Schmerzfrei mit Fingerspitzengefühl

Dr. med. Matthias Jaschik, Anästhesist

Jede Behandlung fängt bei Dr. med. Matthias Jaschik, Facharzt für Anästhesie und operative Intensivmedizin, damit an, Vertrauen aufzubauen. Denn selbst wenn sich die Patienten eigentlich darauf verlassen können, dass sie dank ihm und seiner Kollegen während einer Operation – egal ob unter Lokal- oder Vollnarkose – schmerzfrei bleiben, löst eine solche Narkose bei vielen ein mulmiges Gefühl aus. Dieses gilt es mit Feingefühl und guter Beratung zu beruhigen. Der Chefarzt der Abteilung für Anästhesie und operative Intensivmedizin ist aber viel mehr als ein „Narkosearzt“. Er betreut und behandelt überdies auch Intensiv- und Schmerzpatienten.

Was sind die Aufgaben eines Anästhesisten?
Die Anästhesie ist ein sehr vielfältiges Fachgebiet, in dem die Entwicklungen in den letzten Jahren rasant vorangeschritten sind. Das ist nicht mehr wie früher das bloße Narkotisieren der Patienten. Heutzutage geht es in der Anästhesie um viel mehr: gründliche Aufklärung und Untersuchung der Patienten, intensive Überwachung und Begleitung der Patienten durch die Operation, Schmerzvermeidung und kompetente Betreuung der Intensivpatienten. Als Anästhesist webe ich quasi ein Sicherheitsnetz für jeden Patienten.

Die Anästhesie ist demnach enorm gewachsen, was ihre Zuständigkeit angeht?
Ja, dies ist allerdings so und in der Entwicklung betrachtet auch relativ logisch. Als Anästhesisten kennen wir uns besonders gut mit dem Ausschalten von Bewusstsein und Schmerz aus. Auch die künstliche Beatmung während der Narkose oder blitzschnelles Handeln bei Komplikationen während der OP gehören seit jeher zu unserem ärztlichen Alltag. Und das sind exakt die Fähigkeiten, die wir bei der Betreuung von Intensivpatienten benötigen.
Hinzu kommt, dass wir heutzutage häufig schon vor der Operation mit der Gabe von lokal wirksamen Schmerzmitteln beginnen, so dass Schmerzfreiheit beim Erwachen aus der Operation garantiert ist. Dass wir als Anästhesisten auch vornehmlich für die Schmerztherapie hier am Hause verantwortlich sind, ist da nur folgerichtig.

Inwieweit kommen Sie denn überhaupt mit dem jeweiligen Patienten in Kontakt?
Ich habe sehr intensiven Kontakt zu meinen Patienten. Jeder Patient, der entweder stationär oder ambulant hier an der Klinik operiert wird, bekommt vor dem Eingriff eine ausführliche Anästhesieaufklärung samt kompletter Untersuchung. Wir sind als Anästhesisten darauf angewiesen, den Patienten und seine körperliche Verfassung sehr gut zu kennen. Denn nur so können wir das optimale Anästhesieverfahren, die Dosierung der Narkotika und die passende Schmerzmittelgabe definieren. Also untersuchen wir die Patienten zunächst einmal genau. Denn neben der Ursache für die Operation gibt es vielleicht noch andere Grunderkrankungen, die wir feststellen müssen. Eine Herzschwäche oder Herzkranzgefäßverengungen beispielsweise haben Auswirkungen auf die Anästhesie.

Dies muss ich natürlich im Vorfeld wissen. Falls nötig, lasse ich den Patienten zusätzlich vom Kardiologen untersuchen und erst, wenn alle notwendigen Befunde vorliegen, gebe ich mein Okay zur OP. Neben dieser ärztlichen Untersuchung kommen meist auch die Sorgen und Bedenken der Patienten zur Sprache. Da bin ich aufgefordert, den Menschen ihre Ängste zu nehmen und Vertrauen zu schaffen.

