22. Juli 2022

Zukunftskonzept der Paracelsus Klinik Reichenbach GmbH unter Druck

  • Massive finanzielle Belastungen für den Standort Reichenbach infolge regulatorischer Anpassungen, der Corona-Pandemie und Investitionsnotwendigkeiten
  • Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit für die Paracelsus Klinik Reichenbach GmbH
  • Nur der Standort Reichenbach betroffen
  • Weiterhin Integration in ein regionales Gesundheitskonzept angestrebt
  • Bedarfsgemäße, regionale Versorgung gesichert
  • Mitarbeiter sollen eine gesicherte Perspektive erhalten, Übernahme an andere Standorte wird geprüft

Die Geschäftsführung der Paracelsus Klinik Reichenbach GmbH hat am heutigen Tag freiwillig einen Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens über das Vermögen der Paracelsus Klinik Reichenbach GmbH wegen drohender Zahlungsunfähigkeit gestellt. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde Rechtsanwalt Christopher Seagon, WELLENSIEK Rechtsanwälte, bestellt.

Der Antrag auf Eröffnung des Insolvenzverfahrens betrifft ausschließlich die lokal tätige Paracelsus Klinik Reichenbach GmbH. Auch nach Antragstellung wird der Geschäftsbetrieb der Paracelsus Klinik Reichenbach zunächst vollumfänglich fortgeführt. Lohn- und Gehaltszahlungen sind bis zur Beitragsbemessungsgrenze und der Eröffnung des Insolvenzverfahrens grundsätzlich über das Insolvenzgeld der Bundesagentur für Arbeit abgesichert. Die Medizinischen Versorgungszentren in der Region Sachsen sind nicht betroffen.

„Die Klinik Reichenbach ächzt massiv unter den Folgen der Corona-Pandemie. Erschwerend hinzu kommt der Wegfall der in den letzten Monaten gewährten Liquiditätshilfen zur Abfederung der COVID-19-Pandemie“, sagte Klinikmanager Lars Wunder. Schon 2018 und 2019 habe die Klinik vorübergehend unter starkem Druck gestanden. „Zwischendurch konnten wir unsere Performance durch erhebliche Investitionen und professionelle Organisationsveränderungen deutlich stärken“, ergänzte Wunder. „Gerade in den ersten Monaten dieses Jahres ist uns dadurch eine positive Ergebnisverbesserung gelungen. Trotz dieser Bemühungen und bedingt durch die Corona-Pandemie sowie die damit verbundenen Restriktionen hat sich jedoch auch die Leistung der Klinik bisher nicht wieder in der Weise erholen können, wie das im Interesse langfristiger Stabilität erforderlich wäre. Der vorübergehend positive Trend in Richtung eines verbesserten Betriebsergebnisses war überwiegend den pandemiebedingten staatlichen Unterstützungsleistungen geschuldet. Davor können auch wir die Augen nicht mehr verschließen.“

Zum Jahresende 2021 hatte die Klinik erneut mit erheblichen Verlusten abgeschlossen. Auch das konsequente Kostenmanagement der letzten Monate konnte die schwache Leistungsentwicklung wider Erwarten nicht im notwendigen Umfang ausgleichen, was sich im Nachgang zu einem außerordentlichen Planungsgespräch in einer deutlich angepassten Gesamtbewertung der Klinikleitung bestätigt hat. „Leider hat sich nun jedoch herausgestellt, dass die Entwicklung der Klinik und deren finanzielle Situation selbst hinter den Mindestplanungszielen zurückbleiben wird und keine konkrete Aussicht auf eine Reaktivierung der jüngst ausgelaufenen Rettungsschirminstrumente besteht, so dass der sich ergebende Finanzierungsmehrbedarf mittelfristig nicht mehr gedeckt werden kann. Vor diesem Hintergrund haben sich die Zukunftsaussichten gegenüber der ursprünglichen Planung – ungeachtet des positiven Starts im Jahr 2022 – deutlich verschlechtert“, so Wunder weiter.

