SehnSuchtblog
15. Juni 2022

Kinder ohne Kindheit

“Süchtig nach Leben” – Jeder Weg in eine Abhängigkeit ist vielschichtig, facettenreich, sehr persönlich und individuell. Mit diesem SehnSuchtblog möchten wir die persönlichen Geschichten dahinter beleuchten, Suchttherapie-Möglichkeiten aufzeigen, bestärken, den Weg aus der Sucht zu gehen und Lebenslust versprühen. Denn: Das Leben ist schön, sogar wunderschön. Und zu schön, um es vom Suchtmittel beherrschen zu lassen.


Schätzungsweise fast 3 Millionen Kinder leben in Deutschland  mit einem alkoholkranken Elternteil zusammen. Das geht aus Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums und von Betroffenenverbänden hervor. Dazu kommen noch Kinder aus suchtkranken Familien. Viele werden gedemütigt, geschlagen und allein gelassen. Kinder von suchtkranken Eltern müssen früh Verantwortung übernehmen und sich häufig regelrecht um ihre suchtkranken Eltern kümmern. Neben Hausaufgaben und pubertärem Gefühlswahnsinn kommt also Hausarbeit, das Verstecken der Sucht des suchtkranken Elternteils und Verantwortung für jüngere Geschwister dazu. Im schlimmsten Fall auch psychische und physische Misshandlung. Für die eigene Entwicklung bleibt häufig wenig Zeit. Diese Kinder  werden ihrer Kindheit beraubt.

Schätzungsweise ein Drittel der Kinder von Suchtkranken wird später selbst suchtkrank, ein großer Teil hat mit psychischen Problemen wie Depressionen zu kämpfen. Grund dafür ist, dass sie funktionale Verhaltensweisen in einem dysfunktionalen Umfeld erlernen. Oder anders gesagt: Sie lernen in einem Haushalt mit suchtkranken Menschen zu überleben. Diese gelernten Verhaltensweisen sind in einem späteren Umfeld aber nur bedingt anwendbar. Viele erwachsene Kinder von Suchtkranken kämpfen damit ihr ganzes Leben.

Andreas Schneider: Kind eines alkoholkranken Vaters

Hallo, mein Name ist Andreas Schneider und mein Vater war alkoholkrank. Bis ich diesen Satz aussprechen oder aufschreiben konnte, hat es lange gedauert. Selbst jetzt fällt mir das Formulieren nicht ganz leicht. Will ich diesen Satz wirklich so explizit ins Internet schreiben? Will ich wirklich, dass Leute meinen Namen googeln und das das erste ist, das sie von mir erfahren? Darf ich bei so viel Leid auf der Welt diese Geschichte überhaupt erzählen? Im großen Ganzen geht es mir doch gut.

Gedanken, die nicht nur ich mir mache, sondern viele Kinder von suchtkranken Eltern Sowohl später im Leben als auch akut, wenn sie noch mit dem alkoholkranken Elternteil zusammenleben. Kinder von alkoholkranken Menschen wird nämlich beigebracht, die Suchtprobleme in der Familie totzuschweigen. Am besten soll keiner davon erfahren. Als freier Journalist habe ich mich mit vielen, zum Teil erwachsenen, Kindern von suchtkranken Eltern unterhalten. Und ausnahmslos alle berichten davon. Die Gründe sind häufig Scham, das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse und die Sorge vor Konsequenzen. Denn viele suchtkranke Eltern sagen ihren Kindern beispielsweise, dass das Jugendamt sie mitnimmt, wenn jemand erfährt, dass es Probleme im Elternhaus gibt. Übrigens ein großer Irrtum, wenn man die Suchtberatungsstellen dazu befragt. Konsequenz ist auch hier eine große Verantwortung: Das Geheimnis darf nicht nach außen dringen. Kinder müssen also lügen, Flaschen verstecken und auf keinen Fall mit jemandem über ihre Probleme sprechen.

Das große Problem Co-Abhängigkeit

Auch Expertinnen und Experten kennen dieses Verhalten als ein Aspekt der sogenannten Co-Abhängigkeit. Das ist suchtförderndes Verhalten gegenüber suchtkranken Menschen, das oft ungewollt und unbewusst stattfindet. Der Wissenschaftler und Psychiater Timmen Cermak, selbst in eine Familie mit alkoholkrankem Vater hineingeboren, hat mehrere pathologisch relevante Muster bei Menschen entdeckt, die in einer alkoholkranken Familie aufgewachsen sind. Unter anderem eine Ablehnung und Abstumpfung gegenüber den eigenen Gefühlen, Depressionen, eine krankhaft erhöhte Wachsamkeit gegenüber der Umwelt, zwanghaftes Verhalten, Ängste, die sich in verschiedenster Form äußern können, der Missbrauch von Suchtmitteln und stressbedingte Krankheiten. Nicht immer treten alle auf, nicht immer sind alle damit zusammenhängeden Verhaltensweisen pathologisch.

