Meister der Schallkunst

Dr. med. Dirk Seeler, Gastroenterologe

Wenn dieser Mann einen Schallkopf in die Hand nimmt, verwandelt sich das Gerät in eine Art drittes Auge. Dr. Dirk Seeler, Chefarzt der Inneren Abteilung der Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg, ist leidenschaftlicher Diagnostiker und ein Verfechter der „sonografischen Kunst“. Sein Credo: Sonografie ist kein Hexenwerk. Jeder kann ein guter „Schaller“ werden. Alles, was man braucht, ist ein gutes Gerät, fundiertes Basiswissen – und einen guten Lehrer. Er ist sicher einer der besten.

Herr Dr. Seeler, was gab eigentlich den Ausschlag dafür, dass Sie Internist geworden sind?

Dr. Seeler: Meine Körpergröße. Als Student wusste ich, dass ich auf jeden Fall eines der großen Fächer machen möchte – also entweder Innere oder Chirurgie. Welches, war zunächst völlig offen. Aber dann musste ich im PJ mit  meinen 2,03 m einem sehr kleinen Chirurgen assistieren. Über Stunden stand ich mit gekrümmtem Rücken am Tisch. Da dachte ich mir: So lange immer wieder gebückt am OP-Tisch stehen – das halte ich nicht durch. Also hab ich mich für die Innere entschieden.

Wie sind Sie dann zur Gastroenterologie gekommen?

Dr. Seeler: Über Umwege. Davor war ich zum Beispiel in der Psychiatrie. Dortgab es Stellen, und ich war froh, überhaupt als Mediziner arbeiten zu können. Im Nachhinein gesehen, hat sich das aber echt gelohnt. Internistische Patienten leiden oft auch unter psychischen Problemen, und es gibt psychiatrische Krankheiten, die internistische Symptome hervorrufen. Später habe ich dann eine Stelle in der Gastroenterologie bekommen. Die technische Seite des Fachs und dass man auch handwerklich arbeitet, hat mir sofort gut gefallen. Zudem wurde damals das Spektrum der Endoskopie immer breiter. Das fand ich sehr reizvoll.

Heute gehört die Endoskopie zu Ihren Schwerpunkten. Was hat sich seither verändert?


Dr. Seeler: Vieles von dem, was man früher operieren musste, lässt sich heute endoskopisch versorgen. Heute können wir mit dem Endoskop sogar Organgrenzen überschreiten. Wenn sich bei Bauchspeicheldrüsenentzündungen Nekrosen bilden, kann man ein Loch
in die Magenwand stechen und das abgestorbene Material vorsichtig in den Magen hinein abtragen. Das ist wesentlich schonender für den Patienten als
eine OP. In infizierte Zysten kann man Drainagen legen. Auch das hätte man  früher operiert. Ein weiterer Fortschritt ist, dass man Stents in Speiseröhre, Gallenwege oder Darm legen kann. Patienten, die an einem inoperablen Speiseröhrentumor erkrankt sind, können so wieder schlucken.

Können Sie per Endoskop im Kolon auch breitbasig aufsitzende Polypen entfernen?

Dr. Seeler: Ja, das geht. Dazu spritzen wir zwischen die  Schleimhaut und die  untere Wandschicht des Polypen eine Lösung, so dass sich der Polyp von den
tieferen Wandschichten abhebt. Dann kann ich ihn mit einer Elektroschlinge Stück für Stück abtragen. Dabei muss man sehr präzise arbeiten. Die Herausforderung  ist, die Darmwand nicht zu perforieren und den Polypen trotzdem vollständig zu entfernen.

Ihr zweiter großer Schwerpunkt ist die Sonografie. Als DEGUM-Ausbilder* leiten Sie auch junge Ärzte an. Was ist Ihnen dabei am wichtigsten?

Dr. Seeler: Kontinuierliche Anleitung, ein gutes Gerät und ein guter Ausbilder sind das A und O. Im Ultraschall haben wir das Problem, dass ihn sehr viele
Leute durchführen, aber extrem wenige auf hohem Niveau beherrschen. Zu Beginn meiner eigenen Ausbildung hat jeder ein paar Tage zugeguckt und
letztendlich der Einäugige den Blinden angelernt.


