Behandlungsziele

Konzept der ICF-Orientierung

Der Weg ist das Ziel

Die Zielsetzungen der Behandlung orientieren sich an dem zunehmend auch in Deutschland an Bedeutung gewinnenden Konzept der ICF-Orientierung (International classification of functioning; WHO 2001), einem Rahmenkonzept, das gleichberechtigt die individuelle psychische, physiologische und soziale Perspektive von Gesundheit berücksichtigt.

Generell sollen die Rehabilitanden entsprechend der gesetzlichen Zielrichtung durch Rehabilitationsmaßnahmen wieder befähigt werden, eine Erwerbsfähigkeit und / oder bestimmte Aktivitäten des täglichen Lebens möglichst in der Art und dem Ausmaß auszuüben, die für ihren persönlichen Lebenskontext angemessen sind.

Übergreifende Reha-Zielsetzungen

Für den Indikationsbereich von Patienten mit psychischen und psychosomatischen Störungen ergeben sich (bezogen auf die ICF) unter Berücksichtigung des differenzierten Schädigungsbildes unter anderem folgende übergreifende Reha-Zielsetzungen:

  • Behebung oder Verminderung der Schädigungen und Funktionsstörungen
  • Verminderung des Schweregrads der Fähigkeitsstörungen oder Wiederherstellung
  • gestörter Fähigkeiten
  • Verbesserung von Selbstständigkeit, Selbstversorgung und Teilhabe
  • Förderung gesundheitsverbessernder Verhaltensweisen und Lebensstile
  • Verbesserung der individuellen Kontextfaktoren

Bezogen auf Schädigungen bzw. Funktionsstörungen gemäß der ICF sind vor allem folgende spezifische Zielsetzungen zu nennen:

  • psychische Stabilisierung, insbesondere durch Verminderung von Affekten wie Depression und Angst
  • Verbesserung der Selbstwahrnehmung, der Selbstakzeptanz und des Selbstwertgefühls
  • Korrektur dysfunktionaler Kognitionsmuster bzw. unbewusster Konflikte
  • Erkennen möglicher funktionaler Aspekte und unbewusster Bedeutungen von Krankheitssymptomen
  • Verbesserung der eigenen Kompetenz im Umgang mit Funktionsstörungen
  • Reduzierung von körperlichen Krankheitssymptomen

Eine Formulierung von Rehabilitationszielen bei psychisch Kranken im Sinne der ICF-Konzeption beinhaltet bezogen auf Fähigkeitsstörungen (Aktivitäten) vor allem folgende spezifische Zielsetzungen:

  • eine Erweiterung des Erlebens- und Verhaltensrepertoires in Familie, Beruf und Freizeit
  • eine Verbesserung der Verbalisierungsfähigkeit und Kommunikation und aus psychodynamischer Sicht der Symbolisierungsfähigkeit
  • der Aufbau sozialer Kompetenzen
  • eine Verbesserung der Beziehungsfähigkeit
  • eine verbesserte Krankheitsbewältigung
  • eine Verbesserung des Umgangs mit Belastungssituationen
  • eine Verbesserung der Fähigkeit zur Freizeitgestaltung

Bezogen auf die Veränderung von Beeinträchtigungen (Partizipation) beinhaltet sie Rehabilitationsziele wie den Erhalt bzw. die Verbesserung

  • der physischen und psychischen Unabhängigkeit
  • der Mobilität
  • der sozialen und beruflichen Integration/Reintegration
  • des Berufes und der wirtschaftlichen Eigenständigkeit

Schließlich sind bei der Rehabilitation von Patienten mit psychischen / psycho-somatischen Störungen relevante Kontextfaktoren zu berücksichtigen. Dies sind zum einen die individuellen personenbezogenen Voraussetzungen, wie z. B. Alter, Geschlecht, Persönlichkeit, bisheriges Bewältigungsverhalten und innere auch unbewusste Einstellungen, berufliche Erfahrung und zum anderen umweltbezogene Faktoren wie Arbeits- und Wohnsituation sowie persönliches Netzwerk. Daraus ergeben sich unter anderem folgende wichtige Zielsetzungen:

