SehnSuchtblog
28. Dezember 2022

Die Schatten der Sucht

“Süchtig nach Leben” – Jeder Weg in eine Abhängigkeit ist vielschichtig, facettenreich, sehr persönlich und individuell. Mit diesem SehnSuchtblog möchten wir die persönlichen Geschichten dahinter beleuchten, Suchttherapie-Möglichkeiten aufzeigen, bestärken, den Weg aus der Sucht zu gehen und Lebenslust versprühen. Denn: Das Leben ist schön, sogar wunderschön. Und zu schön, um es vom Suchtmittel beherrschen zu lassen.


Nicht nur die Betroffene selbst, sondern auch das familiäre Umfeld hat mit den Auswirkungen der Suchterkrankung zu kämpfen. Sie stehen häufig im Schatten der Sucht, sind hilflos und befinden sich im ständigen Kampf gegen Windmühlen.

Für Familien und besonders die Kinder ist eine Suchterkrankung ein „Worst-Case-Szenario“. Sowohl bei der Entstehung wie auch bei der Aufrechterhaltung einer Abhängigkeit, aber auch bei ihrer Bewältigung und Überwindung spielen familiäre Beziehungen eine zentrale Rolle. Die gegenseitige Wechselwirkung „Sucht“ und „Familie“ gleicht einem Mobile: Alle Teile eins Mobiles hängen zusammen, sind miteinander verbunden und gut ausbalanciert – wie in einer Familie. Gerät ein Teil durch zum Beispiel eine Suchtentwicklung ins Trudeln, gerät die Balance aus den Fugen und alle Teile kommen aus dem Gleichgewicht.

Leben im Sparmodus

Frau C. ist Mutter von drei Kindern und Ehefrau eines alkoholkranken Mannes. Ihr Leben verläuft in geregelten Bahnen. Sie haben ein Eigenheim auf dem Land, die Kinder sind nach Abitur und Studium aus dem Haus, stehen auf eigenen Beinen. „Uns ging es sehr gut, mein Mann war Beamter, ich arbeitete halbtags. Sorgen hatten wir keine“, erzählt sie. Dann kam die erste Langzeittherapie in Bad Essen. Die erste Zeit danach verlief ohne Probleme und ohne Alkohol. Sie genossen gemeinsame Urlaub und das Leben. Ihr Mann nahm sich mehr Zeit im Alltag. War er früher im Turbogang unterwegs, durchlief er nun den Tag im Sparmodus.. „Ich hielt ihm so gut es ging den Rücken frei. Dafür übernahm ich viele, zu viele Arbeiten im Haus und Garten. Meine Devise war, meinen Mann bloß keinem Stress auszusetzen“, schildet sie die Phase nach der Therapie im Schatten der Sucht. Rückblickend gesteht sie sich ein, dass das auf Dauer nicht gut gehen konnte. Und so kam es auch.

Der Teufelskreis der Sucht

Aufkommende familiäre Streitigkeiten führten zum ersten Rückfall. Der Teufelskreis setzte sich wieder in Gang. Viele Rückfälle, Entgiftungen und abgebrochene Langzeittherapien sollten folgen. Frau C. hatte irgendwann aufgehört zu zählen. Jedoch hat sie nie aufgegeben und versucht sich Hilfe zu holen, alles ohne Erfolg. Die Ehe lag in Trümmern. Sie bezeichnet sich selbst als Kämpferin, doch sie konnte nicht mehr im Schatten der Sucht leben. Sie war mit ihrem Latein am Ende, die Kräfte aufgebraucht. Ihr Mann verfiel Stunde für Stunde, Tag für Tag, Woche für Woche mehr dem Teufelskreis der Alkoholabhängigkeit, baute körperlich extrem ab und verstarb letztlich an den Folgen des Alkoholkonsums.

Abstinenz gut behüten

Zurück blieben eine Witwe und drei Kinder, die alle im Schatten des Alkohols weiterleben. „Mein Mann hat jetzt seine Ruhe von der Sucht und dem Alkohol. Aber wir leben und leiden weiter im Schatten des Alkohols“. Zurück bleiben neben der Co-Abhängigkeit eine große Leere, Erinnerungen und Vorwürfe, was man hätte anders machen können. Man sagt: Ein Alkoholiker zieht sieben Menschen mit in die Tiefe. Einzig der Abhängige hat es in der Hand, wann es wieder nach oben geht. Auch Frau C. und ihre Kinder hatten es nicht in der Hand. Sie hätte sich trennen und scheiden lassen können, jedoch kein Schritt, der von heute auf morgen getan ist. Allen Betroffenen gibt sie mit auf den Weg, ihre gewonnene Abstinenz in einer Schatztruhe aufzubewahren und gut zu behüten. Für ihren Mann ist es zu spät, die Sucht war stärker.