*DEGUM: Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin

Später hatte ich dann einen exzellenten Ultraschalllehrer, der mir sehr genau und konsequent erklärt hat, worauf es ankommt. In dieser Zeit habe ich viel mehr gelernt. Das versuche ich auch meinen jungen Kollegen zu geben. Sie sollen möglichst viele Befunde
sehen und nachvollziehen lernen. Es reicht nicht, die Befunde nur zu besprechen, sondern man muss wirklich bei der Untersuchung dabei sein. Das braucht natürlich Zeit, aber die ist gut investiert, denn am Ende werden das alles gute Untersucher.

Was lernt man als Anfänger zuerst?

Dr. Seeler: Zunächst muss man lernen, ein gutes Bild darzustellen. Dazu gibt es ein paar Kniffe, zum Beispiel den Patienten anders zu lagern. Dann kommt das Schwierigere, nämlich das Bild zu interpretieren. Dazu braucht man eine Datenbank mit allen Befunden im Kopf. Sie müssen alles schon einmal gesehen haben, denn Sie können nichts erkennen, was Sie nicht kennen. Das Erste, was Anfänger sehen, sind meist Gallensteine, denn die sind häufig und gut zu erkennen.

Welche signifikanten Fortschritte gab es in letzter Zeit in der Ultraschalltechnik?

Dr. Seeler: Seit es Ultraschall gibt, sind Bildauflösung und Rechenleistung immer besser geworden. Dieser Trend wird sich fortsetzen. Eine wichtige Neuerung, die erst in den letzten acht bis zehn Jahren eingeführt wurde, ist die Kontrastmittelsonografie.

Warum hat es so lange gedauert, bis Kontrastmittelsonografie möglich wurde?

Dr. Seeler: Unter anderem, weil es sich als extrem diffizil erwiesen hat, ein geeignetes Kontrastmittel zu finden. Relativ schnell war klar, dass sich als Kontrastmittel kleine Gasbläschen eignen, die für den Ultraschall als Reflektoren wirken. Schwierig war, diese „Microbubbles“ so stabil zu machen, dass sie möglichst lange in der Blutbahn bleiben. Nachdem man das geschafft hatte, stellte man fest, dass die Bläschen die Lunge nicht passieren können. Wenn man sie in die Vene gespritzt hat, sind sie abgeatmet worden und nicht in den Bauchorganen angekommen. Sobald das Problem der Lungengängigkeit gelöst war, hat man mit Gasbläschen experimentiert, die durch den Ultraschallimpuls zum Platzen gebracht werden. Dadurch entsteht ein Signal, aus dem das Gerät ein Bild errechnen kann. Ungünstig ist dabei, dass ich mit dem Schallkopf nur einmal über ein Organ fahren kann, dann sind die Bläschen zerstört. Heute arbeitet man mit sehr niedriger Schallenergie, die die Bläschen zu Schwingungen anregt. Damit kann die mögliche Untersuchungszeit deutlich verlängert werden.

Welche Untersuchung profitiert am meisten von der Kontrastmittelsonografie?

Dr. Seeler: Wir können zum Beispiel hervorragend erkennen, wie ein Tumor durchblutet ist. Man sieht, wie das Kontrastmittel anflutet, in welche Gefäße es
fließt und wie rasch es wieder abflutet. Diese Informationen helfen dabei, Tumorgewebe von gesundem Gewebe zu unterscheiden.

Könnte man viele  CTs ersetzen, wenn Ärzte besser im Ultraschall ausgebildet wären?

Dr. Seeler: Im Moment ist es so, dass viele Kollegen, wenn sie im Basisultraschall etwas Verdächtiges sehen, gleich eine CT oder eine  MRT anordnen. Das hängt damit zusammen, dass es viele unerfahrene Untersucher gibt,  die auf preiswerten Geräten schallen. Dabei darf man aber nicht vergessen, dass die CT mit einer Strahlenbelastung verbunden ist und die MRT
lange dauert und teuer ist. Besser wäre folgendes Vorgehen: Die Untersucher mit geringerer Erfahrung sortieren die Befunde zunächst vor. Findet ein Kollege
dabei etwas Auffälliges, sollte er die Patienten in eine Klinik schicken, in der sich Spezialisten mit modernen Geräten die Situation nochmals genau anschauen – also zum Beispiel zu uns. Auf diese Weise könnte
man sicher viele CTs und MRTs vermeiden.