Langer Weg zur Erkenntnis

Auch ich habe viele dieser Muster bei mir und in meinem Leben entdeckt. Ich war beispielsweise lange, nachdem ich ausgezogen war, wegen einer Depression in psychotherapeutischer Behandlung, die ich lange nicht mit der Sucht meines Vaters in Verbindung gebracht habe. Bis heute habe ich Probleme in engen zwischenmenschlichen Beziehungen, meine Gefühle zu zeigen, einzuordnen und zu kommunizieren. Bis heute zucke ich bei überraschenden Bewegungen zusammen in sofortiger Abwehrhaltung, um mich gegen Schläge zu schützen und bis heute neige ich zu einer Art Workoholic-Lebensstil. Und auch viele andere Verhaltensweisen identifiziere ich erst jetzt mit Ende 20 nach und nach als dysfunktional in zwischenmenschlichen Beziehungen. Das zu verstehen hat lange gedauert, benötigte professionelle Hilfe und verlangt mir und meinen nahestehenden Personen jeden Tag viel ab. Auch ganz typisch übrigens: Viele Kinder aus suchtkranken Familien verstehen erst sehr viel später, was ihre Kindheit mit ihnen gemacht hat.

Warum Papa?

Häufig stelle ich mir die Frage: Warum? Warum ist ausgerechnet mein Vater suchtkrank gewesen? Leider kann ich nur mutmaßen. Mein Vater ist vor einigen Jahren gestorben, bevor er überhaupt 60 wurde. Ohne jemals in Suchttherapie gewesen zu sein, ohne sein Problem eingesehen zu haben und ohne ehrliches Gespräch über das Warum.

Meine Eltern kommen aus Polen und sind sehr jung nach Deutschland ausgewandert. Ich weiß nicht, ob er schon in Polen ein Alkoholproblem hatte, aber ich kann mir gut vorstellen, dass die Einsamkeit hier in Deutschland ein wichtiger Faktor bei der Entwicklung der Sucht war. Er hat beim Auswandern alle sozialen Kontakte zurückgelassen und hatte Probleme, hier in Deutschland soziale Kontakte zu finden. Er hat mit einem starken Akzent gesprochen und war Leiharbeiter. Das bedeutet, dass er häufig den Arbeitsplatz wechseln musste. Das hat es schwer gemacht, Beziehungen zu Kolleginnen und Kollegen aufzubauen. Seine Familie wohnte zum größten Teil noch in Polen. Ich glaube, er hat sich sehr einsam gefühlt. Etwas, das ich als Erwachsener gut nachvollziehen kann.

Warum hat er nie versucht, eine Suchttherapie zu machen?

Es gibt Vieles, was ich gern im Nachhinein ändern würde, wenn ich könnte. Nicht alle meine Verhaltensweisen sind schädlich für mich und mein Umfeld, nicht alles Gelernte macht mir Probleme. Auch Expertinnen und Experten warnen davor, Kinder suchtkranker Eltern grundsätzlich zu pathologisieren. Manche Eigenschaften, die sie aus dieser Zeit mitnehmen, machen sie zu besonders erfolgreichen Menschen. Und auch ich bin im Großen und Ganzen zufrieden mit mir und meinem Leben. Aber klar: viele der traumatischen Situationen in meiner Kindheit würde ich gern nicht erlebt haben. Gern wäre ich sorgloser und verantwortungsloser durch meine Kindheit gelaufen. Aber all das würde ich in Kauf nehmen, wenn ich nur eine einzige Sache ändern könnte. Dass sich mein Vater für eine Suchttherapie entschieden hätte. Es ist nicht meine Schuld, dass er es nicht getan hat und für alle, die das hier lesen und in einer ähnlichen Situation stecken oder gesteckt haben: Es ist nicht eure Aufgabe! Trotzdem: Es wäre schön gewesen. Vielleicht hätten wir über seine Sucht sprechen können. Darüber, wie er sich fühlt und gefühlt hat, darüber, dass ihm vieles von dem, was er getan hat, leid tut (daran glaube ich fest, denn er war ein guter Mensch, der einfach nur krank, einsam und gebrochen war) und vielleicht hätten wir mehr Zeit für einander gehabt. Vielleicht hätte er noch zu einem wichtigen Anker in meinem Leben werden können. Vielleicht hätte er noch erlebt, wie es ist, Enkelkinder zu haben, vielleicht hätte er mir noch mehrmals im Leben einen guten Rat in schwierigen Situationen geben können. All das konnte er nämlich nicht. Das ist schade für mich, für meine eventuellen zukünftigen Kinder und vor allem für ihn selbst.

Andreas Schneider ist freier Journalist und arbeitet für die ARD. Unter anderem für die Wissenschaftsredaktion Quarks vom WDR, das y-Kollektiv und für Radio Bremen. Er ist mit einem alkoholkranken Vater aufgewachsen, der vor einigen Jahren gestorben ist. Was diese Erfahrung mit ihm gemacht hat und wie sie ihn noch heute beeinflusst, beschäftigt ihn schon lange. Er hat dazu eine ausführliche Reportage beim y-Kollektiv gemacht.