Außerdem halte die strukturelle Krise im Gesundheitssystem vermutlich noch länger an. So schränken immer weiter zunehmende regulatorische Zwänge die Organisations- und Anpassungsmöglichkeiten ein, z.B. Verordnungen zu Pflegepersonaluntergrenzen. Weiterhin wird die Liquidität der Klinik durch behördliche Auflagen, die nach einem kaum überstandenen Krisenjahr weitere Investitionen zur Abwendung einer Betriebsstillegung in einem Umfang von ca. 2 Mio. € zwingend erforderlich machen, erheblich belastet. „Eine wirkliche Verbesserung der Rahmenbedingungen ist zudem nicht absehbar. Vielmehr ist mit weiteren Verschärfungen und Restriktionen zu rechnen“, hieß es aus dem Unternehmen. Auch wenn die Paracelsus Klinik Reichenbach GmbH derzeit noch für zumindest die nächsten 12 Monate durchfinanziert ist und damit eine positive insolvenzrechtliche Fortführungsprognose besteht, sind die Geschäftsführer aufgrund dieser äußeren Einflüsse im Zusammenspiel mit der wider Erwarten schwachen Leistungsentwicklung der Klinik zu der Überzeugung gelangt, dass es zum jetzigen Zeitpunkt nicht mehr überwiegend wahrscheinlich ist, dass das derzeitige Finanzierungssystem einen Betrieb der Klinik in den nächsten 24 Monaten zu wenigstens kostendeckenden Bedingungen zulässt. Damit tritt jetzt drohende Zahlungsunfähigkeit ein.

Die Geschäftsführung der Paracelsus Klinik Reichenbach hat daher ihre Prognose im Hinblick auf die langfristige Zukunftsfähigkeit des Standortes kurzfristig und deutlich korrigieren müssen. Die zunächst überwiegend wahrscheinliche Prognose, wonach der Klinik die Rückkehr in die Gewinnzone im Jahre 2025 gelungen wäre, konnte zuletzt nicht mehr bestätigt werden.

Auch haben sich alle bisherigen Versuche, alternative regionale Verbundlösungen zu gestalten, als nicht erfolgversprechend erwiesen. Selbst die immer wieder gern geforderte Rekommunalisierung – zu der sich Paracelsus bereitgefunden hätte – stellte sich bis zuletzt nicht als belastbare Alternative dar. Auch andere Möglichkeiten, wie die Durchführung eines Investorenprozesses, waren zwar weit fortgeschritten, konnten jedoch zu keinem erfolgreichen Abschluss geführt werden.  „Umso mehr begrüßen wir die jüngst öffentlich gewordenen neuen Signale seitens der Politik, kurzfristig prüfen zu wollen, ob eine Rekommunalisierung eine Option für die Paracelsus Klinik Reichenbach darstellt. Eine Fortführung des Krankenhausbetriebs war immer unser bevorzugter Lösungsansatz bei der Suche nach einem zukunftsfähigen Konzept“, reagiert Lars Wunder auf einen Petitionsaufruf seitens des Landtagsabgeordneten Stephan Hösl (CDU).

Die Geschäftsführung begleitet diese Entwicklung mit großem Bedauern. „Der Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens ist ein unglaublich schmerzhafter Prozess. Andererseits sind unsere Möglichkeiten, auf öffentliche Subventionen und Zuschüsse zurückgreifen zu können, sehr begrenzt“, führt Wunder weiter aus. Die Corona-Pandemie habe niemand voraussehen können. Gleichwohl habe die Klinik Reichenbach in den letzten Monaten einen leistungsstarken Beitrag zur gesundheitlichen Bewältigung der Krise geleistet und werde dies auch auf absehbare Zeit weiter tun, so Wunder.

„Auch zukünftig sind wir davon überzeugt, dass die medizinische Versorgung in der Gesundheitsregion Vogtland mit den übrigen Einrichtungen weiter uneingeschränkt gewährleistet werden kann“, bekräftigte Geschäftsleiter Jan Müller. „Die bedarfsgerechte Versorgung ist gesichert. Die ambulanten Angebote in den Medizinischen Versorgungszentren werden wir aufrechterhalten.“

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Die Paracelsus Klinik Reichenbach ist ein regionales Akut-Krankenhaus der Grund- und Regelversorgung und verfügt über rund 180 Betten, verteilt auf sechs Fach- und zwei Belegabteilungen. Jährlich werden 7.300 Patienten stationär und 12.000 Menschen ambulant behandelt. Die Klinik beschäftigt ca. 300 Mitarbeitende.