Selbstsicherheitsprobleme

Behandlungskonzept für Patienten mit Selbstsicherheitsproblemen

Die Behandlung von Problemen sozialer Kompetenz stellt einen der Behandlungsschwerpunkte der Paracelsus-Roswitha-Klinik dar.

Was ist unter "sozialer Kompetenz" zu verstehen?

Der Mensch in unserer heutigen Gesellschaft befindet sich fast ununterbrochen in sozialen Situationen (in diesem Fall verstanden als das Zusammentreffen mit anderen Menschen) und hat damit eine Vielzahl verschiedener sozialer Anforderungen zu bewältigen. Die Fähigkeit einer Person, solche Interaktionen zielführend, bedürfnisgerecht und aktiv zu gestalten, trägt somit zur Entfaltung ihrer persönlichen Entwicklungsmöglichkeiten bei und stellt eine wichtige Bedingung für psychisches Wohlbefinden dar.

Für die Erwartung, was in einem "Training sozialer Kompetenz" – früher wurde häufig von Selbstsicherheitstraining gesprochen – sinnvoller Weise passiert, ist zunächst zu klären, was unter "sozial kompetentem Verhalten" zu verstehen ist, und vor allem, was nicht darunter fällt.
Soziale Kompetenz lässt sich am ehesten beschreiben als die Fähigkeit eines Individuums, zwischen sozialer Anpassung einerseits und individuellen Bedürfnissen andererseits einen akzeptablen Kompromiss zu finden.
Demnach bedeutet es nicht: 

  • ständig eigene Bedürfnisse hinter denen der anderen zurückzustellen
  • völlig gelassenes, "cooles" Auftreten (im Sinne von: Gefühle nicht nach außen zeigen)
  • aggressives, rücksichtsloses Durchsetzen der eigenen Bedürfnisse

Was erwartet Sie im Training sozialer Kompetenz (TSK)?

Zu Anfang der ersten Sitzung, nach der Begrüßung und Vorstellung des Therapeuten, werden die Teilnehmer aufgefordert, ihre Erwartungen und Befürchtungen hinsichtlich des Trainingsprogrammes zu formulieren. Inhaltlich wird damit auf einen Abgleich realistischer Ziele abgehoben. Für viele Teilnehmer stellt diese Eingangsrunde bereits eine erste Übung dar, weil sie nicht gewohnt sind oder große Schwierigkeiten damit haben, vor einer Gruppe und über sich zu sprechen. In der hierbei gewonnenen Erfahrung, dass es anderen Gruppenmitgliedern ähnliche Schwierigkeiten bereitet, liegt bereits ein wichtiger Erkenntnisgewinn, da viele stillschweigend annehmen, nur selbst von dieser Schwierigkeit betroffen zu sein.

Anschließend geht es um die Vermittlung eines Grundlagenmodells: Wie kommt Verhalten in sozialen Situationen zu Stande? Wodurch kann es zu Problemen im sozialen Miteinander kommen? Welche Auswirkungen sind von so genanntem Vermeidungsverhalten (d. h. dem Versuch, angstbesetzten Situationen, z. B. öffentlichem Sprechen, zu umgehen) zu erwarten? Solche und ähnlicher Fragen werden thematisiert.

Jeder Teilnehmer wird im Laufe des Programmes an eine individuelle Problemanalyse (Wie äußert sich mein soziales Problem? Wodurch entsteht es? Wie kann ich es in realistischer Weise bewältigen?) herangeführt.
Im Gegensatz zu vielen anderen Trainingsprogrammen (insbesondere die früheren Selbstsicherheitstrainings) wird ein individuelles Problemprofil erstellt und entsprechend dieser spezifischen Analyse ein ebensolches "Übungsmenü" zusammengestellt. Aus der Erfahrung mit solchen Programmen zeigte sich, dass es wenig sinnvoll ist, zum Beispiel alle Teilnehmer lernen zu lassen, eine fehlerhafte Ware in einem Geschäft umzutauschen, da es für viele kein Problem ist, fremde Menschen anzusprechen und Kontakt aufzunehmen. Um einen besseren Transfer (Übertragung der Lösungsschritte aus der therapeutischen Situation in den realen Lebensalltag) zu gewährleisten, scheint das dem "Übungsmenü" entsprechende Vorgehen die besten Voraussetzungen zu bieten.

