14. Januar 2020

Spezifisches Behandlungssetting für Menschen aus Berufen mit besonderer Verantwortung

Die Berufsgruppen Polizei, Feuerwehr, Bundeswehr und Rettungskräfte sehen sich meist mit einer Fülle von Anforderungen, Aufgaben und Belastungen konfrontiert, die je nach Verarbeitungs- und Konfliktbewältigungsmöglichkeiten des Betroffenen Belastungsreaktionen und psychosomatische/psychische Symptome und Erkrankungen unterschiedlicher Ausprägung hervorrufen können.

Die Belastungen ergeben sich zum einen aus dem Einsatzgeschehen, wie z.B. der Konfrontation mit Verbrechen, Gewalt, schweren Unfällen, Tod und Suizid, andererseits aber auch aus der Organisation und Struktur der Arbeit, wo wechselnde Schichten, Wochenend- und Nachtdienste die dringend benötigte Ruhe und Erholung stören können. Familiäre oder partnerschaftliche Konflikte können Folge, aber auch Ursache der hohen Beanspruchung sein und schließlich selbst zum Problem werden. Lesen Sie hier ein Interview mit Dr. Peter Subkowski, Ärztlicher Direktor zweier Paracelsus-Rehakliniken.

„Man muss auch den Mut haben, psychotherapeutische Hilfestellung anzunehmen“

Dr. Peter Subkowski

Dr. Peter Subkowski, als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie haben sie jahrelange Berufserfahrung. Als Ärztlicher Direktor zweier Rehakliniken habe Sie vieles erlebt. Warum entwickeln Polizistinnen und Polizisten offenbar immer stärker psychosomatische- und/oder Suchterkrankungen?

Nach unserer klinischen Erfahrung mit Patienten aus dem Polizeibereich sind Polizeibedienstete einer zunehmenden größeren psychischen Belastung in ihrer Diensttätigkeit ausgesetzt. Da geht es nicht nur um teils traumatisierende Erlebnisse oder die Konfrontation mit Gewalt und Todesgefahr, sondern auch um den zunehmenden Personalmangel. Die fehlenden Personalressourcen in Kombination mit Schichtdiensten führt dazu, dass ein ausgleichendes gesundes Familien- oder Freizeitleben zunehmend schwerer wird und hier die Resilienz, das heißt die Verarbeitungskapazität zunehmend überschritten wird.

Wie kann sich diese Belastungsspirale äußern?

Nicht selten greift dann der betroffene Patient zum Alkohol oder anderen Suchtmitteln. Das können beispielsweise abhängig machende Beruhigungsmittel sein. Man glaubt zwar sich damit entspannen zu können, sekundär, oder man kann auch sagen schleichend, entsteht eine zusätzliche Suchtproblematik. Diese Patienten werden beispielsweise in unserer Suchtfachklinik behandelt, wo wir versuchen, gemeinsam mit den Patienten aus diesem Polizei-Berufsfeld andere Möglichkeiten der Entspannung, aber auch das sich notwendige Abgrenzen und eine bessere Selbstfürsorge, psychotherapeutisch zu erarbeiten.

Patient sein heißt ja, dass die Entwicklung schon vorangeschritten ist …

Natürlich. Aus meiner Sicht wäre es daher sinnvoll, mit Polizeibediensteten präventiv dahingehend zu arbeiten, übergroße Belastungen oder Traumatisierungen frühzeitig in Worte zu fassen, Hilfe zu suchen, zum Beispiel in Form von ambulanter Psychotherapie beziehungsweise einer gesünderen Lebensführung.

Die Herausforderungen für die Polizei sind größer geworden, die Aufgabenlast wiegt deutlich schwerer als noch Jahren. Bemerken Sie diese starken beruflichen Veränderungen der Polizeiarbeit auch bei Ihren Patienten?

Das kann ich durchaus bestätigen. Unsere Ärztinnen und Ärzte erleben in den letzten Jahren sehr wohl, dass die realen Belastungen von Polizistinnen und Polizisten mehr werden. Hinzu kommt, dass in vielen Dienststellen nicht selten ein großer Personalwechsel besteht und übermäßige Schichtdienste zu leisten sind. Dies führt dann dazu, dass bei dem einen oder anderen Polizeibediensteten seine persönliche Belastungsgrenze überschritten wird und eine psychische Erkrankung beziehungsweise Suchterkrankung entsteht.

Wenn ich Sie richtig verstehe, brauchen wir Sie also nicht von unserer berechtigten Forderung nach mehr Personal überzeugen?

Eher nicht. Aus meiner Sicht ist hier ganz klar die Politik gefordert, durch Neueinstellungen für entsprechende Entlastung zu sorgen.

Inwiefern können Sie ihre Therapieansätze den berufsspezifischen Bedingungen bei der Polizei anpassen, und wie funktioniert das?

Wir bieten in unseren Kliniken nicht nur Standardtherapiefelder wie Gruppenpsychotherapie, Einzelpsychotherapie, Sport- und Bewegungstherapie, Kunst- und Kreativtherapie oder Entspannungsverfahren. In spezifischen sogenannten indikativen, bedarfsorientierten Gruppen gehen wir gerade auf diese besonderen Belastungen ein. Da geht es zum Beispiel um den Umgang mit Stress, oder wir üben soziales Kompetenztraining. Insbesondere für Polizeibeschäftigte haben wir eine solche spezifische Gruppe eingerichtet. Einsteigen können dort auch andere Einsatzkräfte, die zur Behandlung in unseren Häusern sind, also Feuerwehrleute oder Rettungssanitäter.

Was passiert dort genau?

In dieser themenzentrierten Gruppe bearbeiten wir den Umgang mit Belastungen, mit Traumata. Wir sehen uns den Dienst an der Waffe an, blenden aber auch Konflikte mit Kollegen und Vorgesetzten nicht aus. Hier geht es zunächst – und das ist entscheidend – darum, die individuellen Belastungen in Worte zu fassen und sich hierüber zu entlasten. Besonders geschulte Therapeuten, die zum Teil aus dem Bereich der Polizei kommen, suchen gleichzeitig nach konstruktiven Lösungsmöglichkeiten für Abgrenzungen oder den Umgang mit Konflikten. Wir können sagen, dass sich aus unserer Sicht, ein solch spezifisches Therapiekonzept seit vielen Jahren bewährt hat. Aber es geht natürlich auch um den Mut, psychotherapeutische Hilfestellungen erst einmal annehmen zu wollen.

In unserer Paracelsus-Wittekindklinik Bad Essen werden in diesem Setting folgende Beschwerden behandelt:

  • Erschöpfungssyndrome
  • Depressive Symptome
  • Ängste und Angsterkrankungen
  • Belastungsreaktionen und Traumatisierungen
  • Private oder berufliche Lebens- und Sinnkrisen
  • Essstörungen (Adipositas, Bulimie)
  • Alkohol- und Medikamentenmissbrauch