  • Entwicklung von Strategien zum Abbau und zur Bewältigung von krankmachendem Stress
  • das Bewusstmachen von unbewussten Konflikten
  • Unterstützung bei eventuell erforderlicher Anpassung an den bzw. des Arbeitsplatzes
  • Hilfestellung bei der Planung und Einleitung berufsfördernder Maßnahmen
  • Umschulungen sowie beruflicher Wiedereingliederung,
  • Planung von Veränderungen in der häuslichen Umgebung
  • Entwicklung von Strategien zum Abbau von Risikoverhalten wie z. B. Rauchen
  • Alkoholmissbrauch, Fehlernährung, Bewegungsmangel, inadäquates Freizeitverhalten
  • körperliche und psychische Überforderung

Die Umsetzung des ICF-Konzepts berücksichtigt diese Dimensionen auf allen Stufen des rehabilitativen Prozesses, von der Diagnostik und Zielfestlegung bis hin zur Maßnahmengestaltung. Dabei ist anzumerken, dass bei der Umsetzung des ICF-Konzepts bei psychischen Erkrankungen ein besonderes Problem besteht, da nämlich die bisher vorliegenden diagnostischen Klassifikationssysteme eine klare Trennung von Krankheits- und Krankheitsfolgeaspekten oftmals nicht vorsehen.

Voraussetzung für individuellen Rehabilitationserfolg

Rehabilitation — verstanden als ein vom Rehabilitanden aktiv mit zu gestaltender Prozess, der auf dessen Mitwirkungspflicht, Leistungsbereitschaft und Rehabilitationsfähigkeit beruht — basiert auf dem koordinierten und partnerschaftlich organisierten Einsatz psychotherapeutischer, medizinischer, beruflicher, sozialer und technischer Maßnahmen zur Verbesserung der Körperfunktionen, der Arbeits-, Beziehungs- und Genussfähigkeit, der selbstwertorientierten Lebensstiländerung mit psychischer Festigung sowie der größtmöglichen Reintegration in das Erwerbsleben und das soziale Umfeld.

Das Erreichen der individuellen Rehabilitationsziele ist nur möglich, wenn die Rehabilitationsfachklinik entsprechend ausgerichtete rehabilitationsdiagnostische und -therapeutische Leistungen vorhält. Dies wird durch interdisziplinäre Teams aus unterschiedlichen Disziplinen („multiprofessionelles Team“) ermöglicht.

Medizinisch-Berufliche-Orientierung (MBO)

Das zentrale Leitmotiv moderner Rehabilitationskonzepte besteht darin, die medizinisch-somatische und psychotherapeutische Behandlung gemäß der Zielsetzung der Wiederherstellung der Leistungsfähigkeit mit einer erfolgreichen beruflichen Wiedereingliederung zu verbinden.


Mit dem Konzept der Medizinisch-Beruflichen-Orientierung (MBO) wird in der medizinischen Rehabilitation der Rentenversicherung in den letzten Jahren versucht, bei der Gestaltung der diagnostischen und therapeutischen Maßnahmen eine stärkere Fokussierung der berufsbezogenen Perspektive zu erreichen. Gleichzeitig sollen rehabilitationsmedizinische Maßnahmen und Maßnahmen zur Teilhabe am Erwerbsleben besser aufeinander abgestimmt werden.
Anvisiert sind alle rehabilitativen Indikationen, der Schwerpunkt der bisherigen Modellansätze liegt aber eindeutig im Bereich der psychosomatischen Erkrankungen. Die Neuorientierung der rehabilitativen Konzeption erfolgt dabei ohne eine Veränderung der zeitlichen Dauer der Rehabilitationsmaßnahme und des Gesamtaufwands.


Die in den bisherigen MBO-Modellen erprobten Maßnahmen (Slesina, Weber et al. 2004) beziehen sich auf die Spezifizierung des erwerbsbezogenen Rehabilitationsbedarfs - u. a. Screeningverfahren und Assessment-Strategien zur Identifikation von Rehabilitandengruppen mit besonderem Bedarf für berufsbezogene Interventionen und auf die Entwicklung und Umsetzung von implementierungsfähigen berufsorientierten Interventionsmodulen:

  • arbeitsplatzbezogenes Leistungstraining
  • therapeutische Angebote zur Bewältigung des beruflichen Alltags
  • Maßnahmen zur beruflichen Neuorientierung (Eignungsuntersuchungen, Belastungserprobungen, Berufsfindung und Arbeitserprobungen in Praktika)
  • Vorbereitung und Unterstützung der Rückkehr zur Arbeit
  • Maßnahmen der stufenweisen Wiedereingliederung (Bürger 2004)
  • Konsiliarische Beratung zwischen Betriebsarzt und Rehabilitationsarzt