Mit klarem Blick den Schmerz durchschauen

Dr. med. Désirée Herbold

Chronische Rückenschmerzen gehören hierzulande zu den Volkskrankheiten. Dass die Schmerzen im Rücken oft eher psychische als körperliche Ursachen haben, weiß Chefärztin Dr. Désirée Herbold aus jahrzehntelanger Erfahrung. Die Fachärztin für Orthopädie und Physikalische und Rehabilitative Medizin mit Zusatzqualifikation Schmerztherapie ist Expertin für Bewegung. Und bei Dr. Désirée Herbold bedeutet Bewegung immer auch Veränderung des Verhaltens.

Was zeichnet Ihren Behandlungsansatz aus?

Lassen Sie es mich so sagen: Die Patienten lernen mit unserer Hilfe eine neue Haltung. Und das ist nicht körperlich gemeint, sondern bezieht sich eher auf den Umgang mit den chronischen Schmerzen. Viele unserer Patienten sind schon seit Jahren von Arzt zu Arzt und von Spritze zu Massage zu Fangopackung und zurück unterwegs. Alles Mögliche haben diese Menschen an Therapien unternommen, aber die Schmerzen sind immer noch da. Wer diese passiven Therapieansätze erwartet, den muss ich enttäuschen.

Mit welcher Erwartung kommen die Patienten denn zu Ihnen?

Nun, viele Menschen betrachten uns zunächst als eine Art Reparaturwerkstatt. Sie begeben sich in unsere Hände und erwarten, nach drei Wochen runderneuert unser Haus wieder zu verlassen. Wir sollen etwas mit ihnen machen, wir jedoch fordern die Patienten auf, selbst etwas zu tun. Und das bedeutet zunächst einmal, Verantwortung für den Schmerz zu übernehmen, denn der Schmerz wird ja schließlich nicht von außen gemacht. Wir möchten unseren Patienten gerne zeigen, dass sie selbst ganz viel  dazu beitragen können, ob Schmerzen ihr Leben dominieren oder eben nicht.

Wie sieht das aus - Verantwortung übernehmen?

Unser Ansatz beruht auf einem verhaltentherapeutischen Konzept, die so genannte "Verhaltensmedizinische Orthopädische Rehabilitation" (VMO). Wir waren eine der ersten Kliniken, die dieses Konzept im Jahr 2003 etablierten und seitdem immer weiterentwickelt haben. Für das Gebiet VMO sind wir Pioniere, vieles, was in Bad Gandersheim entwickelt wurde, ist in die Richtlinien der deutschen Rentenversicherung zu diesem Behandlungsansatz eingeflossen, die kürzlich herauskamen. Es geht darum, das Verhalten der Patienten positiv zu verändern. Zunächst schaffen wir ein Bewusstsein dafür, in welchen Situationen der Schmerz auftritt, welche Gefühle dabei eine Rolle spielen, wie der Betreffende mit dem Schmerz umgeht. Ist er eher der Typ "Augen zu und durch" oder vermeidet er angstvoll jede Bewegung, die Schmerzen verursachen könnte?

Und was tun die Patienten konkret während ihres Aufenthaltes?

Die Patienten sind vom Aufnahmetag an Teil einer Gruppe. Es entsteht sehr viel Vertrauen und Offenheit durch eine solch stabile Gruppe, in der sich die Patienten auch gegenseitig ihr Verhalten spiegeln können. Wenn dem Einzelnen klar wird, dass er selbst etwas an den Schmerzzuständen verändern kann, dann kommt wirklich Bewegung in die Sache. Ergänzt werden die Gespräche und Reflexionen durch spezielle Sporttherapie, Progressive Muskelentspannung nach Jacobson, Qi Gong und Feldenkrais. Soweit medizinisch angezeigt bieten wir darüber hinaus Akupunktur oder eine individuell angepasste medikamentöse Schmerztherapie an. Ganz wichtig ist mir dabei, dass die Patienten Vorschläge und Anleitung bekommen, wie sie das Erlernte auch nach der Reha in ihrem Alltag umsetzen können.

