Wo das Wort hohen Wert hat

Dr. med. Holger G. Hass, Spezialist für onkologische Rehabilitation

Rehabilitationsmedizin hat für manche den Ruf einer eher gemütlichen Medizin, die wenig ausrichten kann. Das Gegenteil ist richtig: Gerade weil Rehamediziner sich Zeit nehmen, ihre Patienten als "Ganzes" zu betrachten, können sie deren Leiden besonders effektiv behandeln. Wir sprachen mit Dr. Hass, Chefarzt der Paracelsus-Klinik Scheidegg im Allgäu, einem Zentrum für die onkologische Rehabilitation, über die Faszination für sein Fach.

Dr. Hass, Sie strahlen so viel Energie und Zu­versicht aus. Und das bei Ihrer Aufgabe, eine onkologische Rehabilitationsklinik zu leiten...

Arztsein muss einem Spaß machen. Sieht man's nur als Job, kann dieser Beruf sehr mühsam sein. Durch meine Arbeit mit Tumorpatienten werde ich täglich mit der Frage nach dem Sinn des Lebens konfrontiert. Das kann sehr belastend sein - muss es aber nicht. Mir helfen unter anderem die Werke und Thesen von Viktor Frankl*, um im Gleichgewicht zu bleiben. Aber Sie haben Recht: Manche junge Kollegen tun sich schwer damit, die Schicksale der Patienten nicht zu nah an sich heranzulassen - auch weil sie ähnlich alt sind wie unsere oft jungen Patienten. In unserem Haus haben unsere Mitarbeiter deshalb jederzeit die Möglichkeit, eine professionelle Supervision in An­spruch zu nehmen. All das gebe ich aber neuen Be­werbern gleich beim ersten Gespräch zu bedenken.

Das heißt, Sie spielen bei einer Bewerbung gleich mit offenen Karten. Erwarten Sie sich das auch von Ihrem Gegenüber?

Mein Tipp für Vorstellungsgespräche: Seien Sie authentisch und ehrlich und trauen Sie sich, den Chefarzt direkt auf Dinge wie Weiterbildungspro­gramme, Arbeitszeiten, seine Einstellung bezüglich Privatleben und das Arbeitsklima auf den Stationen anzusprechen. Generell sollten junge Kollegen ruhig selbstbewusst, auch in Bezug auf das Gehalt, ihre Vorstellungen äußern. Das ist in der freien Wirtschaft schließlich auch üblich.

Worauf achten Sie als Chefarzt in einem Vor­stellungsgespräch?

Für mich ist der Gesamteindruck wichtig. Und wie spontan der Bewerber auf Fragen reagiert. Zudem finde ich es gut, wenn jemand erläutern kann, wa­rum er sich ausgerechnet bei uns bewirbt. Generell kommt es immer besser, wenn jemand einen Plan verfolgt und begründen kann, warum der Job für ihn wie geschaffen ist.

Hatten Sie einen solchen Plan? Wollten Sie immer Arzt werden? Oder gab es Alternativen?

Natürlich gab es die. Früher fand ich zum Beispiel auch Chemie interessant. Da mir aber die sozialen Kontakte sehr wichtig sind, habe ich mich bald für die Medizin entschieden. Rückblickend kann ich sagen, dass ich eindeutig die richtige Wahl getroffen habe.

Können Sie sich heute noch an den Zeitpunkt erinnern, wo Sie zum ersten Mal dachten: "So, jetzt kann ich den Job!"?

Das ist in einem dynamischen Gebiet wie der Medizin so eine Sache. Im Grunde lernt man in diesem Beruf nie aus. Auch ich lerne trotz meiner Erfahrung jeden Tag etwas dazu. Nach den ersten zwei Jahren in der Klinik kann man aber, denke ich, schon viele der Probleme alleine meistern - oder zumindest richtig einordnen.

Sie haben als Student u. a. in Salt Lake City famuliert. Hat Sie dieser Aufenthalt sehr geprägt?

Gar nicht mal so sehr, wie ich zuvor gedacht habe. Denn ich stellte schnell fest, dass ich mit meiner deutschen Ausbildung wider Erwarten leicht mit den amerika­nischen Studenten mithalten konnte. Was ich in den USA jedoch sehr zu schätzen gelernt habe, sind Team­arbeit und die Vorteile einer flacheren Hierarchie - beides Werte, die im deutschen Klinikalltag oft fehlen.