Ihre Klinik in Henstedt ist eher ein kleines Haus. Sehen Sie das als Vorteil oder als Nachteil?

Dr. Seeler: Ich arbeite wirklich sehr gerne an einem kleinen Haus. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit geht schneller und direkter. Man muss sich nicht über irgendwelche Zuständigkeiten streiten. Das hat für die Patienten natürlich Vorteile: Wenn therapeutische oder diagnostische Fragestellungen endoskopisch nicht gelöst werden können, muss ich den Patienten nicht
heimschicken, sondern ich kann den Chirurgen mit einbeziehen, und er kann sich den Patienten gleich ansehen. Das klappt hier sehr gut. Unser Haus hat im
übrigen neben der Regelversorgung Spezialisierungen entwickelt. Wir haben ein Brustzentrum und – seit kurzem – ein interdisziplinäres Bauchzentrum.

Was hat Sie in Ihrer bisherigen Laufbahn als Arzt besonders geprägt?

Dr. Seeler: Die Arbeit mit Tumorpatienten. Oft begleite ich Patienten sehr lange durch Phasen, in denen es ihnen mal besser und dann wieder sehr schlecht geht. Die Diagnose Krebs ist mit unwahrscheinlich viel Angst besetzt. Die meisten Patienten gehen dann davon aus, bald zu sterben. Das ist bei manchen Tumoren berechtigt, bei anderen aber nicht. Die Kommunikation ist deshalb sehr wichtig, aber nicht immer einfach. Ich empfinde es als sehr schwierig, die richtige Balance zu halten. Einerseits möchte ich für den Patienten da sein, empathisch auch über den medizinischen Bereich hinaus, und andererseits muss man eine rationale Sicht der Dinge bewahren.

Was geben Sie Ihren jungen Kollegen mit auf den Weg?


Dr. Seeler: Wenn Sie den Ärzten heute Techniken wie CT, Ultraschall und Endoskopie wegnehmen würden, könnte kaum mehr einer eine vernünftige Diagnose erstellen. Kein Wunder: Man auskultiert das Herz nicht, sondern  man  macht  eine  Echokardiografie.  Man macht sich keine Gedanken, ob der Patient Gallensteine haben könnte, sondern man guckt nach. Die Tendenz geht dahin, dass man quasi gleich zur Begrüßung eine CT macht. Dabei sollte es umgekehrt sein. Machen Sie die gründliche Anamnese und klinische Untersuchung zum Grundstein für die Entscheidung, welche apparative Diagnostik eingesetzt werden soll! So herum macht’s auch mehr Spaß!

Zur Person

Dr. med. Dirk Seeler ist 1969 in Hamburg geboren und hat in Kiel Medizin studiert. Nach seinem Abschluss 1995 absolvierte er seine Assistenzarztausbildung in der
Nephrologie, in der Psychiatrie, in einer Lungenklinik, auf der Kardiologie und
in der Gastroenterologie. Währenddessen arbeitete er nebenbei als Notarzt unter anderem für das Hamburger Intensivmobil. Ab 2005 arbeitete er als Oberarzt in der Gastroenterologie im AK Harburg. Seit November 2009 ist er nun Chefarzt in der Abteilung für Innere Medizin der Paracelsus-Klinik Henstedt-Ulzburg nördlich von Hamburg. Zeit Notarzt zu fahren hat er nun nicht mehr – dafür widmet er sich jetzt voll und ganz der Aufgabe, an seiner Klinik ein Bauchzentrum aufzubauen. Der junge Chefarzt ist verheiratet und lebt in Henstedt-Ulzburg, wo er einst Abitur gemacht hat.

Buchtipp

Für Schallfüchse
„Das lerne ich nie!“ ist die Reaktion vieler junger Mediziner, wenn sie zum ersten Mal einen Schallkopf in die Hand nehmen und versuchen einen Oberbauchbefund zu erheben. In solchen Situationen ist der Sono-Trainer von Berthold Block eine empfehlenswerte Lektüre. Mit diesem reich bebilderten Ultraschall-Kurs in Buchform werden Sie in kurzer Zeit vom „Blindfuchs“ zum „Schallfuchs“.

Via medici Ausgabe 5.10