Herz mit ganzem Herzen

Dr. med. Thomas Reisinger

Bei keinem anderen Organ führen Funktionsstörungen so schnell zu lebensbedrohlichen Zuständen wie beim Herzen. Kein Wunder, dass viele Mediziner eine gewisse Scheu haben, was die Therapie von Herzerkrankungen anbelangt. Nicht so Dr. Thomas Reisinger, niedergelassener Kardiologe in der Paracelsus-Praxisklinik Bad Ems. Gerade weil er in seinem Fach wortwörtlich am "Puls des Lebens" ist, liebt er es so.

Guten Abend, Herr Dr. Reisinger - hatten Sie heute einen anstrengenden Arbeitstag?

Dr. Reisinger: Guten Abend. Ja, anstrengend schon - aber dafür auch sehr erfüllend.

Was beschäftigte Sie heute am meisten?


Dr. Reisinger: Heute Mittag brachte der Notarzt eine 51-jährige Frau mit einem schweren akuten Vorderwandinfarkt. Sie hatte einen kardiogenen Schock mit Asystolien. Wir haben rasch einen Schrittmacher platziert und einen Stent in das verschlossene Gefäß gesetzt. Das hat ihr das Leben gerettet!

Haben Sie solche Fälle häufiger?

Dr. Reisinger: Ja, etwa zwei bis drei Mal pro Woche.

Das muss ein schönes Gefühl sein, so oft Leben retten zu können.

Dr. Reisinger: Deshalb liebe ich meinen Beruf auch so sehr. Als Kardiologe kann ich viele Patienten durch eine rasche Intervention aus einer lebensgefährlichen Situation befreien.

Seit wann interessieren Sie sich für die "Herzensangelegenheiten" Ihrer Patienten?

Dr. Reisinger: Dass ich Kardiologe werden wollte, merkte ich schon früh im Studium. Das Herz hat mich mit seiner speziellen, lebenswichtigen Rolle im Körper von Anfang an fasziniert.

Direkt nach Ihrer Approbation schlugen Sie aber zunächst einen anderen Weg ein: Sie bewarben sich für eine AiP-Stelle in der Chirurgie ...


Dr. Reisinger: Das stimmt. Als ich 1989 mein Studium beendete, war es nicht einfach, eine Stelle zu bekommen. Man musste froh sein, wenn man überhaupt angestellt wurde! Manche junge Kollegen arbeiteten sogar ohne Gehalt. Ich hatte Glück und konnte wenige Wochen nach meinem Examen anfangen. Dies lag vielleicht mit daran, dass ich den Chef kannte: Er hatte mich als Kind operiert.

Sie mussten als Kind mehrmals operiert werden und lagen lange im Krankenhaus. Hat Sie der Arztberuf nicht abgeschreckt?

Dr. Reisinger: Im Gegenteil: Ich hatte damals das Gefühl, dass die Ärzte mir viel halfen. Also wollte ich später auch so ein Arzt werden.

Nach dem Abitur lebten Sie ein Jahr im Kloster. Wollten Sie eine Zeit lang nicht nur Arzt, sondern auch Mönch werden?

Dr. Reisinger: Ich spielte mit dem Gedanken, Medizin zu studieren und im Kloster zu leben. Als Jugendlicher verbrachte ich viel Zeit mit einem charismatischen Augustiner-Pater. Der Hauptsitz dieses Ordens ist in Wien - also ging ich dorthin. Dann kehrte ich dem Kloster aber den Rücken - mir gefiel die Einstellung des damaligen Papstes nicht.

Ihre Chirurgenkarriere brachen Sie nach ein paar Monaten ab. Warum?

Dr. Reisinger: Ich bin Linkshänder. Sehr rasch merkte ich, dass die Instrumente für Rechtshänder hergestellt wurden. Ich wusste, dass ich nie ein guter Chirurg werden würde. Wenn ich aber etwas mache, will ich es richtig machen. Als ich dann eine Stelle bei den Anästhesisten bekam, zog ich das bis zum Facharzt durch. Danach konzentrierte ich mich voll auf die Ausbildung zum Kardiologen.

Ihre "Spezialität" wurden die Herzrhythmusstörungen. Was fasziniert Sie an diesem Gebiet?


Dr. Reisinger: Die meisten Rhythmusstörungen können wir heilen, und der Patient ist danach häufig komplett gesund. Andere kardiologische Leiden lassen sich dagegen nur vorübergehend behandeln: Bei einem Infarkt kann ich zwar das Gefäß aufdehnen und einen Stent einsetzen. Aber meist sind bei dem Patienten auch andere Gefäße verengt. Es kommt zu einem Re-Infarkt oder zu Gefäßverschlüssen an anderen Körperstellen. Eine Re-Entry-Tachykardie zu behandeln ist dagegen sehr befriedigend: Ein Stromstoß und der Patient ist gesund!

Hört sich einfach an - ist es das auch?

Dr. Reisinger: Natürlich braucht eine Katheterablation einige Übung. Im Prinzip muss man aber tatsächlich nur den Erregungskreis aufsuchen, einen Strom-stoß setzen und die kreisenden Erregungen sind unterbrochen. Noch bis zur Jahrtausendwende hat man bei Re-Entry-Tachykardien oder Vorhofflattern Medikamente gegeben - heute behandeln wir das mit einem Stromschlag. Die Ablationstherapie ist sehr erfolgreich: Noch heute schreiben mir Patientinnen, die wegen Frequenzen bis 200 nicht in die Disco gehen konnten. Nach der Behandlung konnten sie wieder an allen Partys teilnehmen ...

An Ihrem letzten Wirkungsort hatten Sie viele junge Patienten. Nun arbeiten Sie in der Paracelsus-Praxisklinik in Bad Ems. Hier haben Sie vor allem ältere Patienten. Bedauern Sie das?

Dr. Reisinger: Oh, auch ältere Damen sind sehr charmant und flirten gerne! Mehr noch schätze ich aber das Konzept der Klinik: Mein Kollege und ich arbeiten als selbstständige Kardiologen in einer Praxis und können selbst bestimmen. Die Praxis befindet sich aber direkt im Krankenhaus - ähnlich wie in angelsächsischen Ländern. Wir behandeln in etwa die Hälfte unserer Zeit wie andere niedergelassene Kardiologen Patienten mit "üblichen" ambulanten Problemen wie Blutdruckeinstellung oder Abklärung einer Angina. In der übrigen Zeit beschäftigen wir uns mit stationären Patienten oder führen Eingriffe wie Katheterisierungen durch. 20 Meter neben unserer Praxis ist die Intensivstation - so sind wir im Notfall jederzeit zur Stelle. Ich bin gleichzeitig Niedergelassener und Klinikarzt - das ist unglaublich spannend!

Sie haben dadurch aber vermutlich keine geregelten Arbeitszeiten.

Dr. Reisinger: Das stimmt. Ich fange meist gegen 7 Uhr an und komme selten vor 22 Uhr nach Hause.

Wie reagiert Ihre Familie darauf?

Dr. Reisinger: Ich habe das große Glück, dass meine Frau versteht, wie wichtig mein Beruf für mich ist. Sie arbeitet freiberuflich als Musikerin - manchmal spielen wir beide abends Geige zur Entspannung. Unsere beiden Söhne zieht meine Frau quasi alleine auf. Das stört mich - aber ich muss es akzeptieren. Schließlich habe ich mir diesen Beruf ausgesucht. Behandlungen in der invasiven Kardiologie kann man meiner Meinung nach nur mit vollem Engagement und Einsatz machen, halbherzig geht das nicht.

Was können wir in den kommenden Jahren in der Rhythmologie erwarten?

Dr. Reisinger: Bislang führen wir die Katheterablation standardmäßig nur bei Patienten mit Re-Entry-Tachykardie durch. Aber in Zukunft wird man auch andere Herzrhythmusstörungen routinemäßig mit einer Ablation behandeln. Eine tolle Sache ist das 3D-Mapping: Damit kann man Rhythmusstörungen einfacher und besser lokalisieren. Hierbei erfasst ein Computer elektrische Signale aus dem Herzen und erstellt daraus ein 3D-Modell des Herzrhythmus.

Wenn Sie täglich so oft am lebenswichtigen Organ hantieren - haben Sie nie Angst, Fehler zu machen?

Dr. Reisinger: Doch, natürlich. Ich denke, das hat jeder Kardiologe - auch wenn er noch so erfahren ist. Wichtig ist, die eigenen Grenzen zu erkennen. Es gab schon Situationen, in denen ich mir überlegte: Wäre der Patient noch am Leben, wenn ich es anders gemacht hätte? Glücklicherweise ist mir nie ein Fehler unterlaufen, der nicht hätte passieren dürfen.

Würden Sie Ihren Söhnen empfehlen, Medizin zu studieren?

Dr. Reisinger: Sie würden es vermutlich nicht machen wollen. Aber ja! Es ist das Beste, was sie machen könnten. Der Dank der Patienten ist nicht mit Geld zu bezahlen. Nur wenige Menschen haben das Glück, in der täglichen Arbeit so viel Sinn zu finden und wirklich gebraucht zu werden. Allerdings braucht man für den Arztberuf auch viel Idealismus.

Was genau meinen Sie damit?

Dr. Reisinger: Ein Arzt muss immer bereit sein, zu helfen - auch wenn er müde ist, Hunger hat, nicht will oder nicht kann. Man kann es auch so ausdrücken: Als Arzt braucht man viel Nächstenliebe.

Was raten Sie angehenden Ärzten?

Dr. Reisinger: Seien Sie immer kritisch sich selbst gegenüber. Als Arzt muss man genau und exakt arbeiten können. Ich hasse "Luschigkeiten" im Sinne eines "Das passt schon so". Das fängt bei der Patientenaufnahme an und endet beim Arztbrief. Das versuche ich auch immer meinen jungen Mitarbeitern zu sagen: Es geht hier nicht um "irgendwelche Projekte", sondern um Menschen.

Zur Person

Dr. med. Thomas Reisinger ist in Stuttgart geboren und aufgewachsen. In Wien hat er Medizin studiert und parallel zwei Semester Musik belegt. Nach seinem Abschluss 1989 arbeitete er zunächst ein Jahr im Marienhospital Stuttgart in der Chirurgie und wechselte dann in die Anästhesie, wo er seine erste Facharztausbildung absolvierte. Danach machte er seinen Facharzt in Innerer Medizin und wurde nach einigen Jahren am Herzzentrum Leipzig und der Zentralklinik Bad Berka Kardiologe. Dr. Reisinger spezialisierte sich auf Elektrophysiologie und Rhythmologie des Herzens und sammelte Erfahrungen als leitender Oberarzt der Elektrophysiologie im St. Marien-Krankenhaus in Siegen. Seit sechs Jahren leitet er gemeinsam mit Dr. Michael Faßbach und Dr. Reinhard Münzel die Gemeinschaftspraxis und Praxisklinik in der Paracelsus-Klinik Bad Ems. Der Kardiologe lebt in der Nähe von Bad Ems, er ist verheiratet und hat zwei Söhne.

Via medici Ausgabe 1.10