Tinnitus

Behandlungskonzept für Patienten mit chronisch-komplexem Tinnitus

Die Behandlung des chronisch-komplexen Tinnitus stellt einen der Behandlungsschwerpunkte der Paracelsus-Roswitha-Klinik dar.

Unter chronisch-komplexem Tinnitus sind Ohrgeräusche zu verstehen, die im Laufe ihres Bestehens einen immer größeren Einfluss auf das körperliche und psychische Befinden der betroffenen Menschen ausüben können. Ab einer Dauer des Tinnitus von mindestens drei Monaten spricht man von chronischem Tinnitus und grenzt diesen vom akuten Tinnitus ab, der zunächst eine HNO-ärztliche Behandlung erfordert.

Der chronisch-komplexe Tinnitus bedarf einer umfangreicheren Behandlung als der akute Tinnitus. Nicht mehr nur der Tinnitus, sondern der Tinnituspatient steht im Mittelpunkt der Behandlung. Dieses ist dadurch begründet, dass der chronische Tinnitus – vergleichbar anderen chronischen Erkrankungen – Veränderungen in der Gedächtnisstruktur und in der Folge im Erleben und Verhalten des betroffenen Menschen bewirkt.

Die Sehnsucht nach Ruhe und die gleichzeitige Angst vor Stille lassen den Tinnitus immer mehr zu einem zentralen, das Leben bestimmenden Geschehen werden. Die ständige Wahrnehmung des Tinnitus bewirkt oft eine Beeinträchtigung des Erlebens bis hin zu Gefühlen von Angst und Niedergeschlagenheit. Ein durch den Tinnitus bedingter Rückzug aus der vertrauten sozialen Umgebung kann bis zum Verlust des Freundeskreises führen. Durch das Abgleiten in Passivität, Rückzugs- oder Schonverhalten kann das Ohrgeräusch eine überragende Bedeutung im Leben der Betroffenen erlangen. Hinzu kommt die Bedrohung der beruflichen Leistungsfähigkeit, die zu einer weiteren Konzentration auf die Beschwerden und damit zum Weiterbestehen des Tinnitusproblems beiträgt.

Das kognitiv-verhaltensmedizinische Therapiekonzept der Paracelsus-Roswitha-Klinik integriert die körperlichen, psychischen und sozialen Faktoren der Entstehung und Aufrechterhaltung des chronischen Tinnitus in einem bio-psycho-sozialen Gesamtbehandlungsplan.

Das Hauptziel der Behandlung des chronisch-komplexen Tinnitus liegt demzufolge zunächst darin, die Fähigkeit der Betroffenen zum Umgang mit dem Tinnitus zu verbessern, das heißt, dass es über einen Abbau der Angst vor dem Tinnitus und gezielte Aufmerksamkeitsverschiebungen zu einer Reduzierung der Bedeutung des Tinnitus kommt. Damit sinkt die Tinnitusbeeinträchtigung, was im Sinne positiver Kreisläufe zu einer Reduzierung des Stressniveaus und damit wiederum zu einer zunehmend geringeren Ausprägung des Tinnitus führt. Hierzu werden verschiedene Elemente der Tinnitus-Retraining-Therapie sowie des Tinnitusbewältigungstrainings mit weiterführenden kognitiven Ansätzen sowie einem euthymen Aufmerksamkeitslenkungstraining (Genusstraining) kombiniert.

Zusätzlich wird das durch den Tinnitus verstärkte Stresserleben sowohl mit kognitiv-verhaltenstherapeutischen als auch mit körperorientierten Methoden behandelt. Zur Veränderung von Ausdruck und Erleben stehen kreativ-therapeutische Angebote zur Verfügung.

Darüber hinaus berücksichtigt das verhaltensmedizinische Behandlungskonzept der Paracelsus-Roswitha-Klinik die häufig infolge des chronischen Tinnitus auftretenden oder parallel bestehenden psychischen Begleiterkrankungen, wie Depressionen oder Angststörungen, als gleichwertige Problembereiche, da sie oftmals in Form von Teufelskreisen die Tinnitusbewältigung behindern (Beispiel siehe Abbildung).

