Frauen, Kinder, Emotionen

Dr. Tobias Zeiser, Gynäkologe & Geburtshelfer

Wenige Fächer bieten ein so breites Spektrum an Gefühlsebenen wie die Gynäkologie. In ernsten Gesprächen mit Krebspatientinnen geht es oft um schlechte Prognosen und schwierige Therapien. Bei Geburten ist nach dem kräftezehrenden Gebärakt dagegen meist überschäumende Freude angesagt. Dr. Tobias Zeiser, Chefarzt der Paracelsus-Klinik Henstedt bei Hamburg erzählt von Adrenalinschüben und Glücksmomenten in seinem Fach.

Herr Dr. Zeiser, Sie haben schon Tausenden Kindern auf die Welt geholfen. Wird das nicht irgendwann langweilig?

Dr. Zeiser: Nein, nie! Ich freue mich immer noch sehr, wenn ich bei einer Geburt dabei bin, und finde es immer wieder faszinierend, wenn ein kleines Wesen das erste Mal das Licht der Welt erblickt.

Wie erlebten Sie Ihre erste Geburt?

Dr. Zeiser: Als junger Assistenzarzt in der gynä­ko­logischen Abteilung eines Krankenhauses in Hamburg wurde ich so richtig "ins kalte Wasser geworfen". Gleich von Anfang an betreute ich Geburten, nach sechzehn Tagen musste ich alleine Dienst machen. Zum Glück arbeitete ich immer mit erfahrenen Hebammen zusammen, von denen ich viel lernte.

Hatten Sie nie Angst?

Dr. Zeiser: Nein. Meine Ober-­ oder Chefä­rzte kamen rasch, wenn es wirkliche Probleme gab. Schwitzen musste ich aber schon manchmal. Damals war es zum Beispiel noch üblich, eine Kaudalanä­sthesie mit Carbostesin zu machen. Dieses Betä­ubungsmittel hat zwar den Vorteil, dass es nur gering plazentagängig ist. Dafür kann es aber starke Blutdruck­abfä­lle verursachen. Ein anderes Mal verblutete mir fast eine Frau, weil es zu einer vorzeitigen Plazenta­lösung kam und ich noch nicht allein operieren konnte. Glücklicherweise ging aber alles gut.

Was war denn Ihre schönste Geburt?

Dr. Zeiser: Die Geburt unserer Zwillinge! Es war wundervoll, die eigenen Kinder auf dem Arm zu halten. Sie wurden per Sectio entbunden. Aber nicht von mir, in diesem Moment wollte ich nur Vater sein.

Das schönste Glück bei einer Geburt kann sich rasch in großes Unglück verwandeln, wenn etwas schiefgeht. Wie gehen Sie damit um?

Dr. Zeiser: Es ist immer schrecklich, wenn eine Frau ihr Kind verliert, vor allem wenn sie es sich sehr wünschte. Ich versuche dann Trost zu spenden und den Frauen zu sagen, dass es nicht ihre Schuld ist. Zudem haben wir spezielle Hilfsangebote für solche Fä­lle hier in der Klinik. Aber auch für uns ist das eine große Belastung: Ich erinnere mich an eine Bekannte, deren Kind kurz vor der Geburt im Mutterleib starb. Einmal verlor eine Patientin so viel Blut, dass ihr Leben in Gefahr geriet. Danach ging es mir wie einem Chirurgen, der ein schlimmes Polytrauma behandelt hat. Nach diesem Erlebnis konnte ich eine Weile kein Blut mehr sehen.

Wollten Sie schon immer Gynäkologe werden?

Dr. Zeiser: Gynä­kologe nein, Arzt ja. Ich bin eines von diesen Kindern, die schon als kleiner Knirps wussten, dass sie Arzt werden wollten. Vermutlich lag das an unserem Hausarzt: Das war ein großer Mann mit einem großen Koffer, der immer alles wusste. Das faszinierte mich. So wollte ich auch einmal werden.

Zur Gyn kamen Sie aber erst auf Umwegen ...

