22. Dezember 2020

Wir werden weiter um jedes Leben kämpfen

  • Intensivmedizinerin schildert die bedrohliche Lage auf den Intensivstationen
  • Risiko vermindern durch Kontaktbeschränkung
  • Normalbetrieb der Paracelsus-Kliniken in Sachsen ist eingeschränkt

Erschöpft ist Ulrike Suhl nach Dienstende, aber sie ist auch fassungslos und immer öfter auch wütend. Denn als Oberärztin auf der Intensivstation der Paracelsus-Klinik Adorf kämpft sie jeden Tag gegen das Corona-Virus. Immer mehr am Limit und immer wieder mit der Frage: Warum halten sich immer noch nicht alle Menschen an die Regeln?

„Zu viele Menschen denken, dass nur ältere, vorerkrankte Menschen nicht überleben, dass sie selbst sich jedoch keine Sorgen machen müssen. Aber das ist einfach falsch. Muss denn erst in jedem Haushalt ein schwerer Fall auftreten, bis die Leute ihr Verhalten verändern?“, fragt sich Ulrike Suhl in diesen Tagen häufig. Und fügt hinzu: „Selbst wenn ich ohne Symptome an Covid-19 erkranke, trage ich das Virus doch überall herum und zwar ohne es zu wissen. Wer also seine Familie und Freunde liebt, der bleibt während der Weihnachtsfeiertage zu Hause“, so die mittlerweile kompromisslose Haltung der erfahrenen Medizinerin, die selbst seit Wochen im Privatleben penibel Abstand hält.

Das Virus ist ein mächtiger Feind

Die Fachärztin für Anästhesie und Intensivmedizin arbeitet seit vielen Wochen rund um die Uhr, ebenso wie das Pflegeteam, die Physiotherapeuten, die Ärzte und viele weitere Mitarbeiter der Paracelsus-Klinik Adorf. Die Intensivstation ist voll, geplante Operationen und Behandlungen finden nicht mehr statt, die Versorgung von Patienten, die einfach „nur“ krank sind, ist eingeschränkt. In den letzten Wochen musste sich die Klinik in Adorf für Neuaufnahmen immer mal wieder kurzfristig abmelden und auch in der nahe gelegenen Paracelsus-Klinik Schöneck läuft der Betrieb eingeschränkt. Auch in den beiden anderen sächsischen Paracelsus-Kliniken in Zwickau und Reichenbach steigen die Zahlen immer weiter an, erste Versorgungsleistungen, wie zum Beispiel die Behandlung chronischer Schmerzpatienten oder neurologischer Erkrankungen sind stark eingeschränkt. Alles wegen Corona, denn man braucht das freiwerdende Personal auf den Covid-19-Stationen.

Auf den isolierten Stationen liegen Patienten aller Altersgruppen, manche von ihnen kämpfen um ihr Leben, und immer wieder sind die Ärzte und Pfleger überrascht, wie schnell und heftig ein zunächst eher harmloser Befund sich zu einer lebensbedrohlichen Situation wandeln kann. Ulrike Suhl arbeitet seit mehr als 30 Jahren als Ärztin. Aber so viele verheerende CT-Bilder von Lungen in so kurzer Zeit hat sie noch nie gesehen. „Aus einem mäßigen Befund kann sich innerhalb kurzer Zeit ein katastrophaler Verlauf entwickeln. Wir wissen nie genau, bei wem dies geschieht oder in welcher Geschwindigkeit“, macht die erfahrene Ärztin deutlich, wie gefährlich und unberechenbar die Viruserkrankung Covid -19 ist. Eins jedoch weiß die Ärztin sicher: „Kontaktbeschränkung ist ein absolut sicheres Mittel gegen das Virus. Ich bin oft wirklich verzweifelt und sauer, wenn ich sehe, wie viele Menschen sich das offenbar immer noch nicht richtig klar machen.“

Sie müssen kämpfen“

Noch gibt es keine verlässlichen und gut erprobten Medikamente und auch mit dem seit heute zugelassenem Impfstoff wird es noch Monate brauchen, bis eine ausreichende Zahl an Menschen geimpft ist. Ulrike Suhl und ihre Kollegen werden also weiter um jedes Leben kämpfen, auch wenn die therapeutischen Mittel begrenzt sind. „Am Erfolg der Behandlung können die Patienten viel zu beitragen“, erklärt die Intensivmedizinerin. Denn die Chancen, die Erkrankung zu überstehen, sind umso besser, je mehr der Patient selbst aktiv tut. Auf Mediziner-Deutsch heißt das „Mobilisieren“, also Bewegung, so viel es geht, um die Lunge zu kräftigen, den Kreislauf zu stabilisieren, das Immunsystem zu unterstützen. Was auf den ersten Blick nach wenig klingt, ist in Wirklichkeit Schwerstarbeit für Patienten, Pflegekräfte und Ärzte. Auf der Bettkante sitzen, wenn möglich ein paar Schritte laufen, Atemübungen, Essen am Tisch – all das hilft. Dass manch ein Patient die Kraft oder den Willen nicht aufbringt, die anstrengende Therapie auch wirklich konsequent durchzuziehen, versteht Ulrike Suhl zwar, aber sie nimmt es als leidenschaftliche Ärztin nicht hin: „Mit meinen Patienten rede ich Klartext und sage deutlich: ‚Sie müssen kämpfen. Wenn Sie jetzt nicht mitmachen, ist der nächste Schritt die invasive Beatmung und da sind ab einem gewissen Alter die Überlebenschancen wirklich gering“. Bei bereits sehr schwer erkrankten invasiv beatmeten Patienten ist eine permanente Lageveränderung ein Muss, um die Lungenfunktion zu unterstützen. Alle 12 bis 16 Stunden müssen diese Patienten umgebettet werden, vom Rücken auf den Bauch und zurück. Ein Kraftakt für alle Beteiligten.

Wohin mit den Patienten?

Nach Dienstende gehen der engagierten Ärztin ihre einzelnen Patienten oft durch den Kopf: Was tun wir, wenn wir morgen weitere Covid-Patienten auf die eigentlich volle Intensivstation verlegen müssen? Was, wenn dort kein Bett mehr frei ist? Und über allem die Frage: „Was kann ich noch tun, um meine Patienten zu retten?“ Dabei weiß die Oberärztin eigentlich, dass sie und alle Kollegen alles in ihrer Macht Stehende tun. Mehr geht nicht. Es sterben Menschen an dem Virus. Wann, wer, wie schnell, in welchem Alter, mit welchem Verlauf und wer vielleicht wochenlange Beatmung doch überlebt – darauf gibt es kaum Antworten, allenfalls Vermutungen. Die einzige Sicherheit, die es in diesen verunsichernden Zeiten gibt, ist diese: Wer sich an die Regeln hält und seine Kontakte drastisch reduziert, schützt sich und andere.