Das schönste an der Chirurgie ist, dass man die Effekte der eigenen Arbeit gut sieht

Dr. med. Joachim Dehnst - Chefarzt der Allgemein- und Viszeralchirurgie

Dr. med. Joachim Dehnst ist seit dem 1.01.2017 Chefarzt der Allgemein - und Viszeralchirurgie und gilt überregional als Experte für Viszeralchirurgie, Schilddrüsentherapie und Darmchirurgie.

Was gab bei Ihnen den Ausschlag, Medizin zu studieren?
Das war ein Findungsprozess. Als ich mit 18 die Schule abgeschlossen hatte, hätte man mich für viele Dinge, auch für jeden technischen Beruf begeistern können. Ein Schulfreund hat ein Pflegepraktikum gemacht, und da habe ich mir gesagt, das mache ich jetzt auch mal. Das zweimonatige Pflegepraktikum im Krankenhaus hat mit seinen positiven Eindrücken den Wunsch Medizin zu studieren geweckt. Mir war damals klar, dass ich zu diesem Zeitpunkt keinen Studienplatz bekomme. Ich habe daher im Anschluss meine Wehrpflicht als Richtfunker absolviert, was meine Begeisterung für die Tätigkeit im Krankenhaus noch verstärkt hat. Um die Wartezeit auf den Studienplatz zu überbrücken, habe ich eine Krankenpflegeausbildung gemacht und noch ein halbes Jahr als OP-Pfleger im Hals-Nasen-Ohren-OP gearbeitet. Dann konnte ich zum Glück starten und habe in Bochum Medizin studiert. Seitdem hatte ich beständig das Gefühl, dass ich mich richtig entschieden habe.

Wie fiel die Wahl dann auf das Fach Chirurgie?
Das war schlichtweg Prägung, die schon in der Zeit vor dem Studium in der Krankenpflege begonnen hat. Die Atmosphäre im OP, der Teamgedanken, überhaupt die Herausforderung im OP haben mich schon immer fasziniert. Zudem wird man auch immer wieder von Situationen überrascht, die stressen und herausfordern. Das Schöne an der Chirurgie ist auch, dass man die Effekte der eigenen Arbeit relativ gut sieht, und mit den Patienten auch das Vorher und Nachher gut diskutieren kann. Man muss nicht zwei Monate eine Medikamentenwirkung abwarten.

Welches sind die wichtigen Entwicklungen der letzten Jahre in Ihrem Fach?
Ich bin jetzt seit 30 Jahren Chirurg und es gibt keine einzige Operation, die noch so gemacht wird, wie ich sie anfangs gelernt habe -  wenn es die Operationstechnik heute überhaupt noch gibt. Es gibt permanent Veränderungen und nicht jede erweist sich letztendlich als Schritt in die richtige Richtung. Wenn man fragt, was die wesentlichen Neuerungen waren, so muss man trennen zwischen technischen Veränderungen und Veränderungen, die aus dem medizinischen Verständnis herrühren. Was die letzteren betrifft, war das Verständnis der Bedeutung der Faszien und der Lymphabstromgebiete für die Metastasierungswege in der Tumorchirurgie ein entscheidender Sprung nach vorn: Wir haben gelernt, effektiver zu operieren.

Der größte technische Fortschritt ist die Entwicklung der minimalinvasiven Chirurgie, die laparoskopische und endoskopische Eingriffe einschließt, aber nicht darauf zu reduzieren ist. Minimalinvasiv bedeutet ja, dass man das Trauma, die Belastung des Patienten, so klein wie möglich hält. Vordergründig meint man häufig, dass dies durch kleine Schnitte der Fall ist.

Das trifft es auch überwiegend, aber nicht immer ist der Zugang durch einen Trokar wirklich minimalinvasiv, weil die Wege zu dem angestrebten Organ trotzdem noch sehr lang sein können und viele Kollateralschäden gesetzt werden können. Nichtsdestotrotz haben moderne Techniken, die es ermöglichen, laparoskopisch zu operieren, die Chirurgie in den letzten 25 Jahren revolutioniert.

Sie gelten überregional als Experte für Viszeralchirurgie, Schilddrüsentherapie und Darmchirurgie. Wie hat sich das entwickelt?
Ich bin, wenn man so will, ein Urgestein. Die damalige Weiterbildungsordnung war so angelegt, dass man zunächst Chirurg, also Allgemeinchirurg wurde. Darauf habe ich die Schwerpunkte Viszeralchirurgie und Unfallchirurgie gesetzt. Die Viszeralchirurgie beschäftigt sich mit den Eingeweiden und umfasst auch die endokrine Chirurgie, insbesondere auch der Schilddrüse. Was die Schilddrüsenchirurgie betrifft, war ich seinerzeit in einer Klinik, in der wir viele Schilddrüsen operiert haben, mitunter mehrere am Tag. Da ist man dann sehr trainiert. 2009 hatte ich die Leitung der Chirurgie an einem Krankenhaus übernommen, das seit den 50er Jahren für seine Schilddrüsenchirurgie bekannt war. Da kam ich entsprechend vorbereitet dorthin und konnte diesen Schwerpunkt recht gut weiterentwickeln. Das andere war, dass ich auch relativ viele gutartige und bösartige Veränderungen am Dick- und Enddarm operiert habe. Daraus ist dann ein gewisser Erfahrungsschatz erwachsen.