Dr. Zeiser: Wä­hrend des Studiums hatte ich nie einen Zugang zu dem Fach. Innere und Neurologie interes­sierten mich, auch Dermatologie fand ich spannend. Als ich mein Examen ablegte, wollte ich Allgemein­arzt werden.

Nach dem Studium musste ich noch Zivil­dienst machen, ich fand eine Stelle im Kreißsaal. Da­nach wollte ich eigentlich in der Pä­diatrie anfangen, ich bekam aber keine Stelle. Damals bewarben sich mitunter 400 Mediziner auf einen Posten! Hartnä­ckig schrieb ich Bewerbungen - ohne Erfolg. Schließlich bot man mir eine Stelle in der Gynä­kologie an - eigentlich wollte ich das nie. Doch schon nach wenigen Wochen merkte ich: Das ist mein Traumfach!

Was finden Sie so gut daran?


Dr. Zeiser: Es ist die Kombination aus Geburtshilfe, die manchmal einen raschen Adrenalinschub verur­sacht, spannenden OPs und konservativer Medizin. Zudem braucht man viel Einfühlungsvermögen - zum Beispiel, wenn ich einer Frau mitteile, dass sie Krebs hat, und mit ihr überlege, wie es weitergeht. Den dritten Bereich der Gynä­kologie, die Endokrinologie, überlasse ich Spezialisten in anderen Kliniken.

Wollten Sie nie Professor an der Uni werden?

Dr. Zeiser: Das elitä­re Denken und die "Ellenbogen-­Mentalitä­t" vieler Universitä­tsä­rzte, die ich wä­hrend meines Studiums mitbekam, störten mich gewaltig. Als nach 13 Jahren Oberarzttä­tigkeit an der Para­celsus­Klinik eine Chefarzt­-Stelle an einem anderen Krankenhaus frei wurde, sagte ich dort sofort zu.

Nach vier Jahren gingen Sie aber wieder zurück in die Paracelsus-Klinik.

Dr. Zeiser: Ja, ich wurde "abgeworben" - die Ar­beitsbedingungen sind hier einfach besser. Außer­dem wurde damals gerade die Neonatologie aufge­baut, das fand ich gut.

Was halten Sie davon, dass immer mehr Frauen per Sectio entbunden werden möchten?

Dr. Zeiser: Der "Wunsch­-Kaiserschnitt" ist für mich als Klinikchef ein schwieriges Thema. Wenn Sie mich als Gynä­kologen fragen: Ich halte das für eine komplette Fehlentwicklung. Ist der Kaiserschnitt me­dizinisch begründet, ist er ein wichtiges Verfahren. Aber einen Wunsch-­Kaiserschnitt, der medizinisch nicht indiziert wä­re, lehne ich eigentlich ab. Auf der anderen Seite: Wenn wir dies einer Schwangeren vermitteln, geht sie möglicherweise in ein anderes Krankenhaus, und wir verlieren die Patientin. Und wenn eine Frau sagt, sie geht woanders hin, gehen ihre Freundinnen oft auch dorthin. Außerdem könnte es juristische Probleme geben: Angenommen, ich lehne einen Wunsch­Kaiserschnitt ab, die Frau be­kommt ihr Kind auf normalem Wege, und es passiert etwas. Dann könnte man mich fragen: "Warum haben Sie keinen Kaiserschnitt gemacht?" Dabei ist in solchen Fä­llen überhaupt nicht klar, ob ein Kaiser­schnitt die Geburtskomplikation verhindert hä­tte. Zudem fragt umgekehrt niemand, zu welchen mög­licherweise noch unbekannten Komplikationen ein Wunsch-Kaiserschnitt führen könnte: Häufig sehen wir, dass Kinder nach einer Sectio Anpassungsstörungen haben, dass sie nach der Geburt nicht so gut atmen und ihre Herzfrequenz abfä­llt. Wie entwickeln sich diese Kinder spä­ter? Kann dies möglicherweise spä­ter zu Verhaltensauffälligkeiten oder Hyperaktivität führen? Wir wissen es nicht.

Bei Ihren Kindern war die Sectio medizinisch erforderlich. Und wie geht es Ihren Zwillingen jetzt?

