SehnSuchtblog
22. Februar 2023 

Ich habe Glück gehabt!

“Süchtig nach Leben” – Jeder Weg in eine Abhängigkeit ist vielschichtig, facettenreich, sehr persönlich und individuell. Mit diesem SehnSuchtblog möchten wir die persönlichen Geschichten dahinter beleuchten, Suchttherapie-Möglichkeiten aufzeigen, bestärken, den Weg aus der Sucht zu gehen und Lebenslust versprühen. Denn: Das Leben ist schön, sogar wunderschön. Und zu schön, um es vom Suchtmittel beherrschen zu lassen.


Ich habe Glück gehabt, da ich nicht verprügelt worden bin als Kind eines Alkoholikers. Ich habe auch insofern Glück, dass ich mich an ein paar schöne Momente mit meinem Vater erinnere, in denen wir einen Drachen gebaut haben und ihn steigen ließen. Oder ein Boot gebaut haben. Das war´s dann aber auch mit meinem Glück. Ich bin dann wohl Co-abhängig gewesen.

Bis zu seinem 57. Lebensjahr hat mein Vater getrunken. Bier vornehmlich. Nicht besonders viel, so dachte ich. Aber regelmäßig. Viele Versuche hat meine Mutter unternommen, ihn davon abzubringen – es hat nichts genützt. Als ich etwa 9 Jahre alt war, wird die Scheidung vollzogen. Offensichtlich hat es meinen älteren Bruder mehr mitgenommen als mich. Ich habe innerlich gelitten, meine Gefühle aber für mich behalten.

Meist widerwillig hat unser Vater uns dann an etwa jedem zweiten Wochenende zu sich geholt. Aber so war das nun mal, er hatte ein Besuchsrecht, empfand es aber als Besuchspflicht – er konnte schließlich weniger trinken – so hatte er kein schönes Wochenende. Wir auch nicht. Aber wir hatten Glück. Später erfuhr ich von meinem Halbbruder, dass er oft an seinem Geburtstag oder Weihnachten am Fenster stand und auf seinen – unseren – Papa gewartet hat. „Dein Papa kommt nicht, du kannst vom Fenster weg gehen“ hat seine Mutter gesagt. Auch eine Alkoholikerin.

Ich habe Glück gehabt, bin aber nicht glücklich darüber. Vielleicht war es auch kein Glück, sondern ein Privileg. Privilegiert empfinde ich mich aber auch nicht unbedingt.

Später, zu meiner Bundeswehrzeit konnte ich eine gewisse Beziehung zu meinem Vater aufbauen. Oft rief er mich an, dass ich seine Musikanlage oder den Fernseher reparieren müsse. Er hatte im Suff an den Kabeln herumgefummelt. Als gelernter Maler hatte er andere Stärken als Elektrik und Elektrogeräte. Für mich war es als gelernter Elektroinstallateur ein Leichtes. Er war immer so stolz auf mich, wenn er wieder seine Schallplatten hören konnte, hat mich gelobt. Das war schön.

Dann bekam ich sogar eine Wohnung in seiner Nähe und hoffte, er würde ab und zu mal nach der Arbeit vorbeischauen, ich wurde nämlich selbst Vater! Sein Enkelkind nach Feierabend nüchtern zu besuchen, das wäre für mich schön gewesen, hätte ihm vielleicht auch Freude bereitet.

Er kam einmal. Mit seinem Motorrad, weil seine Lebensgefährtin unterwegs war. Da war er schon etwa 6 Jahre trocken. Später, als das zweite Enkelkind geboren war (es sind inzwischen 4 Enkelkinder und noch ein weiteres erwachsenes Enkelkind), kam er einmal mit seiner Partnerin zu Besuch. Das war ganz schön und ich hoffte auf weitere Besuche, doch dazu kam es nicht. Trotz Telefonaten zum Geburtstag, Weihnachten und Vatertag wurde der Kontakt immer weniger. Die Geburtstage der Enkelkinder hatte er nie „auf dem Schirm“, trotz seiner immer handschriftlichen Kalendereintragungen.

Nach etwa zwei, drei Jahren Funkstille kam dann einer von diesen Anrufen, vor denen ich mich schon irgendwie gefürchtet hatte. Papa war gestürzt, aus dem Bett gefallen. Aufgrund der wohnlichen Nähe bot ich ihm Hilfe an. Nach fünfzehn Jahren Abstinenz kam eine Spätfolge des Alkoholismus zum Tragen: Mein Papa war dement. Inzwischen konnte er sich nicht mehr selbstständig fortbewegen und war bettlägerig. Fortan besuchte ich ihn über insgesamt zwei Jahre öfter und regelmäßiger als die fünfzehn Jahr zuvor. Nur hatte er nicht viel davon. Manchmal erkannte er mich gar nicht. Manchmal vertauschte er nur die Namen. Ich habe gelernt mit der Demenz umzugehen. Ich bin sein Betreuer, sein Sohn. Sein einziger Kontakt.

Er hat Glück gehabt.