Patienten-Umfrage
27. September 2021

“Ich lebe!”

“Ich hab noch Leben” – Mit diesem authentischen Blog zum Thema Krebs, teilweise von Patientinnen und Patienten selbst aufgeschrieben, möchten wir Mut machen und verschiedene Wege zurück ins Leben aufzeigen. Denn eines haben wir von den Betroffenen gelernt: Das Leben ist immer lebenswert.
Diese Geschichte ist eine von vielen unserer onkologischen Patientinnen und Patienten. Weitere Geschichten haben wir hier im Menü für Sie verlinkt. Schauen Sie rein. Jede einzelne geht ans Herz!


Helene Gräf, verheiratet, zwei Kinder

Ich lebe

Das Wichtigste für mich im Leben ist eine gute Ausbildung für die Töchter. Als ich selbst Kind war, gab es diesen Anspruch noch nicht, eigene Potenziale ausschöpfen zu wollen. Das stellte sich als Mangel in meinem Leben heraus. Feste Familienbande sind mir das Wichtigste, ich bin der Pfeiler meiner Familie.

Die Diagnose

Beim regelmäßigen Abtasten der Brust stellte ich einen Knoten fest. Ich habe an etwas Harmloses gedacht, wird schon nichts Schlimmes sein. Die Mammografie blieb ohne Befund

Die Sonografie brachte dann einen Befund. „Da ist etwas”. Zwei Wochen musste ich auf das Ergebnis warten. Der Arzt sagte: „Na dann viel Glück!” Ich fragte mich: „Wieso Glück?
Warum dieser Sarkasmus?“ Es wurde zu einer stressigen Situation für die ganze Familie, es waren lange Wochen.

Behandlungszeit und Veränderungen im Leben

Ich suchte nach einer passenden Klinik für die Operation. Informationen im Internet zu den Kliniken und Brustzentren zeigten nur kalte Fakten, Leistungen. Nichts, was die Seele sucht. Das Gefühl der Enttäuschung machte sich breit. Vor der ersten OP fragte ich mich: „Wie sehe ich nachher aus, bin ich dann noch schön?” Danach die Erleichterung, alles überstanden, alles geschafft es geht weiter! Dann folgte schnell Ernüchterung, eine zweite Operation war erforderlich, der Krebs hat gestreut, Metastasen sind da. Ich erlebte ein Wechselbad der Gefühle, mal Hoffnung, mal Enttäuschung.

In der zweiten OP konnte eine Amputation nicht verhindert werden. Zur Vorbereitung auf diese zweite Operation war mein Mann dabei. Der Arzt sagte: „Viele Frauen entscheiden sich gegen eine Amputation, weil sie nicht wissen, wie der Partner reagieren wird. Die Reaktion meines Mannes: „Du sollst gesund werden, alles andere spielt keine Rolle.“ Also wollten wir beide dasselbe. So hat unsere Ehe Schliff bekommen, hat eine Bewährungsprobe überstanden. Aufatmen, Erleichterung, Dankbarkeit. Wie sehe ich jetzt aus? Schön ist etwas anderes. Ich bin eitel und will es auch bleiben. Ich freue mich auf die nächste, die dritte OP, eine Ausgleichs-OP. Ich freue mich auf den ersten Saunabesuch ,,danach”. Bisher gingen wir in keine Sauna mehr. Ich hoffe darauf, mich selbst wieder schön zu finden. Früher plätscherte das Eheleben so dahin, nichts Besonderes passierte, nichts Außergewöhnliches. Die Situation jetzt ist außergewöhnlich. Wir sind einander wertvoller geworden.

Die Zeit in der Reha-Klinik

Meine Ziele hier in der Paracelsus Klinik: Fragen klären, medizinische und arbeitsrechtliche. Klare Vorstellungen entwickeln, wie es weitergehen soll. Fit werden, Gymnastik, Freude am Sport entwickeln. Selbstmitleid anderer Patienten kann ich nicht gebrauchen, das stärkt mich nicht. Wenn ich jedoch jemanden treffe, der ein offenes Ohr und ein mitfühlendes Herz braucht, dann habe ich Zeit und öffne mich. Ich denke über die Vergangenheit nach: „Hatte ich in der Behandlungsphase und während des Krankenhausaufenthaltes genügend Zeit für meine Töchter? Bin ich immer noch so, wie ich es früher war und konnte ich auf ihre Probleme eingehen?

Zukunft und Ausblick

  • Ich will bewusster leben
  • Ich will jeden Tag als wertvoll betrachten, gemeinsam mit meinem Mann
  • Die Krankheit hat mir gezeigt: „Das Leben kann ganz schnell zu Ende sein – wie habe ich es gelebt?“
  • Ich habe ein Lebensmotto für mich formuliert: „Ich nehme alles was kommt selbst in die Hand, ich jammere nicht. Wenn ich stark bin, dann sind auch die anderen stark.“

So bin ich weiter der Pfeiler in meiner Familie, trotz Brustamputation. Ich lebe. Für mich, für andere. Ich bin durch Tiefen gegangen, die waren so richtig tief. Nun stehe ich wieder auf einem Hügelchen. Ich drehe mich nicht um und schaue zurück in das tiefe Tal. Ich schaue vorwärts auf den nächsten Hügel, auf den nächsten Berg und freue mich über die prachtvolle Aussicht, die sich mir bieten wird.