Dr. Zeiser: So gut, dass man es sich als Vater nicht besser wünschen könnte! Beide machen nä­chstes Jahr Abitur. Die Tochter möchte vielleicht Lehrerin werden, der Sohn Wirtschaftsingenieur oder Pilot - Medizin studieren möchten beide auf jeden Fall aber nicht.

Warum nicht? Schreckt sie der Beruf des Vaters so ab?

Dr. Zeiser: Zumindest sagen sie, ich arbeite zu viel. Vielleicht wünschen sie sich für ihr Leben mehr Frei­zeit. Ich fange unter der Woche um 7 Uhr morgens an und bin dreimal in der Woche erst gegen halb 10 zu Hause. Bei Privatpatientinnen komme ich für die Geburt in die Klinik und bin jederzeit erreichbar.

Bleibt Ihnen da noch Zeit für Hobbys?

Dr. Zeiser: Die Zeit nehme ich mir - man muss sich den Kopf frei machen nach der Arbeit in der Klinik. Ich engagiere mich in der Freikirche und treibe Sport: Jetzt geht wieder die Laufsaison los. Ich bin schon öfter Marathon gelaufen. Am besten entspanne ich mich auf Amrum: Dort kann ich mich stundenlang am Strand austoben und meinen Gedanken nachhä­ngen.

Was raten Sie jungen Medizinern?

Dr. Zeiser: Arzt sein ist ein wundervoller Beruf, und wir brauchen gute Ärzte! Wer aber Arzt werden möchte, um viel Geld zu verdienen, ist meiner Meinung nach fehl am Platze. Als Arzt braucht man Idealismus, das erste Ziel sollte sein, dass man den Menschen helfen möchte.

Wie beurteilen Sie die Stellensituation?

Dr. Zeiser: Ich sehe zurzeit nur eine Hürde: eine erste Stelle zu bekommen. Viele Chefs möchten am liebsten nur ausgebildete Ärzte einstellen: Die Ausbildung ist teuer und kostet Zeit. Das wollen oder können sich viele nicht leisten.

Wer bekommt bei Ihnen eine Stelle?


Dr. Zeiser: Bei mir braucht man eine hohe Arbeits­bereitschaft und ein hohes Engagement. Habe ich den Eindruck, jemand sei eher an seiner Freizeit als an der Arbeit interessiert, sage ich ihm eher ab.

Was halten Sie von Teilzeitarbeit?

Dr. Zeiser: In unserer Abteilung arbeiten zwei Ärzte in Vollzeit und sechs Ärztinnen in Teilzeit. Das klappt gut. Ich würde aber gerne noch ein paar Männer einstellen, weil ich ein gemischtes Geschlechterver­hältnis wichtig finde. Ich frage mich, warum sich nicht mehr Mä­nner bewerben. Gynä­kologie ist so ein spannender Beruf - ich habe es jedenfalls keinen Tag bereut, dieses Fach gewä­hlt zu haben.

Zur Person

Dr. med. Tobias Zeiser "Nordlicht": Geboren wurde er im Juni 1960 in Hamburg. Er wuchs in Tangstedt bei Hamburg auf, wo er heute wieder lebt. Nach dem Studium in Hamburg erhielt er 1985 die Approbation als Arzt. Nach einem Jahr Zivildienst in der Gynäkologie und Geburtshilfe blieb er dem Fach treu: Er absolvierte seine Facharzt-Weiterbildung am Krankenhaus Elim in Hamburg und wechselte 1991 für eine Oberarztstelle an die Paracelsus-Klinik in Henstedt. 2004 wurde er Chefarzt und Leiter eines Brustzentrums in Bad Oldesloe. 2008 kehrte er an die Paracelsus-Klinik in Henstedt zurück und ist dort jetzt ärztlicher Leiter der Abteilung für Gynäkologie und Geburtshilfe. Dr. Zeiser ist verheiratet und hat erwachsene Zwillinge. In seiner Freizeit engagiert er sich in der evangelischen Freikirche und tobt sich beim Triathlon aus.

Via medici Ausgabe 3.10