Damit entfallen auch die häufig gemachten Einwände, dass die Übungssituationen zu künstlich seien ("das ist ja nur ein Rollenspiel, im echten Leben sieht das ganz anders aus ..."). Dennoch stellt es für fast jeden in der Gruppe zunächst einmal eine Hürde dar, im Rahmen von Gruppenübungen und Probehandlungen ("Rollenspielen") etwas von sich zu zeigen, denn sonst bräuchte er ja nicht an einem solchen Training teilzunehmen. Die Beobachtung, dass andere Teilnehmer trotz anfänglicher Hemmungen es dann doch wagen, die Gruppensituation als ein fast einmaliges Übungsfeld zu nutzen, stellt für viele ein nachahmenswertes Modell dar (man spricht in diesem Zusammenhang auch von "Modelllernen" oder "sozialem Lernen"). Um ein "fast einmaliges Übungsfeld" handelt es sich vor allem deswegen, weil hier eine recht offene Rückmeldung zum eigenen Verhalten erwartet werden kann, die im "wirklichen Leben" in einer angemessenen Form meist unterbleibt. So trauen sich auch anfänglich recht ängstliche Teilnehmer nach und nach eher etwas zu. Die zunächst oft stark angstbesetzte Gruppensituation erweist sich somit meist als eine Art "Tragfläche", die geschütztes Üben ermöglicht.

Es ist immer wieder die Beobachtung zu machen, dass Teilnehmer sich selbst in sozialen Situationen oft ängstlicher erleben, als es nach außen den Anschein hat. So wird das Sichtbarwerden vom Beben der eigenen Stimme, vom Zittern der Hände oder Rotwerden häufig überschätzt. Untersuchungen belegen, dass es sich dabei um ein Phänomen der erhöhten Selbstaufmerksamkeit (man achtet verstärkt auf bestimmte Symptome) handelt, wobei man geneigt ist, diesen inneren Eindruck für eine äußerlich sichtbare Realität zu halten. In der Erfahrung, dass "trainierte" Beobachter (alle Teilnehmer sind so gesehen hervorragende Experten für soziale Unsicherheit) dies dann doch nicht bestätigen – nicht weil sie etwa zu höflich sind, sondern, weil sie wirklich nichts bemerkt haben – liegt für viele Betroffene ein großer "Aha-Effekt".

Die Rückmeldung mit Hilfe eines objektiven Instrumentes – der anfänglich sehr gefürchteten Videokamera – bringt hierbei oft noch einen stärkeren Effekt, weil dabei "höflich gemeinte" Verfälschungen der Rückmeldung nicht angenommen werden können. Anknüpfend an eine solche Erfahrung trauen sich die Teilnehmer dann schrittweise immer mehr zu, was dann wiederum eine Verstärkerkette (eine Reihe von belohnend wirkenden Konsequenzen wie neue soziale Kontakte, positive Rückmeldung durch andere, stolz auf sich selbst sein) in Gang setzt.

Welche Ziele verfolgt das Trainingsprogramm?

Aus Sicht der Teilnehmer beantwortet das TSK folgende Fragen : 

  1. Was kann ich mit sozial kompetentem Verhalten realistischerweise erreichen – und was nicht?
  2. Wie sieht sozial kompetentes Verhalten überhaupt aus?
  3. Wie unterscheidet es sich von unsicherem und aggressivem Verhalten?
  4. Womit mache ich es mir selber schwer, mich sozial kompetent zu verhalten?
  5. Wie verhalte ich mich sozial kompetent?

Besonders der letzte Punkt weist darauf hin, dass Probleme mit sozialer Kompetenz nicht theoretisch gelöst werden können. Dem Übungsaspekt und damit der Verankerung im "echten Leben" kommt also eine entscheidende Bedeutung zu. Die Bereitschaft, sich seinen Problemen nicht nur im "Darüber-Reden", sondern auch "in der Tat" zu stellen, wird maßgeblich über den Erfolg des Trainings bestimmen.
Auch wenn dieses anfangs genau das Problem ausmacht, so steht letztendlich der Satz des Stoikers Seneca als Motto über dem gesamten Trainingsprogramm sozialer Kompetenz:
"Nicht weil es schwer ist, wagen wir es nicht, sondern weil wir es nicht wagen, ist es schwer !"