Gibt es einen Rat, den Sie Berufsanfängern mit auf den Weg geben möchten?
Ich würde ihnen raten, sich fachlich zu engagieren, aber auch in den Ärztekammern. Diese sind und bedeuten Selbstverwaltung und Gestaltung eines freien Berufes. Sie werden von Berufsanfängern häufig wie Behörden wahrgenommen, die reglementieren und einschränken. Natürlich werden dort zum Beispiel Facharztprüfungen abgehalten. Aber die Form, wie Weiterbildung und Prüfungen stattfinden, wird vom Engagement in der Selbstverwaltung bestimmt.

Man hört viel über den Ökonomisierungsdruck in der Medizin und dem Fehlen einer „Sprechenden Medizin“ in der Praxis. Beeinflusst das Ihre Tätigkeit?
Das beeinflusst meine Tätigkeit in der Tat. Ich bin Krankenhausarzt und Krankenhäuser stehen im Wettbewerb. Diese Entwicklung hat uns die Zeitökonomie beschert. Alles, was man im Krankenhaus tut, was dem Wohle des Patienten dienen soll, wird als Prozess analysiert. Die Prozesse werden rationalisiert und alles herausgekürzt, was nicht unbedingt für das Erreichen bestimmter Genesungsziele erforderlich ist.

Natürlich geht etwas ganz Wesentliches dabei verloren, nämlich die Zeit für das Wort und die Zuwendung „zwischendurch“. Dafür besteht leider nicht mehr so oft die Gelegenheit, obwohl gerade dies den Patienten häufig motiviert. Wir müssen als Ärzte, auch als Chirurgen, die Selbstheilungskräfte des Patienten fördern und das können wir am besten dadurch erreichen, dass wir ihn durch persönliche Zuwendung motivieren.

Gib es Ansätze in Ihrer Abteilung, die dem entgegensteuern?
Wir können die Gesetze des Wettbewerbs nicht auf den Kopf stellen. Aber wir haben bei Paracelsus so etwas wie eine Marke entwickelt. Zu der gehört, dass jeder Patient den Chefarzt mehrfach während seines Aufenthaltes sieht. Man muss sich in diesen straffen Prozessen bemühen, den verbalen Kontakt und die Zuwendung zum Patienten zu pflegen. Daraus erwächst ein Marktvorteil für die Klinik, weil sich das unter den Patienten herumspricht und dies die Patienten in der Auswahl der Paracelsus-Klink bestärkt. So kann man diesen Teufelskreis ein bisschen durchbrechen.

Sie sind seit Beginn des Jahres in der Paracelsus-Klinik tätig. Haben Sie sich schon gut eingelebt?
Ich habe mich sehr gut eingelebt und freue mich, hier zu sein. Die Mitarbeiter sind alle ausgesprochen teamfähig, wir arbeiten sehr gut zusammen und haben eine sehr gute Kommunikationskultur. Man versteht sich und hilft sich gegenseitig. Ich hatte zudem das Glück, einen Oberarzt mitzubringen und kenne den Leiter der Anästhesie bereits von einer früheren Betriebsstätte. Das hat den Vorteil, dass man schon gut eingespielt ist. So kann ich hier unsere Schwerpunkte Schilddrüsenchirurgie, kolorektale Chirurgie, Hernienversorgung und Proktologie gut etablieren. 

Was sollte der ideale Kandidat für Ihre Abteilung mitbringen?
Er sollte beharrlich und teamfähig sein, positiv denken, sowie ein Verständnis für dynamische Prozesse in der Medizin mitbringen. Ein Krankheitsbild ist nichts Statisches, das man heute abfragt und morgen noch genauso ist. Es kann sich spontan verbessern, aber auch mit und ohne Behandlung schlechter werden. Hier braucht es ein Gefühl für diese Dynamik, um zu erkennen, wann man rasch reagieren muss. Zudem ist es mir sehr wichtig, dass meine Mitarbeiter empathisch sind, also sich um den Patienten kümmern und nicht warten, bis der Patient die Fragen stellt.

Wie entspannen Sie privat?
Ich habe Freude am Leben und begeistere mich für viele Dinge. Im Vordergrund steht natürlich meine Familie. Ansonsten verreise ich sehr gerne nach Italien oder mache Motorradtouren, zuletzt in Marokko und in Ladakh im Himalaya. Gartenarbeit finde ich auch ganz entspannend. Das ist nicht ganz so unfallträchtig. Und was mich auch immer interessiert, ist die Auseinandersetzung mit Geschichte.