Mein erster Chef lebte z. B. ein sehr hierarchisches System vor. Alle Assistenzärzte hatten Angst vor ihm. Fragen während der Visite waren undenkbar. Ich finde, dass man als Chefarzt gleichzeitig Lehrer sein und Wissen gerne an Jüngere weitergeben sollte!

Was ist Ihnen an Ihrer Arbeit im Bezug auf die Patienten wichtig?

Sehr wichtig ist mir, meinen Patienten eine ganz­heitliche Medizin bieten zu können. Damit meine ich weniger alternative Behandlungsmethoden, sondern dass neben den somatischen Beschwerden auch die Psyche in der Therapie berücksichtigt wird. Onkolo­gie sollte in meinen Augen immer eine "sprechende Medizin" sein. In der Akutmedizin ist dies teils aus betrieblichen, teils aus politischen Gründen immer weniger möglich. In der Rehabilitation lässt sich das aber umsetzen. Das war auch ein Grund für meinen Wechsel.

Ergeben sich daraus spezielle Erwartungen an junge Kollegen, die bei Ihnen anfangen?

Als Berufsanfänger kann man noch nicht alles können. Vieles lernt man erst beim Arbeiten. Wichtig ist aber in der Tat, dass man eine soziale Grundkompetenz mitbringt. Man sollte sich ausdrücken können und im Umgang mit den Patienten Empathie zeigen. Zudem liegt mir eine gewisse wissenschaftliche Grundhaltung am Herzen. Dinge zu hinterfragen und daraus neue Forschungsfragen zu formulieren, gehört für mich zum Arztberuf einfach dazu.

Wie wichtig Ihnen das Forschen ist, lässt sich an der Länge Ihrer Publikationsliste messen. Wie schaffen Sie das neben Ihrem Chefarztposten?

Forschen ist mein Hobby. Das kann man natürlich nicht von jedem Arzt erwarten. Leitende Ärzte sollten sich meiner Meinung nach aber immer mit Wissenschaft beschäftigen, um auf dem aktuellen Forschungsstand ihres Fachgebiets zu bleiben. Mo­mentan arbeitet unsere Klinik zum Beispiel mit uni­versitären Einrichtungen in Münster und Freiburg an der Entwicklung moderner Schulungskonzepte. Des Weiteren beschäftigen wir uns mit dem Einfluss der Tumorbiologie auf spätere, therapie­ und Reha­relevante Folgestörungen oder entwickeln neue, multimodale Behandlungsansätze zur Therapie der Adipositas. Das ist für uns ein wichtiges Thema, da Adipositas seit neuestem auch als Risikofaktor für die Entstehung von Tumoren sowie Rezidivtumoren angesehen wird.

Gibt es noch mehr neue Trends in Ihrem Fach­bereich?

Hämatologie und Onkologie ist ein sehr innovatives Feld. In den letzten zwei Jahren kamen z. B. einige revolutionäre Substanzen auf den Markt, mit denen Tumoren gezielt behandelt werden können. Die Pa­tienten brauchen damit weniger Chemotherapeutika und haben unterm Strich eine bessere Prognose. Das bedeutet für die onkologische Rehabilitation, dass Aufgaben wie die Begleitung eines Wiedereinstiegs ins Berufs­ und Alltagsleben an Bedeutung gewinnen. Auf der anderen Seite haben neue Substanzen immer auch neue Nebenwirkungen, die wir in unseren Kon­zepten bedenken müssen. So treten z. B. durch die neuen Chemotherapeutika vier Mal so viele Nerven­schädigungen auf als noch vor zehn Jahren.

Die Rehabilitationsmedizin ist also - ebenso wie der Rest der Medizin - ständig im Wandel?