Für eine Fachärztin für Orthopädie ist das ein sehr ungewöhnlicher Ansatz, oder?

Die Konsequenz, mit der wir diesen ganzheitlichen Weg verfolgen, ist sicherlich noch selten. Die Tendenz innerhalb des Fachgebietes geht aber eindeutig in Richtung einer psychosomatischen Sichtweise bei der Behandlung orthopädischer Erkrankungen. Der Rücken als Spiegel der Seele - diese Auffassung setzt sich immer mehr durch.

Sie stellen den Zusammenhang zwischen körperlichen und seelischen Beschwerden ins Zentrum Ihrer Arbeit - gibt es einen Grund dafür?

Ich habe von Kindesbeinen an erlebt, dass es diesen Zusammenhang bei chronischen Schmerzpatienten gibt. Meine Mutter war Orthopädin in eigener Praxis und beim Mittagstisch ging es immer um ihre Patienten und die Ursachen für die dauernden Schmerzen. Und wenn ich als Kind manchmal nachmittags im Vorzimmer der Praxis meiner Mutter saß, habe ich mich natürlich mit den Patienten unterhalten und schon damals begriffen, dass es zwischen dem Leben der Patienten und den Schmerzen einen Zusammenhang gibt. Meine Mutter hat mir früh einen feinen Blick für den Körper und die Bewegungen eines Menschen vermittelt. Im Urlaub am Strand habe ich Knickfüße von Plattfüßen unterschieden - da war ich drei Jahre alt. Meine Mutter war immer mein ärztliches Vorbild.

Sie hat mit über 80 Jahren noch behandelt, einfach weil sie ihren Beruf so liebte. Und diese Begeisterung für den Beruf, die habe ich auch. Ich freue mich jeden Tag über meine Arbeit hier in Bad Gandersheim. Ich habe ein tolles Team und unsere spezialisierten Reha-Programme zeigen exzellente und langfristige Erfolgsraten. Seit einigen Jahren findet unsere Arbeit auch Eingang in die orthopädische Reha-Forschung. So haben wir beispielsweise zusammen mit der Berliner Charité das Konzept der Integrierten Medizinisch Berufsorientierten Rehabilitation (IMBO) entwickelt und das mit einer großen Studie begleitet.

Das scheint ja ein attraktiver Arbeitsplatz für Mediziner und Therapeuten zu sein?

Das ist wohl so. Ich habe große Freude daran, junge Kollegen zu fördern und zu fordern. Wir haben Weiterbildungsermächti-gungen für Orthopädie und Unfallchirurgie, Sozialmedizin, physikalische und rehabilitative Medizin einschließlich Rehabilitationswesen und physikalische Therapie und für spezielle Schmerztherapie. Wir legen sehr viel Wert auf interne und externe Weiterbildung, die wir auch finanziell unterstützen. Ich habe eine von der Ärztekammer zertifizierte interdisziplinäre monatliche Schmerzkonferenz etabliert, es gibt regelmäßig Teamcoachings und Supervision, wir ermöglichen durch individuelle Arbeitszeitmodelle die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Außerdem engagieren wir uns innerhalb des Weiterbildungsverbundes für Allgemeinmedizin der Kassenärztlichen Vereinigung Niedersachsen. Und Bad Gandersheim selbst ist ein Kurort mit Sole-Heilbad inmitten einer wirklich schönen Landschaft.

Sie sind mit 39 Jahren Chefärztin geworden. Neben dem doppelten Facharzt haben Sie auch Zusatzbezeichnungen in Chirotherapie, Naturheilverfahren, Physikalische Therapie, Sozialmedizin und spezieller Schmerztherapie. Gibt es auch einmal Ruhepausen im Leben der Dr. Désirée Herbold?

Ich bin einfach sehr gerne Ärztin und es gibt unendlich viele spannende Aufgaben. Dass ich das alles schaffen kann, habe ich auch meiner fantastischen Familie zu verdanken. Mein Mann hat meinen beruflichen Werdegang immer sehr unterstützt. Es geht doch darum, die richtige Rolle im Leben zu finden und die habe ich für mich gefunden.