Ist denn die Sorge der Patienten berechtigt?
Eigentlich nicht, aber sie ist verständlich. Es geistern leider noch sehr viele Horrorgeschichten durch die Köpfe der Menschen. Ängste, nicht mehr aus der Narkose aufzuwachen oder Folgeschäden zu erleiden, sind immer noch weit verbreitet. Diesen Sorgen begegne ich mit einer gründlichen Aufklärung. Es stehen uns heutzutage allerbeste Techniken zur Verfügung, um den Patienten während der Narkose minutiös zu überwachen. Wir können die Sauerstoffsättigung im Blut messen, per EKG überwachen wir den Herzrhythmus, ein EEG zeigt uns die Hirnströme an. Das ist besonders wichtig, weil wir per EEG sofort merken, wenn die Narkosetiefe nachlässt. Eine verständliche Sorge, die Menschen haben, ist es, mitten in der Operation aufzuwachen. Wir haben ein Maximum an Kontrolle und können sehr schnell auf mögliche Komplikationen reagieren. Und um Schmerzen nach der OP gar nicht erst zuzulassen, bekommt jeder Patient, ob ambulant oder stationär operiert, eine individuelle Schmerztherapie.

Wie sieht eine solche Schmerztherapie aus?
Es stehen unterschiedliche Verfahren zur Verfügung. Das reicht von der einfachen Gabe eines Schmerzmittels bis zur gezielten Betäubung bestimmter Nervenbündel. Eine solche Regionalanästhesie wenden wir schon während der Vollnarkose an, d. h. wir schalten gezielt das Schmerzempfinden beispielsweise an der Schulter aus. Das geschieht mittels Katheter am Hals, dort schalten wir das Armnervengeflecht aus, mit der Folge, dass der Patient auch nach dem Aufwachen keine Schmerzen an der operierten Schulter verspürt. Bei größeren und besonders schmerzhaften Eingriffen bekommt der Patient eine so genannte Schmerzpumpe, mit der er in den ersten Tagen nach der Operation selbst die Zufuhr von Schmerzmitteln bestimmen kann.

Schon vor dem Eingriff ermitteln wir das individuelle Schmerzempfinden des Patienten, denn Schmerz ist eine sehr individuelle Sache und wird ganz unterschiedlich wahrgenommen. Gemeinsam mit unseren auf Schmerzbehandlung spezialisierten »Pain Nurses« führen wir zweimal täglich Schmerzvisite auf den Stationen durch. Es muss also an unserem Haus niemand unnötig Schmerzen erdulden, was wiederum kontraproduktiv für den Heilungsprozess wäre. Weiterhin lege ich sehr viel Wert darauf, dass auch wirklich alle Pflegekräfte auf den Stationen, auch das Nachtpersonal, schmerztherapeutisch geschult sind.


Wie sind Sie zu diesem »betäubend« spannenden Fachgebiet gekommen?
Als ich 1988 meine Approbation erhielt, gab es ein Überangebot an Ärzten. Ich hätte mir eigentlich gut vorstellen können, Chirurg zu werden, aber ich wollte auch unbedingt wohnortnah arbeiten und da gab es zu der Zeit kein Angebot. Also nahm ich eine Stelle in der Anästhesieabteilung eines Großklinikums an. Und diese Entscheidung habe ich keinen Tag bereut. Es ist ein sehr spannender ärztlicher Alltag als Anästhesist. Es passiert jeden Tag etwas Anderes, ständig müssen wir außergewöhnliche Situationen meistern und wir sehen Patienten aus allen Fachgebieten der Medizin. Dass wir auch für die Intensiv- und Notfallpatienten zuständig sind, bedeutet schnelles, flexibles Agieren. Das Handwerkszeug dafür, wie zum Beispiel eine Thoraxdrainage zu legen, Patienten zu intubieren und künstlich zu beatmen oder die Patienten genauestens zu überwachen, bringen wir als Fachärzte für Anästhesie mit.

Sie sprechen viel von »wir«?
Ja, ein guter Anästhesist ist immer ein guter Teamplayer. Er muss eng mit dem Operateur zusammenarbeiten, um den Patienten gut durch die Operation zu bringen. Während der OP-Vorbereitung ist oft der Austausch mit fachärztlichen Kollegen erforderlich, um eventuelle internistische Erkrankungen beurteilen zu können. Und ohne die Fachpflegekräfte der Anästhesie, im Operationssaal und auf der Station können Sie als verantwortlicher Arzt gar keine angemessene Versorgung gewährleisten, da ist ganz intensive Zusammenarbeit nötig.