Ja, langweilig wird einem nie. Neben den sich ver­ändernden Therapiekonzepten übernehmen Reha­bilitationsmediziner zudem immer mehr Aufgaben, zu denen Akutmedizinern die Zeit fehlt. Durch un­seren ganzheitlichen Therapieansatz und weil die Patienten bis zu drei Wochen bei uns sind, finden wir oft Diagnosen, die zuvor übersehen wurden. So wie kürzlich bei einer Patientin, der aufgrund ihres in den Darm metastasierten Ovarialkarzinoms ein Teil des Kolons entfernt wurde: Bei uns präsentierte sich die Dame mit monatelanger Diarrhoe, an der sie seit ihrer schweren Darmoperation litt. Auf­grund ihrer Beschwerden war sie von Arzt zu Arzt geschickt worden. Wir konnten herausfinden, wo ihr Problem lag: Bei der Kolonresektion muss das terminale Ileum unabsichtlich mit entfernt worden sein. Aufgrund der erhöhten Gallensäuren im Darm kam es zu einer osmotischen Diarrhoe. Damit wussten wir, wo wir therapeutisch ansetzen mussten, und konnten so ihre Stühle von fünfzehn auf drei pro Tag reduzieren - für die Patientin eine unglaub­liche Verbesserung der Lebensqualität. Leider lassen sich nicht alle Behandlungserfolge so rasch erringen. Ungefähr zwanzig Prozent unserer Patienten sind mit infauster Prognose in palliativer Situation bei uns. Hier geht das Rehabilitationsziel vor allem da­hin, die Leistungsfähigkeit zu erhalten.

Versuchen Sie Patienten, bei denen klar ist, dass ihre Lebensspanne bald endet, darauf vor­zubereiten, dass sie früher sterben müssen, als sie hoffen?

Jeder Patient hat ein Recht darauf, nicht wissen zu wollen. Wie viel ein onkologischer Patient über sein Tumorleiden erfahren möchte, kann nur in einem persönlichen, meist zeitintensiven Gespräch in Er­fahrung gebracht werden. Umso bedauerlicher finde ich es, wenn Kollegen, die mit den Themen Krebs und Tod nicht so gut umgehen können oder nicht die nötige Zeit für ein ausführliches Aufklärungsgespräch zur Verfügung haben, in den Patienten übertrieben falsche Hoffnungen wecken. So ist es bei ganz schwierigen Krankheitsverläufen meiner Meinung nach wichtig, den Patienten bald genug ins Bild zu setzen - voraus­gesetzt, er will wissen, wie es um ihn steht -, um ihm die Möglichkeit zu geben, für ihn noch offene Dinge erledigen oder erleben zu können.

Eine sehr anspruchsvolle und traurige Auf­gabe. Würden Sie trotzdem sagen, dass die schönen Erlebnisse in Ihrem Job überwiegen?

Natürlich! Obwohl - oder gerade weil - die onko­logische Rehabilitation und Palliativmedizin so schwierige Gebiete sind, bekommt man täglich po­sitive Rückmeldungen, die einem in Summe das Gefühl geben, eine sehr sinnvolle Arbeit zu leisten. Gerade in solch schwierigen Lebenssituationen kann man den Menschen besonders viel geben.

 

* Viktor Frankl (1905–1997) war ein Wiener Psychiater. Seiner Überzeugung nach kann man auch im Leiden und Scheitern einen Lebenssinn finden. In der Behandlung schwer kranker Menschen sollte dieser Aspekt deshalb immer eine Rolle spielen.

Zur Person

Dr. med. Holger Gotthard Hass wurde 1970 in Münnerstadt in Unterfranken geboren. Sein Medizinstudium hat er an der Universität Ulm absolviert, wo er 1998 seinen Abschluss machte. Seine Promotionsarbeit schrieb er in der Sektion Tumorbiologie der Abteilung für Mund-Kiefer-Gesichtschirurgie der Uni Ulm. Nach der Approbation machte er an der Uni Tübingen seinen Facharzt für Innere Medizin. 2007 bekam er die Anerkennung zum Spezialisten für Hämatologie und internis-tische Onkologie. Ein Jahr später erwarb er die Zusatzbezeichnung Palliativmedizin.Seit November 2008 ist Dr. Hass Chefarzt der onkologischen Rehabilitationsklinik Paracelsus-Klinik Scheidegg, dem größten Zentrum für onkologische Rehabilitation von Brustkrebs oder anderen gynäkologischen Tumoren in Deutschland. Seit 2010 hat er eine Lehrtätigkeit an der Uniklinik Würzburg. Momentan arbeitet er an seiner Habilitation zum Thema "Genomisches Profiling und Detektion von molekularen Pathomechanismen und Screening-Markern der Hepato- und Cholangio-karzinogenese anhand Genexpressions- und RT-PCR-Analysen". Dr. Hass ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Via medici Ausgabe 5.11