Dieses Behandlungskonzept, dessen Hauptziel eine Hilfe zur Selbsthilfe ist, erfordert die enge Zusammenarbeit verschiedener Berufsgruppen (Ärzte, Dipl.-Psychologen, Sport- und Bewegungstherapeuten, Körperwahrnehmungs-, Entspannungs- und Kreativ-Therapeuten u. a.).

Die Paracelsus-Roswitha-Klinik kooperiert unter anderem mit der Deutschen Tinnitus-Liga und arbeitet an einer kontinuierlichen Weiterentwicklung der Behandlungsformen, um diese dem jeweils aktuellen wissenschaftlichen Stand anzupassen.

Die einzelnen Behandlungselemente im Überblick

Bezugstherapeut

Der Bezugstherapeut (Dipl.-Psychologe oder Arzt) erarbeitet mit dem Patienten ein individuelles Krankheitsmodell sowie die konkrete Zielsetzung der Behandlung und entwickelt daraus mit ihm gemeinsam einen Therapieplan. Darin werden die einzelnen Therapiebausteine je nach den besonderen Erfordernissen des Krankheitsbildes individuell (Einzeltherapie, Basisgruppentherapie, Tinnitus-Bewältigungs-Gruppe, Genusstraining, Körperwahrnehmungs- und Entspannungsverfahren, Sport-, Trainings- und physikalische Therapie, Yoga u. a.) gewichtet.

Bezugsarzt

Der Bezugsarzt führt die medizinischen Untersuchungen durch. Er bespricht mit dem Bezugstherapeuten die körperlichen Belange des Patienten und leitet die entsprechend erforderliche Mitbehandlung in die Wege. Er steht dem Patienten während des gesamten Aufenthaltes bei behandlungsbedürftigen oder neu auftretenden körperlichen Beschwerden zur Seite.

Einzelpsychotherapie

Im Rahmen der Einzeltherapie geht es zunächst darum, mit dem Bezugstherapeuten ein gemeinsames Verständnis der Krankheit, ihrer Auslöser und aufrechterhaltenden Bedingungen zu entwickeln, anschließend um eine eventuell erforderliche Integration gruppenpsychotherapeutischer Therapieelemente und schließlich um die Bewältigung der häufig begleitenden Probleme im Lebensalltag des Patienten. Diese können zum Beispiel im sozialen Umfeld oder in der Lebensgeschichte des Patienten liegen. Falls erforderlich können hier auch die begleitenden psychischen Belastungen, das heißt die zusätzlich zum Tinnitus oder zur Hyperakusis bestehenden Depressionen, Ängste et cetera, aufgegriffen und therapeutisch bearbeitet werden.

Tinnitus-Bewältigungs-Gruppe

Im Rahmen der Tinnitus-Bewältigungs-Gruppe werden die Patienten zunächst über die Besonderheiten des chronisch-komplexen Tinnitus, der Hyperakusis, der Aufrechterhaltung der Beeinträchtigungen sowie sonstiger Einflussfaktoren informiert. Hieraus werden verschiedene Tinnitus-Bewältigungs-Möglichkeiten (z. B. Übungen zur Akzeptanz des Tinnitus, zur Aufmerksamkeitslenkung, zur Veränderung der Tinnitusqualität) zunächst theoretisch abgeleitet und dann konkret eingeübt. Gleichzeitig werden Strategien zum Umgang mit dem Tinnitus oder der Hyperakusis im Alltag erarbeitet und gegebenenfalls korrigiert. Durch den Austausch in der Gruppe wird eine gegenseitige Hilfe und Unterstützung gefördert.

Genusstrainingsgruppe

Bei chronisch-komplexem Tinnitus richtet sich die Aufmerksamkeit des Patienten meist überwiegend auf die Ohrgeräusche beziehungsweise die damit einhergehenden Begleitsymptome, so dass andere Erlebensqualitäten in den Hintergrund treten können. Dadurch entstehen weitere Teufelskreise, die ganz wesentlich zur Aufrechterhaltung sowie zur weiteren Beeinträchtigung durch den Tinnitus beitragen können. Im Rahmen der Genusstrainingsgruppe wird die Wahrnehmung der verschiedenen Sinnesqualitäten trainiert, so dass die einseitige Tinnituswahrnehmung an Bedeutung verliert und die Genussfähigkeit im Alltag gesteigert wird.

