu werden selbst auferlegte "Verbote" als Folge der Unzufriedenheit mit der eigenen Figur thematisiert und verändert. Es wird das vorgestellte Körperselbstbild mit der Realität verglichen, um Verzerrungen ins "Riesenhafte", die bei Adipösen häufig vorkommen, zu erkennen und zu korrigieren. Außerdem werden Vorstellungsübungen durchgeführt, in denen der Patient seinen Körper auf positive Weise erleben und die einseitige Konzentration auf "Makel" durchbrechen kann. Die Patienten werden angeleitet, sich in ihrer Gesamtpersönlichkeit zu betrachten und so sich selbst als mehr als nur als einen Körper (mit dem sie nicht zufrieden sind) zu sehen und sich ihrer Stärken bewusst zu werden.

Basisgruppe

Die das krankhafte Übergewicht begleitenden Probleme in anderen Lebensbereichen, zum Beispiel in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit, sowie jene Probleme, die im lebensgeschichtlichen Hintergrund des Patienten liegen, können im Rahmen dieser Gruppe bearbeitet werden. Mit Hilfe vorhandener Arbeitsmodelle werden sowohl konkrete Problemlösungen erarbeitet als auch ein übergeordnetes Modell vermittelt, das die Teilnehmer dann auch außerhalb der Gruppe selbstständig anwenden können.

Ernährungsberatung

In der Ernährungsberatung werden die Patienten gezielt motiviert, neue Wege im Ernährungsbereich zu gehen, indem die Fettrestriktion bei gleichzeitiger flexibler Kohlenhydratzufuhr in den Vordergrund gestellt wird. Unterstützt wird dieses durch ein praxisnahes Training (Einkaufen, Lehrküche u. a.).

Entspannungs- und Körperwahrnehmungstraining:
Aus verschiedenen oben genannten Gründen kann es erforderlich sein, durch gezieltes Entspannungstraining eine Reduktion des Stress- und allgemeinen Anspannungsniveaus zu erreichen. Hierzu können progressive Muskelrelaxation (JACOBSON), autogenes Training und Yoga erlernt werden. Zur Verbesserung der oft gestörten Körperwahrnehmung steht die Feldenkraismethode zur Verfügung.

Sport-, Bewegungs- und Trainingstherapie sowie Krankengymnastik:
Zu diesem Bereich gehören Walking, Jogging, Muskelaufbautraining, Ergometertraining, Bewegungsbäder und Schwimmkurse. Diese Maßnahmen dienen neben der Aktivierung des Grundumsatzes vor allem zur Konditionsverbesserung und zum Aufbau einer stabilen Muskulatur, da diese neben den Effekten auf die Gewichtsregulation auch einer Chronifizierung eventuell vorhandener Schmerzen und einer passiven Grundhaltung entgegenwirkt.

Die Krankengymnastik dient der Mobilisierung bestimmter problematischer Körperbereiche und stellt damit eine Vorstufe der Sporttherapie bei stärker eingeschränkten Patienten dar.

Ergo- und Gestaltungstherapie

Die Ergo- und Gestaltungstherapie, die den Patienten frei zugänglich ist, bietet die Möglichkeit, durch kreative Medien einen anderen Zugang zum eigenen Erleben zu finden. Dadurch werden weitere Genuss- und Aufmerksamkeitslenkungsprozesse angeregt und kreative Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen.