Jägerin der Resistenten

Dr. med. Katharina Hendrich Krankenhaushygienikerin, Fachärztin für Dermatologie

Was tun eigentlich Hygieniker? Sterilisieren, desinfizieren... Was soll daran interessant sein? Wir ließen uns von Dr. med. Katharina Hendrich aufklären: Die Hygieneärztin in der Paracelsus-Klinik Reichenbach im Vogtland erzählt von ihrer Arbeit als Keim­jägerin - und warum die Hygiene gerade für junge Mediziner ein heißer Tipp ist.

Dr. Hendrich ist eine energische Verfolgerin von Viren und Bakterien. Dazu gehört auch, dass sie mit Argusaugen darüber wacht, ob Oberflächen von Möbel, Böden und Geräten eine potenzielle Heimstatt für pathogene Keime abgeben.

Frau Dr. Hendrich, Sie sind ja Hygienikerin. Begonnen haben Sie aber als ...

... Gynäkologin, genau. Nach dem Studium begann ich die Ausbildung zum Facharzt für Frauenheilkunde. Leider musste ich aber feststellen, dass ein Familienleben damit nur schwer möglich ist. Deshalb wechselte ich zur Dermatologie. Dort gibt es geregelte Dienste, anders als in der Gyn. Wissen Sie: Kinder kommen seltsamerweise immer nachts zur Welt ...

Wie gelangten Sie dann zur Hygiene?

Durch Zufall! Ich führte eine dermatologische Praxis in Dessau, als mein Mann ein Angebot zum Chefarzt in Plauen annahm. Ich blieb noch zehn Jahre mit meiner Tochter in Dessau, bis mir eine Stelle als Hygieneärztin im Vogtland angeboten wurde.

Wie lief der Wechsel von der Dermatologie zur Hygiene ab?

Ich absolvierte die Ausbildung im Rahmen des damals neuen Curriculums der Deutschen Gesellschaft für Mikrobiologie und war somit Pionierin auf dem Gebiet. Seit gut einem Jahr bin ich nun Hygieneärztin in der Paracelsus-Klinik in Reichenbach. Ehrlich gesagt hatte ich anfangs eine Abneigung gegen die Hygiene. Heute mache ich diesen Job aber sehr gerne. Vor allem die infektiologische Seite und den Kampf gegen multi-resistente Erreger finde ich unglaublich spannend.

Warum würden Sie Ihr Fach Medizinstudenten empfehlen?

Der Staat hat die Akquirierung von Hygienemedizinern zur Chefsache erklärt. Es mangelt an Fachkräften, weshalb man fast bettelnd umworben wird.

Weitere Vorteile sind die ausgewogene Mischung aus mikrobiologischer Theorie und praktischen Tätigkeiten, sowie die Familienfreundlichkeit: Ein Hygienearzt hat einen geregelten Tag und keine Wochenenddienste.

Ist die Arbeit eines Hygienikers denn nicht eintönig?

Im Gegenteil: Ich bin oft im OP, um die Hygiene dort zu kontrollieren, begleite Visiten und berate Kollegen bei Antibiotika-Behandlungen. Gerade das Interdisziplinäre finde ich toll: Ich betreue die gesamte Hygieneproblematik der Klinik, ob in der Küche oder auf der Intensivstation.

Multiresistente Keime, wie MRSA - "Methicillin Resistenter Staphylococcus Aureus" - sind ein großes Problem der Kliniken. Wie kann man die Situation verbessern?

Zum einen in der baulichen Konzeption. Intensivstationen sollten nur aus Einzelboxen bestehen. Sehr wichtig sind auch qualifizierte Fachkräfte, denn Dummheit schafft Angst. Zuletzt spielt das Gesamtequipment eine große Rolle. Eine Klinik muss mit hochwertigen, antiseptischen Materialien wie Edelstahl ausgestattet sein. Holz hat hier nichts verloren.

Welche Erreger bereiten Ihnen noch Kopfzerbrechen?

Vor allem Keime mit Carbapenemasen verbreiten sich extrem schnell und weitläufig. Diese Enyzme reduzieren die Wirkung von Antibiotika und stellen bei den gramnegativen Bakterien im Moment eine der bedrohlichsten Resistenzentwicklungen dar.

Skandinavische Kliniken screenen alle Neuaufnahmen auf multiresistente Keime. Warum wird dies hierzulande nicht so gehandhabt?

In unserer Klinik machen wir ein risikostratifizierendes Screening: Wir stellen Neuankömmlingen eine Reihe von Fragen und beurteilen daran ihr Risiko, MRSA zu tragen: Wann war der letzte Klinikaufenthalt? Sind Sie Diabetiker? Besteht Kontakt zur Schweinezucht? Erst wenn der Patient einmal mit "ja" antwortet, untersuchen wir ihn auf eine Besiedelung mit multiresistenten Erregern. Dies ist viel effektiver - und billiger.

Reichenbach ist ein kleines Städtchen. Sehen Sie in der ländlichen Gegend eher Vor- oder Nachteile?

Natürlich sind Großstädte für junge Menschen reizvoller. Es mangelt uns deshalb tatsächlich an Fachkräften. Doch unsere Klinik ist zwar klein, aber fein! Alles ist viel persönlicher. Dadurch klappt auch die Kontrolle besser. Ob die Hygiene in großen Häusern besser ist, wage ich zu bezweifeln. Dort kann eines auf den anderen geschoben werden, weil man sich untereinander nicht kennt.

Können Sie daheim noch Dreck sehen, oder wird man durch den Beruf zum Hygienefanatiker?

Oh nein! Haushalt zählte noch nie zu meinen Stärken. Wohnungen müssen nicht immer perfekt aufgeräumt sein, man lebt ja darin! Nur Bad und Küche müssen bei mir blitzen - aber das war schon immer so.

Zur Person

Dr. med. Katharina Hendrich kommt in Reichenbach im Vogtland zur Welt. Schon als Kind will sie Medizin studieren und geht dafür 1977 an die Martin-Luther-Universität in Halle-Wittenberg. Nach der Geburt ihrer Tochter und drei Jahren Elternzeit beginnt sie 1987 die Facharztausbildung zur Dermatologin in Plauen. 1996 zieht sie mit ihrem Mann nach Dessau und übernimmt dort eine dermatologische Praxis. Dieser kehrt kurz darauf für eine Chefarztstelle nach Plauen zurück, wohin sie ihm aber erst 2009 folgen kann. Sie bildet sich nach den Vorgaben der Deutschen Gesellschaft für Hygiene und Mikrobiologie zur Krankenhaushygienikerin fort. Diese Aus­bildung umfasst eine Reihe von Modulen, u.a. Grundlagen der Mikrobiologie und Organisation der Hygiene. Dazu absolviert sie Kurse in "Antibiotic Stewardship", organisiert durch das Gesundheits­ministerium zur Optimierung der Antibiotikaeinsätze. 2012 wechselt sie an die Paracelsus-Klinik Reichenbach und übernimmt dort die Leitung der Krankenhaushygiene. Diese schließt die Betreuung von fünf Kliniken ein. Nach zehn Jahren Fernbeziehung leben sie und ihr Mann, Chefarzt für Anästhesie, Intensiv- und Palliativmedizin, nun in Plauen.

Als „Anwalt der Patienten“ sorgt Dr. Hendrich dafür, dass sie nicht kränker gehen, als sie in die Klinik kommen.

ViaMedici Ausgabe 5.13