Entspannungstraining

Bei Patienten mit chronisch-komplexem Tinnitus ist die Anspannung der Muskulatur häufig an der Aufrechterhaltung des ungünstigen Teufelskreises beteiligt. Auch eine starke Anstrengung, trotz der Beschwerden den Lebens- oder Berufsalltag zu bewältigen, führt meist zu einer weiteren Anspannung, die wiederum einen negativen Einfluss ausübt. Aus diesem Grund ist es erforderlich, durch gezieltes Entspannungstraining eine Reduktion des Anspannungsniveaus zu erreichen. Hierzu können progressive Muskelrelaxation (JACOBSON), autogenes Training und Yoga erlernt werden.

Feldenkraistraining

Genauso, wie wir uns verschiedene Verhaltensweisen aneignen, gewöhnen wir uns auch körperliche Bewegungsmuster an, die zu Fehlhaltungen und Verspannungen führen können. Je mehr Aufmerksamkeit durch das Ohrgeräusch gebunden ist, um so weniger Aufmerksamkeit widmen wir unserem Körper. Anspannungen im Körper, insbesondere in der Schulter- und Nackenmuskulatur, beeinflussen ebenfalls unsere Tinnituswahrnehmung. Von daher ist es hilfreich, diese speziellen, zu Verspannungen führenden Bewegungsmuster zu erkennen und zu verändern. Dies ist das Ziel dieser Körperwahrnehmungsgruppe.

Basisgruppentherapie

Die den chronisch-komplexen Tinnitus begleitenden Probleme in anderen Lebensbereichen, zum Beispiel in der Familie, am Arbeitsplatz oder in der Freizeit, sowie jene Probleme, die im lebensgeschichtlichen Hintergrund des Patienten liegen, können im Rahmen dieser Gruppe bearbeitet werden. Mit Hilfe vorhandener Arbeitsmodelle werden sowohl konkrete Problemlösungen entwickelt als auch ein übergeordnetes Modell vermittelt, das die Teilnehmer dann auch außerhalb der Gruppe selbstständig anwenden können.

Indikative Psychotherapiegruppen

Bei Bedarf kann die Tinnitusbehandlung ausgeweitet werden. Bei entsprechenden Begleiterkrankungen stehen folgende weitere Gruppentherapieangebote zur Verfügung: 

  • Angst-Bewältigungs-Gruppen
  • Depressions-Bewältigungs-Gruppen
  • Training sozialer Kompetenzen
  • Stress-Bewältigungs-Training
  • Schmerz-Bewältigungs-Training
  • Adipositas-Bewältigungs-Gruppe

 

Sport-, Bewegungs- und Trainingstherapie sowie Krankengymnastik

Zu diesem Bereich gehören Walking, Jogging, Muskelaufbautraining, Ergometertraining, Bewegungsbäder und Schwimmkurse. Diese Maßnahmen dienen zur Konditionsverbesserung sowie zum Aufbau einer stabilen Muskulatur.

Kreative Gestaltungstherapie

Die Gestaltungstherapie, die den Patienten frei zugänglich ist, bietet die Möglichkeit, durch kreative Medien einen anderen Zugang zum eigenen Erleben zu finden. Dadurch werden Aufmerksamkeitslenkungsprozesse angeregt und kreative Ausdrucksmöglichkeiten geschaffen.

Medikamentöse Therapie

Eine medikamentöse Behandlung kann auch im Absetzen verschiedener Substanzen bei länger dauerndem problematischen Gebrauch bestehen, besonders dann, wenn offensichtlich dadurch eine aktive Tinnitusbewältigung verhindert wird. Bei bestimmten Begleiterkrankungen kann es aber auch sinnvoll sein, durch eine angemessene medikamentöse Unterstützung zu einer Reduktion der Beschwerden beizutragen. Dies wird im Einzelfall mit dem Patienten detailliert besprochen.